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26.10.2015 um 11:45 Uhr

„Ärmel hochkrempeln, Probleme lösen“

Brandoberrat Markus Röck über Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof

Im vergangenen Herbst arbeiteten ehrenamtliche Spontanhelfer und die Frankfurter Feuerwehr Tag und Nacht gemeinsam daran, ankommende Flüchtlinge am Frankfurter Hauptbahnhof zu versorgen. Wie hat diese Kooperation funktioniert? Brandoberrat Markus Röck, Sprecher der Frankfurter Berufsfeuerwehr berichtet.

Herr Röck, seit Mitte Oktober hat der Frankfurter Verein die Organisation der ankommenden Flüchtlinge am Frankfurter Hauptbahnhof übernommen. Ehrenamtliche Spontanhelfer und die Frankfurter Feuerwehr konnten sich größtenteils zurückziehen. Hatten Sie danach Zeit zum Durchatmen?

Mit Blick auf die Arbeitsstunden können wir seitdem tatsächlich etwas durchatmen. Auch wenn das vermutlich das falsche Wort ist. Denn auch wenn wir nicht mehr am Hauptbahnhof im Notbetrieb arbeiten – das Thema beschäftigt uns weiter. Unsere Leitstelle organisiert etwa den Bustransport der Flüchtlinge zu den Notunterkünften. Außerdem geben wir Personal mit sehr viel Expertise an die städtische „Stabsstelle Flüchtlingsmanagement“ ab. Nicht zuletzt sind viele Kollegen auch privat engagiert. Hinzu kommt: Das normale Geschäft geht ja weiter – 24 Stunden. Sollten wieder schlagartig viele Flüchtlinge in Frankfurt ankommen, müssen wir die ganze Maschinerie wieder anschmeißen.

Wie stellte sich die Situation dar, als sie am Hauptbahnhof ankamen?

Wir waren seit dem 12. September mit durchschnittlich vier bis fünf Personen eingesetzt.  Als ich drei Tage zuvor zum ersten Mal da war, lagen am Hauptbahnhof Dinge wie Schuhe, Kleidung, Nahrungsmittel wild auf einem riesigen Haufen. Was denkt man sich da als Feuerwehrmann? Das ist sportlich, was die ehrenamtlichen Helfer machen, aber es scheint ja irgendwie zu funktionieren. In dieser Zeit hatten wir schon die ersten Kontakte geknüpft. Als wir dann am 12. September zu unserem Einsatz kamen, hatten die ehrenamtlichen Helfer schon einen Großteil des Gleises 24 in Beschlag genommen. Alles war sehr improvisiert, sehr emotional. Einige Gruppen haben miteinander, andere gegeneinander organisiert. Aber es war doch erstmal beeindruckend, was so ohne Führungsorganisation geht.

Wie gestaltete sich die Situation die darauffolgenden Tage?

An den ersten Tagen nach dem 12. September war die Situation schon grenzwertig, da durch Sonderzüge schlagartig sehr viele Menschen versorgt werden mussten. Nach einigen Tagen hatte sich das dann eingespielt. Ohne die Spontanhelfer wäre das ganz eng geworden. Schon allein, was Dolmetscherdienste angeht. Kaum jemand von uns kann Arabisch, Farsi oder Pashtu.
Schon bevor wir kamen, hatten die Helfer Essen zur Verfügung gestellt. Es wurden nicht nur Brote geschmiert. Jeden Abend kamen die gleichen Menschen mit einem großen Topf selbstgemachtem Essen zum Hauptbahnhof. Auch einige Mitarbeiter der umliegenden Imbissstände haben etwas zu Essen vorbeigebracht. Allerdings können hygienische Probleme entstehen, wenn so etwas zu lange liegt, weshalb wir über die Stadt Lunchpakte organisiert haben.

In welcher Lage kamen die Flüchtlinge an?

