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14.01.2021 um 12:00 Uhr

Džanes romanes? Kannst du Romanes?

Die einzigartige Sprache der Sinti und Roma

Wo man die Frage „Džanes romanes?“ auch stellt, auf fast allen Kontinenten findet man Menschen, die diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Romani tschib, zu Deutsch „Romanes“, ist die Sprache der Sinti und Roma, die europa- und sogar weltweit gesprochen wird.  

„Romanes ist eine sehr alte Sprache, die aus dem indischen Sanskrit kommt“, sagt Ilona Lagrene, Mitbegründerin und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Landesverbands der Sinti Baden-Württemberg. Durch die Wanderwege der Sinti und Roma entwickelten sich verschiedene Dialekte je nachdem, wo die Menschen eine Heimat fanden. Warum die Roma und Sinti Indien ursprünglich verließen und ihre Sprache mitnahmen, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen – wahrscheinlich ist, dass sie sich durch Kriege und Verfolgung zur Auswanderung gezwungen sahen.

Die Sprache ist auf besondere Weise einzigartig: „Romanes wird mündlich von Generation zu Generation weitergegeben“, erzählt Ilona Lagrene. Die Sprache ist das kulturelle Erbe der Sinti und Roma. „Aber es gibt auch viele Menschen, die Romanes nicht mehr beherrschen“, so Lagrene, „deswegen ist es so wichtig, sie lebendig zu halten.“ Bis heute leben zirka zwölf Millionen Sinti und Roma in Europa, aber nur rund drei Millionen sprechen weltweit Romanes

Durch Verfolgung verstummt

Durch den Völkermord an den Sinti und Roma ging Romanes immer mehr verloren. „Unsere Sprache wurde missbraucht, um uns zu finden“, erzählt Lagrene. „Nationalsozialisten haben zum Teil Romanes gelernt, um uns zu verfolgen und dann in Konzentrationslager zu deportieren.“ Eine halbe Million Sinti und Roma fielen dem Holocaust zum Opfer, mehr als 20.000 von ihnen wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Seit Jahrhunderten leiden Roma unter Verfolgung und Diskriminierung, begegnen immer wieder Vorbehalten gegen ihre Zugehörigkeit: „Viele wollten nach dem Zweiten Džanes romanes? Kannst du Romanes? Ilona Lagrene Begegnung der Kulturen Weltkrieg ihre Sprache nicht mehr sprechen, aus Angst, entdeckt und wieder verfolgt zu werden“, erinnert sich Lagrene. „Auch heute noch pauschalisieren viele Leute Sinti und Roma, haben immer ein bestimmtes Bild und das Wort ‚Zigeuner‘ im Kopf.“

Am Anfang steht ein Wort

Seit den 60er Jahren gibt es eine Bürgerrechtsbewegung, die sich dafür einsetzt, die Sprache zu erhalten und vor dem Aussterben zu bewahren. Romanes ist eine der ältesten Sprachen der Welt, die Übertragung vom Mündlichen ins Schriftliche hat aber erst begonnen. „Mein Mann Reinhold Lagrene hat viel geforscht, um die Wurzeln unserer Sprache zu finden und sie dann aufzuschreiben. Für die Menschen, die sie nicht mehr kennen oder sprechen“, sagt Lagrene.

2018 veröffentlichte Reinhold Lagrene, selbst deutscher Sinto und Experte für Romanes, einen Lyrikband. In dem Buch „Djiparmissa“, was soviel bedeutet wie „Herzgeschichten“, können zum ersten Mal klassische deutsche Geschichten auf Romanes gelesen werden. Lagrene setzte sich Zeit seines Lebens immer wieder dafür ein, mündliche Überlieferungen niederzuschreiben. „Sein Ziel war es, dass auch Kinder unsere Sprache wieder lernen können“, erzählt seine Frau Ilona.

Ilona Lagrene sagt selbst, dass sie viel Wert darauf legt, dass ihre Enkel und Urenkel die Geschichte der Sinti und Roma kennen. „Ich bin stolz darauf, Sintiza zu sein, ich bin stolz auf die lange Geschichte, unsere Tradition, die Sprache, die Musik und die Erzählungen.“ Und auch die nächste Generation soll dieses Wissen erfahren.

 

Im Medienraum können Sie die Veranstaltungen des Amtes zu Sinti und Roma in Deutschland besuchen. Dort finden Sie den Podcasts zur Ausstellung „Mare Manuscha“ und können Ilona Lagrene bei einem Mitschnitt der Veranstaltung „Literatursprache Romanes“ zuhören.

Dieser Artikel erschien am 06. Januar in der Senioren Zeitschrift Frankfurt ("Echt jetzt?" 1/2021)

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