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24.10.2016 um 10:15 Uhr

Dialog, offene Türen und ein achtsames Leben

Religionsrundgang mit Kirchendezernent Becker

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr lud Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker am Donnerstag, 20. Oktober, zum Kirchenrundgang ein. Von der evangelischen Dreikönigskirche in Sachsenhausen führte der Weg dieses Mal zum Tibethaus Deutschland e.V. nach Bockenheim und endete in der katholisch-koptischen St. Markus Gemeinde in Hausen.

Für Becker steht neben dem Aspekt des „Türen Öffnens“ auch die Frage im Vordergrund, wie es gelingen kann, den kulturellen und religiösen Reichtum der Stadt Frankfurt am Main mit über 160 Religionsgemeinschaften sichtbar zu machen. In 45 Minuten präsentierten Vertreter der drei „Kirchen“ nicht nur ihre optisch sehr unterschiedlichen Gebetshäuser, sondern auch die Gemeinden, die dahinter stehen und luden zum Erkunden und Entdecken auch in der Zukunft ein.

Jürgen Seidel, seit 1990 Pfarrer der evangelisch lutherischen Dreikönigskirche, verbindet ein besonders enges Verhältnis zur Stadt Frankfurt am Main und ihren Vertretern. Seine Kirche, die auf eine Kapelle des Hospitals der Deutschordensritter aus dem 14. Jahrhundert zurückgeht, ist eine der acht Innenstadtkirchen, für die die Stadt eine „Dotationsverpflichtung“ übernommen hat. Zum Ausgleich für die Verstaatlichung des Kirchenguts in der Reformation erklärte sich die Stadt bereit, die Kosten für den Gottesdienst der evangelischen sowie der katholischen Gemeinde zu übernehmen. So kommt es, dass die Stadt heute die Kosten für die Reinigung der Orgel trägt oder sich um die Sanierung des Gebäudes kümmert. Während sich die anderen sieben Kirchen alle innerhalb der ehemaligen Stadtmauern befinden (unter Frankfurtern geläufig ist der Ausdruck „hibbdebach“), liegt die Dreikönigskirche  im ehemals verpönten Stadtviertel auf der anderen Mainseite („dribbdebach“). Die einfachen Leute, zumeist Handwerker, Fischer und Gerber, waren damals zu Recht stolz auf ihre Kirche, die nach dem Neubau im 19. Jahrhundert das zweithöchste Gebäude in Frankfurt war. Im Vergleich zu den heutigen Hochhäusern des Bankenviertels erscheint der Turm mit gerade einmal 81 Meter Höhe dagegen nicht mehr ganz so imposant. Dafür ist noch viel von dem ursprünglichen Inventar erhalten. Zum alltäglichen Handwerkszeug von Pfarrer Seidel gehören etwa Kelche und Hostienschalen aus der Zeit des 30 jährigen Kriegs, also aus dem 17. Jahrhundert. Auch die Tafel des ersten allgemeinen Almosenkastens der Stadt aus dem Jahr 1531 ist noch im Original erhalten. Noch heute verteilt die Kirche an gut 250 Personen einmal im Monat Einkaufsgutscheine, die von den Spenden der Gemeindemitglieder finanziert werden. Wegen der guten Akustik finden auch immer wieder Konzerte in der Dreikönigskirche statt. Für alle Veranstaltungen und Gottesdienste gibt es einen Kalender im Internet.

Statt zu Fuß ging es dann mit dem Bus über die Alte Brücke, quer durch die Innenstadt und das Westend bis nach Bockenheim. Dort in der Kaufunger Straße, versteckt hinter einer unscheinbaren Hausfassade, ruht laut Becker ein „Juwel, auf das die Stadt Frankfurt sehr stolz ist.“ Das Tibethaus Deutschland e.V. ist ein Begegnungs- und Studienzentrum, eine Art „tibetisches Goethe-Institut“, in dem Besucher die alte und moderne Kultur Tibets kennenlernen und studieren können. Es steht unter der Schirmherrschaft des XIV. Dalai Lama und beschäftigt sich nicht nur mit buddhistischer Religionslehre und Philosophie, sondern auch mit vielen anderen gesellschaftlich relevanten Themen wie Heilkunde und dem Dialog zwischen westlicher und fernöstlicher Heilpraxis, sowie der Kultur Tibets. Puntsok Tsering Duechung, geschäftsführender Leiter des Zentrums und zuständig für die internationalen Kontakte, betonte bei seiner Begrüßung vor allem den Brückencharakter des Hauses zwischen westlicher und buddhistischer Welt. Nach dem herzlichen Empfang erwartete die Besucherinnen und Besucher des Religionsrundgangs ein Vortrag von Andreas Ansmann, der sich an den verbindenden Elementen der großen Religionen orientierte. Achtsamkeit, Offenheit für Andere und das Bemühen, ernsthaft an sich selbst arbeiten zu wollen strich er als bedeutende Elemente heraus. Der ordinierte Mönch, der in seinem scharlachroten Gewand auch durch Frankfurts Innenstadt läuft und immer wieder darauf angesprochen wird, forderte von seinen Zuhörern, im Alltag achtsamer zu sein und sich mehr mit den Mitmenschen zu beschäftigen.

Letzter Stopp des Rundgangs bildete die katholisch-koptische Kirche St. Markus im Stadtteil Hausen. Die Kopten sind eine ethnisch-religiöse Gruppe mit Ursprung in Ägypten, die dem Christentum zugerechnet wird. Auf Grund der zunehmenden Islamisierung Ägyptens und den steigenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen, sehen sich manche Kopten gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Dadurch ist die Anzahl der Kopten in Deutschland in den letzten Jahren gewachsen, viele neue Gotteshäuser wurden gegründet. Die Gemeinde in Frankfurt ist die größte Gruppe in Deutschland und daher für das gesamte Rhein-Main Gebiet zuständig. Vor allem viele Jugendliche besuchen dort den Gottesdienst und die Sonntagsschule. Wie die Katholiken haben die Kopten auch eine Reihe von Sakramenten, dazu gehören zum Beispiel Taufe, Salbung, Hochzeit und Beichte. Vater Pigol Bassili betonte vor den Besucherinnen und Besuchern des Kirchenrundgangs den Gedanken der Ökumene. Trotz aller Unterschiede und Gemeinsamkeiten müsse immer der Mensch im Vordergrund stehen, für ein friedliches Zusammenleben dürfe es keinen Unterschied machen, ob jemand Christ oder Moslem sei, oder gar überhaupt keiner Religion angehöre. Kirchendezernent Becker pflichtete ihm bei: „Das friedliche Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Religionen macht das besondere unserer Stadt aus. Frankfurt verbindet diese Menschen und der Rundgang macht dies auch an besonderen Orten der jeweiligen Religionen deutlich.“ Nach einem gemeinsamen Kuchenessen in St. Markus endete dann auch der religiöse Rundgang.

Bereits in den Jahren 2014 und 2015 hat Bürgermeister und Kirchendezernent Becker Bürger zu kostenfreien Kirchenrundgängen eingeladen – jedes Mal mit großer Resonanz. Dieses Jahr fand bereits im Frühjahr ein Kirchenrundgang statt. Stationen waren hier der Kaiserdom St. Bartholomäus, die Merkez Moschee im Bahnhofsviertel und die Synagoge im Westend. Auch zukünftig sind wieder Rundgänge geplant.

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