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10.03.2015 um 16:00 Uhr

Binationale Eltern - mehrsprachige Kinder?

Nicht selten werden in binationalen Familien nicht nur eine, sondern gleich mehrere Sprachen gesprochen. Kann das gutgehen? Ein Gespräch mit Meryem Taşan Özbölük über Chancen und Hürden beim Aufwachsen in mehreren Sprachen.

Frau Taşan Özbölük – Sie sind Pädagogin sowie Sprachwissenschaftlerin und beraten Kitas, Schulen und Eltern im Bereich sprachlicher Bildung. Sollten Kinder mehrsprachig erzogen werden?

Mehrsprachigkeit ist ein sehr großer Schatz, der von binationalen Eltern an die Kinder geschenkt werden kann und sollte. Das Kind erlernt dadurch nicht nur mehrere Sprachen, sondern auch viele wichtige kognitive Eigenschaften wie Einfühlsamkeit, interkulturelle Kompetenz und eine verstärkte Aufmerksamkeit für non-verbale Kommunikation. Diese Eigenschaften sind sowohl im frühen Alter, als auch perspektivisch für das Kind sehr vorteilhaft.

Lernen Kinder binationaler Paare automatisch die Sprachen ihrer Eltern?

Es kommt immer darauf an, wie die Konstellation der Familien und wie die Rollenaufteilungen bezüglich der Sprache sind. Meine Empfehlung ist es, sich vorab ein Konzept mit konkreten Zielen und Arbeitsaufteilungen zu überlegen. Bei einem deutsch-arabischen Paar kann z.B. ein Partner nur Arabisch, der andere nur Deutsch mit dem Kind sprechen, es gibt aber noch ganz viele andere Möglichkeiten. Es gibt immer Ressourcen, die man bei der mehrsprachigen Erziehung miteinbeziehen kann. Das können Großeltern und Freunde, aber auch öffentliche Angebote, wie etwa Krabbelgruppen in unterschiedlichen Sprachen sein. Zwei- oder mehrsprachige Erziehung kann sehr gut funktionieren – es gibt aber auch Stolpersteine.

Welches sind aus Ihrer Sicht solche "Stolpersteine"?

Das ist ganz unterschiedlich – oft sind es die zu hohen Ambitionen der Eltern. Manche binationale Paare wollen ihren Kindern so viele Sprachen wie möglich beibringen. Übernimmt aber ein Elternteil alleine mehr als eine Sprache leidet darunter meist die Qualität in Form von Grammatik oder Wortschatz. Ohne richtiges Konzept erfährt das Kind keine Struktur. Das wirkt sich auf seine Sprachentwicklung aus. Ich erlebe es auch oft, dass alleinerziehende Elternteile den Anspruch haben das Kind trotzdem mehrsprachig aufzuziehen, was sie extrem unter Druck setzt. In vielen Familien erwarten die Großeltern von den Kindern, dass diese „ihre" Sprache beherrschen und setzen die Familien damit unter Druck.

Sind mehrsprachige Kinder im Vorteil gegenüber Kindern, die mit einer Sprache aufgewachsen sind?

Viele Sprachen sprechen zu können ist natürlich ein riesiger Vorteil in ganz unterschiedlichen Bereichen. Gleichzeitig stelle ich immer wieder fest, dass mehrsprachige Kinder sehr unterschiedliche Erfahrungen in Kita und Schule machen. Sprachen wie Englisch oder Französisch werden von Pädagogen oft mehr geschätzt und bewundert als zum Beispiel Türkisch oder Arabisch.

Wie kann sich dies auswirken?

Das hat zur Folge, dass es immer wieder Eltern gibt, die ein schlechtes Gewissen haben ihre Erstsprache vor den Kindern zu sprechen. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder einen Nachteil in der Kita oder der Schule haben. Als Eltern wünscht man sich, dass die Kinder im Kindergarten beliebt sind und von den Erziehern akzeptiert werden. Mich überrascht es, dass es in der Praxis immer wieder Erzieher gibt, die den Familien zu verstehen geben, dass es nicht gut ist, dass Kindergartenkinder noch kein perfektes Deutsch sprechen. Die Akzeptanz für mehrsprachige Erziehung ist noch nicht überall in Frankfurt bzw. Hessen durchgedrungen.

Welchen Rat können Sie binationalen Eltern geben, die ihre Kinder mehrsprachig erziehen möchten?

Mit ihren Kindern die Sprache zu sprechen, die sie am liebsten mögen und beherrschen. Ich habe einmal mit einer Gruppe von Müttern aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern zusammengearbeitet. Eine von ihnen war der Ansicht, dass ihre Muttersprache von zu wenigen Menschen auf der Welt gesprochen werde und es sich deswegen nicht lohne, sie an ihre Kinder weiterzugeben. Ich finde das sehr schade. Denn es ist gar nicht das Entscheidende, ob diese Sprache weit verbreitet ist. Mit der eigenen Sprache gibt man auch immer einen Teil seiner Identität weiter. Eine Sprache ist Zugang zu einer anderen Welt und Denkweise, die man seinem Kind mitgeben kann.

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