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29.02.2016 um 10:30 Uhr

Flucht, Traum und Trauma - Projekt vor neuen Herausforderungen

Psychotherapeutin Claudia Burkhardt-Mußmann über Hürden und Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit geflüchteten Müttern

Mit dem Projekt „Jasmin – zwischen Traum und Trauma“ bietet das Anna-Freud Institut Frankfurt e.V. Schwangeren, jungen Müttern und Familien, die aufgrund ihrer Fluchterfahrung traumatisiert sind, Unterstützung in den ersten Jahren ihrer Elternschaft an. Die aktuelle Flüchtlingssituation führt in der Arbeit des Projektes jedoch zu ganz neuen Herausforderungen. Claudia Burkhardt-Mußmann, Psychotherapeutin und Leiterin des Projektes, berichtet über die Hintergründe dazu.

Zahlreiche Menschen, die als Geflüchtete derzeit in Frankfurt leben, sind aufgrund ihrer Fluchterfahrungen traumatisiert. Einige von ihnen sind noch dazu erst kürzlich Eltern geworden, manche Frauen sind schwanger. Um sie in ihrer Elternschaft zu unterstützen und zu verhindern, dass ihre Kleinkinder und neugeborenen Babys unter den Auswirkungen der elterlichen Traumatisierung leiden, gibt es das Projekt „Jasmin – zwischen Traum und Trauma". Mit diesem Projekt setzt sich das Anna-Freud Institut Frankfurt e.V. für traumatisierte Familien, schwangere Frauen oder Mütter mit Babys oder Kleinkindern aus Flüchtlingsunterkünften ein. Die Arbeit des Projektes „Jasmin" hat sich jedoch, wie auch die Arbeit vieler anderer Projekte in Frankfurt, ausgerechnet durch die aktuelle Flüchtlingssituation teilweise erschwert.

Eine besonders große Hürde, so Claudia Burkhardt-Mußmann, sei es für ihr Projektteam derzeit, die hilfsbedürftigen Frauen und Familien überhaupt zu erreichen, anzusprechen und über das Angebot „Jasmin – zwischen Traum und Trauma" zu informieren. Denn dazu müsse ein erster direkter Kontakt zwischen den Projektmitarbeiterinnen und den Familien, schwangeren Frauen, Müttern und Vätern entstehen. Im Idealfall passiere dies, indem die Mitarbeiterinnen in den Flüchtlingsunterkünften für das Angebot werben. Die Betreiber von Flüchtlingsunterkünften seien aber vorsichtig bei Besuchen von Außenstehenden. „Doch ausgerechnet dieser Schutz der Privatsphäre, der ja ein hohes Gut ist, verhindert, dass wir die Betroffenen direkt ansprechen können", erklärt Burkhardt-Mußmann.  „Zu Hotels, die zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden, haben wir zum Beispiel keinen Zutritt, weil die evangelische Wohnraumhilfe sagt, sie müsse die Intimität der Bewohner schützen. Das können wir natürlich verstehen", bekräftigt die Psychotherapeutin. „Aber das macht es schwierig für uns, Zugang zu Geflüchteten zu bekommen."

So blieben Geflüchtete am Anfang überfordert mit der Frage, an wen sie sich mit ihren Traumata wenden können. Um sie sprichwörtlich und auch tatsächlich effektiver „abzuholen", schlägt Burkhardt-Mußmann daher vor, dass vermehrt Mitarbeiterinnen in Flüchtlingsheimen informieren sollten, die dann, zum Beispiel, die Mütter direkt zu den entsprechenden Angeboten leiten könnten. „Dafür bräuchten wir mehr Ehrenamtliche, die bereit sind, die Frauen zumindest beim ersten Mal in den Flüchtlingsunterkünften in Empfang zu nehmen und zu unserem Angebotsstandort hinzuführen", erklärt die Projektleiterin. Zurzeit nähmen nämlich 24 Mütter mit etwa 35 Kindern an dem Projekt „Jasmin" teil. Doch Claudia Burkhardt-Mußmann ist sich sicher: „Wir könnten noch mehr nehmen."

Eine weitere Schwierigkeit für das Projektteam sei jedoch auch die Unsicherheit darüber, welche neuen Familien und Frauen auf Dauer in Frankfurt blieben und welche in wenigen Tagen oder Wochen in andere Städte ziehen müssten. Es müsse daher vorher geklärt werden, wer überhaupt schon Asyl beantragt hat und wer vorhat, länger in Frankfurt zu bleiben. „Für unsere längerfristig ausgerichtete Arbeit ist es unsinnig, Frauen, die nur für vier Wochen in Frankfurt untergebracht sind und danach beispielsweise nach Darmstadt umziehen müssen, in die Gruppe einzuladen."

Zuletzt gebe es auch für die Teilnehmerinnen ganz spezielle Hürden, die überwunden werden müssten. So täten sich selbst Frauen, die an dem Programm teilnehmen möchten, viele Monate schwer damit, sich den Mitarbeiterinnen des Projekts zu öffnen und über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Unsere Beobachtung ist, dass Menschen, die eine Flucht hinter sich haben, meistens etwa ein Jahr brauchen bis sie sehen können, wahrnehmen können, was um sie herum passiert", so Burkhardt-Mußmann. Erst nach diesem Jahr fingen die Teilnehmerinnen an, darüber zu berichten, was sie erlebt haben. „Es ist ein psychischer Arbeitsprozess", erklärt die Psychotherapeutin. „Wie ein Blinder, der nach einer Operation langsam wieder sehen lernt." Auch die sprachliche Verständigung zwischen den Projektleiterinnen und den Teilnehmerinnen fiele nach dem ersten Jahr leichter. „Selbst wenn Englisch die erste Fremdsprache der Frauen ist, bereitet es ihnen anfangs große Mühe, sich auszudrücken. Aber dann – nach dem Jahr – fällt die Verständigung auf Englisch wieder viel leichter und das Projekt gewinnt an Erfolg."

Das Projekt Jasmin wird gefördert durch die Aktion Mensch, die Polytechnische Stiftung und die Crespo Foundation.

Adresse

Anna-Freud-Institut Frankfurt e.V.

Myliussstraße 20
60323 Frankfurt am Main

Telefon: 069-721445

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