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04.12.2013 um 11:30 Uhr

Alle unter einem Dach

In Berkersheim treffen sich jeden Sonntag Gläubige aus der ganzen Welt

Erst Gotteshaus für die amerikanischen Baptisten, jetzt ein Ort, an dem Menschen aus rund 28 Ländern Gottesdienst feiern. Mitten in Berkersheim, einem ländlichen Stadtteil von Frankfurt. Der Pfarrer: Assis da Silva aus Brasilien. Erst wenige Monate hier, stellt er sich der Herausforderung einer multikonfessionellen Kirche.

Indische Saris leuchten aus den Stuhlreihen. Südamerikanisch aussehende Menschen lächeln einem freundlich zu. Eine Frau aus Rumänien leitet die kleine Gruppe an, die sich vor dem Gottesdienst mit poppig klingenden Liedern einsingt. Ihre Strophen loben und preisen den Herrn. Es sind Menschen aus aller Herren Länder, die hier unter dem spitzen Holzdach, das bis zum Boden reicht, zusammenkommen. „Ich würde in gar keiner anderen Gemeinde mehr arbeiten wollen als in einer multikulturellen“, sagt Rodrigo Assis da Silva. Auch wenn das Herausforderungen mit sich bringt, hat er die Gewissheit: „Ich liebe diese Arbeit. Sie ist für mich sehr bereichernd. Gott hat mich dafür bestimmt.“ Seit August 2013 ist Assis da Silva Pastor im kleinen Stadtteil im Frankfurter Norden.

Ein Überbleibsel der Amerikaner

Ein Blick in die Geschichte der Baptisten-Kirche in Berkersheim zeigt allerdings, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass Rodrigo Assis da Silva hier und heute Pastor ist. Denn die kleine Gemeinde stand mehrfach vor dem Aus. 1963 erbaut für die Baptisten der in Frankfurt stationierten US-Amerikaner und deren Familien, verlor die Kirche mit dem Abzug der Truppen ihre Mitglieder. Unter dem Druck des drohendend Endes versuchte sie sich neu auszurichten und wurde „international“. In der Kirche wehen dem Besucher heute Fahnen unterschiedlicher Nationen als Zeichen der Offenheit entgegen: Kleine Flaggen aus Algerien und Kamerun, Serbien und Uruguay oder auch Neuseeland und Dänemark sind an einem Holzvorsprung angebracht. Größere Fahnen, darunter auch die US-amerikanische, die brasilianische und die deutsche, hängen an den schrägen Wänden. Wenn heute an die hundert Menschen einen Gottesdienst besuchen – obwohl die Gemeinde nur 40 feste Mitglieder hat – ist das keine Selbstverständlichkeit. Denn der Wandel war nicht leicht.

Gottesdienst in englischer Sprache

Menschen aus rund 28 Ländern – beispielsweise Kolumbien, Ghana, Kenia, Nigeria, Jamaika, Ukraine, China, Russland, Litauen, England oder Deutschland - besuchen die Gottesdienste der Bethel International Church. Die vielen unterschiedlichen kulturellen Hintergründe sind das eine, was in der kleinen Kirche unter einem Dach vereint ist. Die unterschiedlichen Glaubensrichtungen das andere. „Hier in der Kirche sind nur wenige Menschen Baptisten. Die meisten kommen vor allem wegen des Gottesdienstes in englischer Sprache“, erzählt Assis da Silva.

So finden sich auch Katholiken, Protestanten oder Kopten, ägyptische Christen, unter den Besuchern. Möglich wird das durch eine „associate membership“. So muss keiner seinen Glauben verneinen, kann aber dennoch am Gottesdienst teilnehmen. Und das wiederum ist möglich, da Baptisten Christen sind. Auch sie stellen Jesus, Gott und den heiligen Geist in den Mittelpunkt ihres Glaubens, berufen sich auf die Bibel und feiern Taufe und Abendmahl. Am meisten haben sie mit den Protestanten gemein. „Der Hauptunterschied zwischen Baptisten und Protestanten ist die Taufe. Während wir Baptisten uns als Erwachsene zur Taufe entscheiden, lassen Protestanten ihre Kinder meist schon als Baby taufen. Wir glauben, dass es besser ist, wenn ein Mensch selbst getauft werden möchte und dass er bei der Taufe verstehen können muss, was Glaube bedeutet.“

