Frankfurter Entwicklung

Fokussiert man den Blick auf Frankfurt am Main, so zeigt sich eine prosperierende Stadt, die seit Jahrzehnten durch Zuwanderung geprägt ist. So ist es kein Zufall, dass hier vor 20 Jahren die bundesweit erste Behörde entstanden ist, die im öffentlichen Auftrag kommunale Integrationsaufgaben wahrnimmt. Die Entwicklung einer multikulturellen Stadtgesellschaft ist immer im Zusammenhang mit nationalen und internationalen Ereignissen zu betrachten. Fünf Ereignisse haben die Migrations- und Integrationspolitik Frankfurts in der jüngeren Zeit beeinflusst:

  1. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/1990 und die danach beginnende Öffnung der Sowjetrepubliken sowie der einsetzende Zerfall der Sowjetunion markieren den Beginn einer starken Zuwanderung aus Osteuropa.
  2. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien Anfang der 90er Jahre brachte für Frankfurt einen starken Anstieg von Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsgebieten des zerfallenden Landes. Die Flüchtlingszahlen waren über Jahre so hoch, dass die Bevölkerungsgruppen des ehemaligen Jugoslawien bis 2005 die größte ausländische Gemeinschaft in Frankfurt stellten.
  3. Das neue Staatsangehörigkeitsrecht aus dem Jahr 2000 bringt die sogenannte Optionsregelung. Kinder, die ab 2000 in Deutschland geboren werden und deren Eltern bestimmte aufenthaltsrechtliche Bedingungen erfüllen, haben automatisch neben der elterlichen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sobald sie volljährig werden, müssen sie sich zwischen der deutschen und der Staatsangehörigkeit der Eltern entscheiden.
  4. Durch die EU-Osterweiterung in den Jahren nach 2004 ist die Zahl der EU-Bürger in Frankfurt aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern konstant angestiegen (2004: circa 9000, 2008: 13111).
  5. Das neue Zuwanderungsgesetz 2005 bestätigt Deutschland erstmals offiziell als Einwanderungsland. Auf Bundesebene organisierte Sprachkurse müssen von neu zugewanderten Personen verpflichtend besucht werden. Frankfurt am Main ist die fünftgrößte Stadt Deutschlands und wächst kontinuierlich, was zu einem erheblichen Anteil auf der Zuwanderung von Menschen nichtdeutscher Herkunft beruht. Tatsächlich ist Frankfurt am Main heute wie vor rund 20 Jahren die Kommune mit dem bundesweit höchsten Migrantenanteil (derzeit mit einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 24,3 Prozent)

Die nichtdeutsche Bevölkerung ist bunt gemischt und setzt sich aus Menschen aus rund 170 verschiedenen Nationen und mehr als 200 sprachlichen und kulturellen Traditionen zusammen. Heute wie damals stellen die Europäer den größten Anteil unter der ausländischen Bevölkerung: etwa drei Viertel der in Frankfurt lebenden Ausländer kommen aus Europa. Dabei haben Migranten aus den EU-Ländern den größten Anteil (rund 35 Prozent), gefolgt von Einwanderern aus der Türkei (rund 19 Prozent) und dem Balkanraum (rund 18 Prozent). Frankfurt ist nicht nur geprägt von großen Gruppen der ehemaligen Gastarbeiterländer, sondern seit langem auch von einer hohen Zahl kleiner und kleinster Gruppen aus aller Welt. Etwa einer von 30 Frankfurterinnen und Frankfurtern (rund 3 Prozent) stammt aus Asien und einer von 50 Einwohnern (rund 2 Prozent) stammt aus Afrika. Das Schlusslicht bilden Australien und Ozeanien mit rund 300 gemeldeten Personen.

Die statistische Erfassung nach Nationalitäten verstellt jedoch den Blick auf die sozialen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Differenzierungen. Hier wird es künftig darum gehen, den sozialen und kulturellen Dynamiken, die durch Einbürgerung entstehen, mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auch der seit 2005 erhobene Migrationshintergrund ist eine Hilfskonstruktion, die das Bild von „Deutschen“ und „Migranten“ reproduziert. Dennoch ist er vorläufig eine hilfreiche Kategorie und macht die komplexe Heterogenität der Frankfurter Bevölkerung sichtbar.

Rund 40 Prozent der Frankfurter Bevölkerung haben heute einen Migrationshintergrund; in einigen Stadtteilen wie im Gallus oder im Gutleutviertel und besonders in der jungen Generation liegt der Anteil bei nahezu 50 Prozent, mit steigender Tendenz. Die kommunale Integrationspolitik interessiert sich dabei besonders für Fragen nach Zugehörigkeitsgefühl und Identität der Jugendlichen.

Die Ergebnisse der Frankfurter Integrationsstudie 2008 zeigen, dass die meisten Frankfurter eine starke oder sehr starke Bindung zu Frankfurt (2007: 80 Prozent mit Migrationshintergrund, 85 Prozent ohne Migrationshintergrund) aufweisen, die für Frankfurter mit Migrationshintergrund sogar die gefühlte Zugehörigkeit zu Deutschland und zum Herkunftsland der Eltern übersteigt.

Die zunehmende Zahl binationaler Eheschließungen ist ein weiteres Indiz für einen Wandel der Stadtgesellschaft und eine Tendenz zu multikulturell angelegten Lebensentwürfen. Ihr Anteil stieg von 1989 bis 1998 auf 30 Prozent an. 1989 waren beide Partner, die sich das Jawort gaben, zu 74 Prozent deutsche Staatsangehörige, während bei 20 Prozent ein Partner nichtdeutsch war. 2002 wurden nur noch 58 Prozent der Ehen zwischen zwei Deutschen geschlossen.

32 Prozent gehörten zur Paarkonstellation deutsch/ausländisch. Dieser Trend scheint seitdem wieder rückläufig zu sein, wenn auch der Anteil an binationalen Ehen weiterhin hoch bleibt. So wurden 2008 noch rund ein Viertel der Ehen (24,3 Prozent) zwischen einem deutschen und einem ausländischen Partner geschlossen.

An den in Frankfurt geborenen Kindern lässt sich die interkulturell geprägte Stadtgesellschaft deutlich ablesen: Zwei Drittel der Neugeborenen haben mindestens einen ausländischen Elternteil. Über neunzig Prozent der Neugeborenen im Jahr 2008 haben die deutsche Staatsbürgerschaft, zum Teil mit einer zweiten oder manchmal dritten Staatsangehörigkeit, die sie von ihren Eltern haben. Es ist zu erwarten, dass in naher Zukunft die Mehrheit der Bevölkerung Frankfurts einen multikulturellen Hintergrund haben wird.

Aufschlussreich ist neben den verschiedenen kulturellen Einflüssen auch das Interesse vieler Frankfurter, einen deutschen Pass und somit auch Zugang zu allen damit verbundenen Rechten zu erhalten. Rund 3000 Einwohner wurden 2008 deutsche Staatsbürger. Insgesamt ist die Anzahl der Einbürgerungen nach einem stetigen Anstieg nach 1990 und dem Höhepunkt im Jahr 2000 in den letzten Jahren gesunken. Es ist anzunehmen, dass viele EU-Bürger die deutsche Staatsangehörigkeit nicht annehmen, weil der EU-Status auf der kommunalen Ebene weitgehend gleiche Rechte garantiert.

Dies zeigt, dass Interkulturalität und Heterogenität prägende Merkmale der Frankfurter Stadtgesellschaft sind. AmkA