Das hat sich mit der Zeit merklich gewandelt. Am Anfang kamen Menschen an, bei denen man den Eindruck hatte, dass sie noch Geld hatten. Sie konnten sich eine eigene Fahrkarte kaufen, kamen teilweise mit Trolley. Auch das äußere Erscheinungsbild passte dazu. Das waren Menschen, die auf gewisse Ressourcen und Netzwerke zurückgreifen konnten. Mit der Zeit hat sich das immer weiter verschlechtert. Viele der Ankommenden waren vollkommen fertig mit den Nerven. Es gab aber auch viele, die ganz positiv gestimmt hier ankamen. Es gab beides. Als es dann wirklich kühler wurde, wurde allen klar, dass die Menschen nicht einfach so am Bahnsteig schlafen können. Wir haben dann in einem Gebäude am Gleis 24 Feldbetten bereitgestellt, damit sich gerade Frauen und Kinder einmal zurückziehen können. Natürlich hatte das nicht das Niveau eines Hotels, aber sie waren sehr dankbar dafür.

Wie haben sich Ehrenamtliche und Feuerwehr koordiniert?

Für die Spontanhelfer war das zentrale Führungsinstrument WhatsApp, um schnell viele Menschen zu mobilisieren. Außerdem wurden Facebook und Twitter genutzt. Bis zu einer gewissen Ebene an Organisation und Koordination reichen diese Kommunikationsmittel tatsächlich aus, aber irgendwann kommt man da an eine Grenze. Wir als Feuerwehr haben versucht das durch unsere Fähigkeiten zu kompensieren. Das betrifft vor allem unsere Art der Kommunikation, die ganz anders funktioniert. Normalerweise sind wir es gewohnt in Strukturen zu führen, in denen eine ganz spezielle Befehlstaktik angewendet wird. Klare Hierarchiestruktur. Wie beim Militär. Der eine sagt dem anderen, was zu tun ist. Und auf einmal hat man es mit Spontanhelfern zu tun, die darauf einfach keine Lust haben. Damit muss man lernen umzugehen. Führen auf Augenhöhe war das Stichwort. Letztlich ging es mehr um das Koordinieren als um das Führen. Ähnlich , wie es bei großen humanitären Einsätzen der Fall ist.

Wie sah diese Koordinierung konkret aus?

Um einen guten Informationsfluss in beide Richtungen zu organisieren, haben wir eine Gruppe an Helfern, die uns über Tage hinweg sehr vertrauensvoll erschien, für uns als Koordinierungsgruppe festgestellt. Diese Gruppe nahm dann mit uns, der Bahn und der Bundespolizei jeden Abend an Lagebesprechungen teil. Das war für uns wichtig, aber auch für die Helfer, da sie teilweise nicht wussten, welche Prozesse im Hintergrund ablaufen. Zugleich hatte diese Gruppe hatte dann für uns auch eine Art Dolmetscherfunktion in die Gruppe der ehrenamtlichen Helfer hinein. Denn zu viert oder zu fünft mit hunderten Menschen zu kommunizieren kann nicht gutgehen.

Insgesamt ging es darum, dass wir unsere Fähigkeiten mit den Fähigkeiten der Spontanhelfer in eine sinnvolle Kombination führen. Möglichkeiten, die Spontanhelfer nicht hatten, etwa die Bereitstellung von Material und Logistik haben wir übernommen. So wurde etwa eine Infrastruktur an Tischen zur Verfügung gestellt, wodurch wir auf einmal steuern konnten,  wo welche Dinge stehen. Wir konnten mit unserer Fähigkeit Bauzäune anfordern, wodurch wir die Möglichkeit hatten den Raum, etwa durch Sichtschutz, zu strukturieren. Dadurch, dass wir die Buskoordination machen, hatten wir Kontakte und Informationen, die für Spontanhelfer wichtig waren.

Können Sie die ehrenamtlichen Helfer  charakterisieren, die sie in der Zeit kennengelernt haben?

Wir hatten es mit ganz unterschiedlichen Menschen zu tun. Unter ihnen waren Personen, die  finanziell mehr als auf der gemachten Seite stehen, es gab aber auch Hartz4 Empfänger. Wir hatten es mit professionellen Sozialarbeitern zu tun, die sich in ihrer Freizeit engagieren. Unter den Helfern waren viele Menschen, die aus einem politischen oder religiösen Hintergrund heraus mitgemacht haben. Das sind nur einige Beispiele.  Spannend war es, dass es unter den Spontanhelfern sehr viele junge Frauen Mitte/ Ende 20 gab. Im Berufsleben sehr gut integriert, alle mehrsprachig, teilweise mit Migrationshintergrund.

Welches waren Ihre Erfahrungen mit Helfern aus religiösen Gemeinden?