Kompromisse gehören dazu

In der Bethel International Baptist Church braucht es also zwei Seiten, die sich füreinander öffnen: die Kirche und die Gläubigen. „Unsere größte Herausforderung ist es, Menschen zu helfen, einander zu verstehen. Denn sie kommen aus verschiedenen religiösen Richtungen, haben andere kulturelle Hintergründe. Ich selbst lerne jede Woche etwas Neues“, sagt Assis da Silva lächelnd. „Die einen legen ihre Bibel unter die Bank, während die anderen das niemals tun würden, es als große Sünde ansehen, da man so nicht mit dem Wort Gottes umgeht. Die einen müssen ihre Schuhe ausziehen, wenn sie den Kirchenraum betreten. Andere würden das niemals tun. Afrikaner beispielsweise drücken ihren Glauben sehr spontan aus. Sie heben ihre Arme, klatschen in die Hände, tanzen. Und andere kommen aus traditionellen Kirchen, in denen aus dem Gesangsbuch gesungen wird. Wir versuchen also eine Kombination aus verschiedenen Stilen. Jeder muss Kompromisse machen, damit die Kirche funktioniert.“

Irgendwo zwischen Afrika und Wales

Assis da Silva hat ein gutes Gespür dafür, welche Kompromisse man eingehen sollte und welche nicht. Er wuchs als Kind baptistischer Eltern im brasilianischen Santos auf - einer der bedeutendsten Hafenstädte Lateinamerikas. Mit 18 Jahren ging er zur brasilianischen Air Force. Fünf Jahre lang arbeitete er in diesem, wie er sagt, gut bezahlten und finanziell sicheren Job. „Aber ich war nicht glücklich dort. Ich dachte, dass ich Missionar oder Pastor werden sollte.“ Also wandte er sich der Theologie zu. Neben dem Studium war er gewissermaßen ein Trainee-Pastor. Sein Mentor schickte ihn 2006 als Missionar nach Mozambique. Drei Monate, die sich richtig anfühlten für Assis da Silva. Danach ging er nach Wales, dann nach London. „Irgendwo zwischen Afrika und Wales haben Anna-Lena und ich uns getroffen.“ Anna-Lena ist heute seine Frau. Da sie aus Backnang bei Stuttgart kommt, war für beide klar, dass sie entweder in Deutschland oder Brasilien leben möchten – schon damit künftige Kinder die einen oder anderen Großeltern in der Nähe hätten. Assis da Silva kann einmal im Jahr seine Heimat fliegen. Er weiß, dass er priviligiert ist. Dennoch vermisst er seine Familie. „Besonders seit meine Brüder Kinder haben. Die werden so schnell groß." Er ist sich sicher: „Die Baptisten-Kirche in Berkersheim war die richtige Kirche für mich - und ich war der Richtige für diese Kirche.“ Damit meint er seine multikulturelle und multikonfessionelle Prägung. Denn in England hat er schon unter ganz ähnlichen Bedingungen gearbeitet.

Christmas Talent Show

Es brauche viel Gespür für die richtigen Themen und für Aktualitäten: „Wenn sich beispielsweise eine Katastrophe wie die auf den Philippinen ereignet, möchten die Gläubigen, dass ich das in meiner Predigt aufgreife.“ Aber auch schöne Anlässe wie Weihnachten helfen, Menschen und Kulturen miteinander zu verbinden: Kurz vor Weihnachten feiern alle zusammen bei einer Christmas Talent Show. Hier kann jeder, der möchte, etwas darbieten: ob Gesang oder Tanz, Zaubertricks oder Witze. Alle Besucher bringen dann ein traditionelles Weihnachtsessen aus ihrer Heimat mit, um es mit den anderen zu teilen. Für all diejenigen, die am Heiligen Abend nicht in ihre Heimat gefahren oder geflogen sind, hält Assis da Silva am 24. Dezember einen Weihnachtsgottesdienst.

Astrid Biesemeier

Adresse

Bethel International Baptist Church

Am Dachsberg 92
60435 Frankfurt am Main

E-Mail: info@bibc.org
Telefon: 069-540320
Web: http://www.bibc.org/

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