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Muslime in der Verantwortung?

Was können muslimische Gemeinden leisten, um gegen Radikalisierung vorzugehen und welche Verantwortung tragen sie? Ein Gespräch mit Prof. Mohammed Khallouk, Islamwissenschaftler und Vorstandsmitglied des Deutsch-Islamischen-Vereinsverbandes Rhein-Main.

Welchen Einfluss hat die aktuelle Debatte über Salafismus und Radikalisierung auf das Bild des Islam in der Öffentlichkeit?

Sie fördert natürlich die Assoziation des Islam mit Gewalt und Extremismus. Außerdem rückt sie die Tatsache aus dem Bewusstsein, dass über 90% der Muslime in Deutschland ihre Religion im Einklang mit den Werten des deutschen Grundgesetzes ausüben und selbst die Mehrheit der Salafisten ihre Religion friedlich ausleben.

Warum scheint islamischer Extremismus für einige junge Menschen in Deutschland so attraktiv zu sein?

Bei islamischem Extremismus ist das nicht anderes als bei jedem anderen religiösen oder politischem Extremismus: Er erreicht vor allem diejenigen Jugendlichen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft und ihren Autoritäten in Schule, Elternhaus und Politik benachteiligt und nicht verstanden fühlen. Wenn sie sich mit der Mehrheitsgesellschaft nicht identifizieren können, suchen sie im Extremismus eine Ersatzautorität.

Welche Handlungsoptionen haben aus Ihrer Sicht muslimische Vereine und Gemeinden, um gegen Radikalisierung vorzugehen?

Wichtig ist eine muslimische Jugendarbeit, die sich an den Bedürfnissen und der Lebenswelt der in Deutschland Heranwachsenden orientiert. Hierzu braucht es Imame und Pädagogen, die sich bereits mit der Situation von muslimischen Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten und Konfliktelternhäusern auseinandergesetzt haben. Erfolgreich kann auch eine Zusammenarbeit mit Jugend- und Sozialämtern sein, wenn keine Seite sich gegenüber der anderen als arrogant und besserwissend zeigt. Die muslimischen Gemeinden können allerdings auch nicht die Erziehungsaufgabe der Eltern und Lehrer übernehmen, sie können sie allenfalls ergänzen, zumal ihnen weder qualifiziertes Personal noch öffentliche Fördermöglichkeiten zustehen. Fast alle muslimischen Vereine und Gemeinden stützen sich ausschließlich auf ehrenamtliche Mitarbeiter.

Meistens wird islamistischen Extremisten in Deutschland etwas auf politischer Ebene entgegengesetzt. Kann das auch auf theologischer Ebene sinnvoll sein?

Die theologische Ebene ist mindestens ebenso wichtig wie die politische Ebene. Wenn ein Imam sich bereit zeigt, mit den Jugendlichen in einen ernsthaften Dialog zu treten und auf ihre Fragen einzugehen, kann das helfen. Weiterhin sollten die Theologen in der Lage sein, anhand des islamischen Schrifttums den Jugendlichen zu erklären, dass die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, die Extremisten vermitteln, im Islam keine Grundlage hat.

Was können Gesellschaft und Politik leisten, um Radikalisierung entgegenzuwirken?

Zum einen müssen sie den stigmatisierenden Diskursen entgegenwirken. Das betrifft besonders die Medien. Politik und Medien müssen herausstellen, dass Islam nicht mit Gewalt und Intoleranz gleichzusetzen ist und dass der Salafismus ein Verständnis des Islam ist, das sich an den Idealen der islamischen Frühzeit orientiert. Die Politik muss verdeutlichen, dass Gewaltbereite unter Salafisten wie allgemein unter Muslimen eine kleine Minderheit darstellen. Zum zweiten sollte die Politik über Schulen, Jugendämter etc. Programme realisieren, die sich speziell an bildungsferne Schichten richten und den Jugendlichen vermitteln, dass sie als Muslime in der deutschen demokratischen Gesellschaft Chancen und eine Zukunft besitzen. Dadurch fördert man einen demokratischen Patriotismus bei den Jugendlichen.

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