Auch da haben wir ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Vielen Menschen aus religiösen Gemeinden war es vor allem wichtig, mit ihrem Know-how und ihren Sprachkenntnissen pragmatisch den ankommenden Menschen zu helfen. Ihre Religion stand dabei nicht im Vordergrund. Es gab allerdings auch Situationen, in denen man hier und da auch etwas sagen musste. Oft waren es Kleinigkeiten. Wenn zum Beispiel jemand die Flüchtlinge mit „Meine Brüder und Schwestern“ angesprochen hat, war es klar, dass einige der Helfer sich daran gestört haben oder sich sogar nicht mehr beteiligen wollten. Religion ist in meinen Augen etwas feines, doch in dieser Situation hat es vor allem polarisiert und den Grundkonsens der Zusammenarbeit gestört. Als Institution Feuerwehr muss man gerade in solchen Situationen ganz besonders auf Neutralität achten.

Gab es weitere Problemsituationen?

Selbstverständlich gab es sie. Dabei ging es meist um Menschen, die unter den Helfern auf so viel Ablehnung gestoßen sind, dass sie nicht mehr tragbar waren. So gab es etwa den Fall, das selbsternannte Dolmetscher Menschen in Moscheen oder religiös in eine ganz bestimmte Richtung drängen wollten. Ferner gab es auch Hinweise, dass da Menschen unterwegs waren, die nach einem Kind Ausschau halten, dass keiner vermissen könnte. Da muss man ganz besonders die Augen aufhalten. Fälle von Diebstählen oder Handgreiflichkeiten konnte man an einer Hand abzählen. In Einzelfällen mussten auch Personen über das Hausrecht der Deutschen Bahn entfernt werden. Dazu muss man aber sagen, dass es am Hauptbahnhof jeden Tag Problemsituationen gibt. Wenn man das mitbeachtet, war die Situation in meinen Augen relativ entspannt.

Eine anderer Aspekt waren Menschen, die einfach vorbeikamen, um mal zu gucken und Fotos zu schießen. Darunter einige Männer, die vor allem die vielen jungen Frauen unter den Helfern kennenlernen wollten. Aber vieles hat sich da von selbst sortiert. Nicht zuletzt wurde man von Menschen angesprochen, die einem sagen, dass der Einsatz für Flüchtlinge ein Verbrechen an Deutschland sei und man es sofort zu unterlassen habe. Da geht man kurz in die Diskussion, macht seinen Standpunkt klar und schickt die Person ihres Weges. Schön ist das nicht.

Wie blicken Sie auf die Zeit mit den ehrenamtlichen Spontanhelfern zurück?

Ich persönlich möchte diese Erfahrung nicht missen. Ich glaube die Spontanhelfer auch nicht. Für sie war es auch eine sehr intensive Erfahrung im Leben so etwas auf die Beine zu stellen. Mit einigen haben wir immer noch Kontakt. Für uns war es sehr bemerkenswert und auch ein ungewöhnliches Phänomen, dass die Helfer über vier Wochen am Stück durchgehalten haben – Tag und Nacht. Wir haben immer wieder gesagt: „Dass ihr so zäh seid, hätte keiner von uns vermutet.“ Das war schon am Anfang beeindruckend. Aber im Nachhinein ziehen wir ganz hochachtungsvoll den Hut und verneigen uns vor dieser Leistung. Ohne dabei  die Ehrenamtlichen bei der freiwilligen Feuerwehr und beim THW außer Acht zu lassen, die sich auch wahnsinnig reingekniet haben. Aber von diesen Kameraden wussten wir bereits zuvor, dass Sie immer 100% geben.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

In der Zeit am Hauptbahnhof waren wir im Modus: „Ärmel hochkrempeln, Probleme lösen“. Das sind wir teilweise immer noch. Doch nach und nach wächst bei uns das Gefühl, dass man langsam ein „big picture“ braucht. Wo wollen wir hin? Was ist der große Plan? Wie wollen wir, mit dem Anspruch humanitär auf diese Katastrophe im Nahen Osten zu reagieren, die Situation langfristig meistern? Frankfurt kann diese Lage nicht alleine lösen – das ist eine Nummer zu groß. Doch wir sind als Stadt nicht am schlechtesten aufgestellt, schon allein dadurch, dass wir das AmkA haben. Jedes Problem kann eine Chance sein. Aber wenn man die Chance nicht ergreift, kann sie zu einem Problem werden.

Adresse

Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main


Frankfurt am Main

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