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08.05.2020 um 14:45 Uhr

"Wenn Frauen kaum sichtbar sind, wie sollen es Lesben sein?"

Drei Fragen an Elke Kreß von LIBS – Lesben Informations- und Beratungsstelle e.V. in Frankfurt

Die Stadtspaziergänge des Vereins LIBS begeben sich auf die Spuren lesbischer und frauenliebender Frauen. Sie führen zu Wohnorten, Cafés und Denkmälern, stellen aber auch einen Bezug zur Gegenwart her. Elke Kreß organisiert die Spaziergänge. Im Interview spricht sie über lesbische Sichtbarkeit und ihre Erfahrungen bei den Rundgängen.

Elke Kreß, die Geschichte von Frauen und Lesben im Besonderen gilt als wenig dokumentiert und erforscht. Warum ist das so?

Allgemein sind Frauen in der Öffentlichkeit wenig repräsentiert. Warum soll es dann bei lesbischen Frauen anders sein? Das Familienbild der Nazis hat gleichgeschlechtliche Liebe völlig ausgeschlossen. Die Angst, als Lesbe entdeckt zu werden, bestand aber noch Jahrzehnte danach.

Bis tief in die 1970er Jahre galt eine homosexuelle Lebensform als weitgehend tabu. Das änderte sich nur langsam, unter anderem mit der Wiedereröffnung lesbischer Kneipen und Gruppentreffen an Orten außerhalb des privaten Raums. Fakt ist: Die Erfahrungen von Lesben standen lange nicht im Interesse der Politik oder von Museen. So wurde es verpasst, Zeitzeuginnen zu befragen und ihr Leben zu dokumentieren.

Wie empfinden die Teilnehmenden die Entdeckungsreisen?

Geschichte ist ja immer kollektiv und nie abgeschlossen. Die Spaziergänge leben davon, dass alle etwas zu erzählen haben. Manche Schilderungen baue ich in die Tourengestaltung mit ein. Viele Teilnehmende schätzen auch, dass die Tour Vergangenheit und Gegenwart verknüpft. Zum Beispiel berichte ich am ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld über einen Prozess gegen ein Eschborner Frauenpaar im Jahr 1975 und die Gewalt, die Lesben und Lesbenpaare oft erlebt haben oder immer noch erleben. Zugleich thematisiere ich dort den alternativen CSD.

Um die nichtdokumentierte Geschichte von Lesben wiederspiegeln zu können, verweise ich auf die Lebenssituationen schwuler Männer und Trans-Personen, die oft mit ähnlichen Barrieren und Anfeindungen zu kämpfen hatten. Vor allem aber möchte ich bei den Führungen historische und gegenwärtige Lebensrealitäten von Lesben zeigen. Danach suchen die Teilnehmenden, das interessiert sie daher stark.

Sie besuchen auch die Denkmäler der Stadt. Gibt es eine lesbische Perspektive auf den Frankfurter Engel und auf Stolpersteine?

Für mich ist der Frankfurter Engel ein ganz wichtiges Denkmal. Die Initiative Homosexuellenmahnmal, die ihn in den 1990er Jahren auf den Weg brachte, dachte die Verfolgung lesbischer Frauen selbstverständlich mit. Am Engel erzähle ich davon und auch von der Entstehung der Skulptur. Viele wissen nicht, dass sie von der Künstlerin Rosemarie Trockel mit vielen detaillierten symbolischen Hinweisen auf die erlebte Gewalt und Ermordung von Lesben und Schwulen gestaltet wurde.

Ich weise hier gerne auch auf das AIDS-Memorial hin, das praktisch um die Ecke liegt und vielen nicht bekannt ist. Auf unserer Tour besuchen wir zudem den Stolperstein von Henny Schermann. Wir wissen nicht genau, ob sie tatsächlich Frauen liebte. Sehr wahrscheinlich führte ihre jüdische Herkunft zur Verhaftung und Ermordung. Allerdings wurde sie in Dokumenten der Nazis als "Lesbierin" beschrieben. Gerade deswegen ist es wichtig ist, sie als verfolgte Frankfurterin zu würdigen.

Das Interview führten Elena Barta und Lisann Scherer vom Amt für mutlikulturelle Angelegenheiten.

Infos zum LIBS

Seit 1992 unterstützt der Verein LIBS – Lesben Informations- und Beratungsstelle e.V. in Frankfurt lesbische und bisexuelle Mädchen*, Frauen* und Trans*Personen in Form von Beratung, Gruppen und Information. Vorrangiges Ziel ist es, Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung entgegenzutreten, fehlende Sichtbarkeit aufzuzeigen, Feindlichkeit zu benennen und sich dagegen zu positionieren.

Zum Nachlesen

 

Adresse

LIBS - Lesben-Informations- und Beratungsstelle e.V.

Alte Gasse 38
60313 Frankfurt am Main

E-Mail: info@libs.w4w.net
Telefon: 069-282883
Fax: 069-21999716
Web: http://libs.w4w.net/

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