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Von der Mischehe zur bikulturellen Partnerschaft

Deutschland wird immer vielfältiger, Partnerschaften und Ehen werden es auch. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie stark sich deutsche Zuwanderungsgeschichte auch in der Liebe zwischen Menschen widerspiegelt.

Schon immer waren Menschen von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen umgeben. Nicht nur Staats- oder Stadtgrenzen definierten den menschlichen Handlungsrahmen, sondern auch etwa Grenzen zwischen Konfessionen, sozialen Schichten, Berufen oder Kulturen. Zugleich gab es auch schon immer Menschen, die mit ihrer Partnerwahl solche Grenzen überschritten. In Literatur, Film und Kunst finden sich zahlreiche solcher Beispiele, wie etwa die Tragödie von Romeo und Julia. Grenzen in der Partnerwahl sind auch in unserer heutigen Gesellschaft nicht verschwunden, wenngleich der Radius, in dem sich Menschen bewegen können, mit der Zeit weiter geworden ist. Immer mehr Menschen heiraten grenzüberschreitend und auch die Bezeichnungen für ihre Partnerschaften sind differenzierter geworden.

Begriffe im Wandel der Zeit

Lange wurde im deutschsprachigen Raum der Begriff der Mischehe verwendet, um Ehen zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität, Kultur, Religion oder Ethnizität zu charakterisieren. Nicht selten fand diese Verwendung mit rassistischem Unterton statt, etwa bei Partnern unterschiedlicher Hautfarbe. Während der NS-Zeit wurde dieser Begriff zu einer amtlichen Bezeichnung, mit der Ehen klassifiziert wurden, die der Rassenideologie der Nationalsozialisten widersprachen. So vor allem Ehen zwischen Juden und Nicht-Juden. Aufgrund seiner historischen Vorbelastung wird der Begriff der Mischehe heute nicht mehr verwendet. Anstelle dessen hat sich der Begriff binational etabliert, um auf unterschiedliche Nationalitäten innerhalb einer Partnerschaft hinzuweisen. Um auf anderen Ebenen zu differenzieren, gibt es etwa die Begriffe bikulturell, multikulturell oder interkonfessionell.

Kurze Geschichte der binationalen Ehe

In Europa war es vor allem der Hochadel, der, früher als andere Gesellschaftsschichten, grenzübergreifend heiratete. Allerdings wurden solche, aus heutiger Sicht binationale Ehen, vor allem aus machtpolitischen Erwägungen heraus geschlossen. Im Zuge des wirtschaftlichen Wandels, aber vor allem durch Kriege und Vertreibungen, wurden Partnerschaften zwischen Einheimischen und Zugewanderten auch in anderen Bevölkerungsschichten immer häufiger. Rechtlich wurden binationale Ehen erst in Folge der Kolonialisierung und der damit einhergehenden Globalisierung der Partnerwahl geregelt. Seit der Einführung der gesetzlichen Zivilehe im Jahre 1875 waren Ehen zwischen Angehörigen unterschiedlichen Konfessionen und Religionen in Deutschland keine Ausnahme mehr.

Während der NS-Zeit waren binationale Ehen zwischen deutschen und nicht-deutschen Partnern im europäischen Raum formell legal, wurden aber in vielen Fällen trotzdem verboten oder sanktioniert. Der Umgang mit binationalen Paaren fokussierte sich dabei oft weniger auf ihre Nationalität als auf ihre Kompatibilität mit der Rassenideologie der Nationalsozialisten. Ausdruck dieser Ideologie war das sog. „Blutschutzgesetz“ von 1935. Es verbot Eheschließungen zwischen sog. „Deutschblütigen“ und Juden und stellte außereheliche Beziehungen zwischen ihnen als „Rassenschande“ unter Strafe. Trotz Stigmatisierungen und Verfolgungen entkamen dennoch viele Juden in Ehen mit Nicht-Juden der Deportation in die Konzentrationslager.

Der große historische Einschnitt des zweiten Weltkrieges hatte auch Auswirkungen auf das Heiratsverhalten der Deutschen. Sehr viele, vor allem junge Männer waren im Krieg gestorben. Im Jahr 1946 kamen in den westlichen Besatzungszonen auf drei Frauen nur noch zwei Männer. Die Anwesenheit alliierter Truppen führte dazu, dass viele der ersten binationalen Ehen nach dem Krieg zwischen deutschen Frauen und amerikanischen, britischen oder französischen Armeeangehörigen geschlossen wurden.

Binationale Ehen in Frankfurt und Deutschland

Die untenstehende Grafik zeigt, wie sich die Zahl binational geschlossener Ehen in Frankfurt seit dem Jahr 1965 entwickelt hat. Wenngleich die Frankfurter Zahlen höher als im Bundesdurchschnitt liegen, zeigt sich jedoch derselbe Trend: Seit den 60er Jahren heiraten immer mehr Menschen binational.

Abb. Binationale Eheschließungen in Frankfurt

 Quelle: Bürgeramt, Statistik und Wahlen

Zunächst waren es vor allem ausländische Männer, etwa Arbeitsmigranten aus Italien und der Türkei, die sich für eine Frau mit deutschem Pass entscheiden. Die Zahl der Frauen mit ausländischem Pass zog in den Folgejahren auf niedrigerem Niveau nach. Ab den 80er Jahren nimmt die Vielfalt der Nationalitäten bei binationalen Eheschließungen deutlich zu. Partner aus Afrika, Asien und Lateinamerika werden häufiger. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 steigt die Zahl osteuropäischer Partner an. Seit 1998 lässt sich ein starker Anstieg von Ehen zwischen deutschen Männern und türkischen Frauen beobachten.

Oft haben rechtliche Veränderungen einen widersprüchlichen Einfluss auf die Zahl binationaler Ehen. Erleichterungen bei den Einbürgerungsbedingungen im Jahr 1999 führten etwa statistisch dazu, dass aus binationalen Ehen nicht selten nationale Ehen oder „innerethnische Ehen“ wurden. So zum Beispiel im Fall vieler aus der Türkei stammender Paare, die statistisch in binationalen Ehen leben, da ein Ehepartner oft bereits eingebürgert ist. Dies ist ein Grund, weshalb Anfang der Jahrtausendwende die Zahl binationaler Partnerschaften in Frankfurt statistisch leicht zurückgeht. Insgesamt wächst unter Menschen mit Migrationshintergrund die Bereitschaft binational zu heiraten ab der zweiten Generation.

Wie viele binationale Ehepaare in Frankfurt genau leben, lässt sich allenfalls schätzen, da statistisch nur die Eheschließungen erfasst werden. So werden zum Beispiel Paare, die im Ausland heiraten und nach Frankfurt ziehen, in der Frankfurter Statistik der Eheschließungen nicht geführt. Zudem werden laufend Partner infolge einer Ehe eingebürgert und verschwinden auf diese Weise wieder aus der Statistik. Es wird geschätzt, dass deutschlandweit etwa 13 Prozent der verheirateten Paare in einer binationalen Ehe leben.

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