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28.01.2016 um 14:00 Uhr

"Frankfurter und Weltbürger"

Transnationale Unternehmer als Brücke zwischen den Kulturen

Sie sind Frankfurter, haben hier ein Unternehmen gegründet – sind aber in mindestens einer weiteren Kultur zu Hause. Die Rede ist von transnationalen Unternehmern. Alexander Ebner, Professor für Politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt hat sie in seiner Studie „Transnationales Unternehmertum in Frankfurt am Main“ erforscht.

Sie forschen zu transnationalem Unternehmertum in Frankfurt und der Region. Was ist damit gemeint?

Transnationales Unternehmertum ist ein relativ neues Thema, obwohl es das Phänomen schon seit Jahrhunderten gegeben hat. Ein transnationaler Unternehmer ist ein Migrant, der in ein anderes Land übersiedelt und dort unternehmerisch aktiv wird. Dabei gibt er die Verbindungen zu seinem Herkunftsland nicht auf und kann dadurch auf gewisse Strukturen in diesem Land zurückgreifen. Es wird also ein Unternehmen aufgebaut, das national gar nicht mehr zuzuordnen, sondern transnational aufgespannt ist und damit auch städtische und regionale Standorte miteinander verbindet. Dieser Bezug zu Herkunftsland und Herkunftsort ist ganz entscheidend für die unternehmerische Strategie.

Meistens handelt es sich dabei um kleinere Unternehmen, die von Migranten gegründet und geführt werden und die sich über die Zeit gut am Markt positionieren konnten. Das transnationale Unternehmertum ist gerade auch im Bereich hochwertiger Dienstleistungen wie in den Bereichen Tourismusbranche oder Consulting ein hochrelevantes Phänomen für die Frankfurter Wirtschaft, aber es wird bedauerlicherweise förderpolitisch nur unzureichend berücksichtigt.

Haben transnationale Unternehmer besondere Vorteile?

Durch die doppelte Einbindung in das Herkunftsland und das Ankunftsland können transnationale Unternehmer auf verschiedene Strukturen zurückgreifen. Zum Beispiel auf finanzielle Ströme und Marktideen aus dem Herkunftsland. Primär sind sie aber im Ankunftsland aktiv und versuchen dort ihre Märkte zu entwickeln. Auf dieser Grundlage haben sie das Potential, sich zu international tätigen mittelständischen Unternehmen zu entwickeln.

Welche Beispiele kennen Sie aus Frankfurt?

In Frankfurt gibt es etwa mit dem Spiele- und Softwareentwickler Crytek ein treffendes Beispiel. Gegründet haben die Firma drei junge türkische Unternehmer, die frühzeitig familiäre Ressourcen aus der Türkei genutzt haben. Sie sind schnell expandiert und haben sich frühzeitig auch nach Amerika und Asien gewandt. Die Gründer bezeichnen sich selbst als deutsch-türkische Frankfurter, haben also eine lokale Identität. Ansonsten sehen sie sich als Weltbürger. Und das macht das transnationale Unternehmertum so spannend. Das sind Menschen, die eine ausgesprochen hohe interkulturelle Kompetenz haben und die in der Lage sind, mit kulturellen Codes und Zuschreibungen spielerisch und strategisch umzugehen.

Ein Beispiel für diesen strategischen Einsatz interkultureller Kompetenz ist ein in Frankfurt angesiedelter nigerianische Ingenieur, der in einigen Ländern Subsahara-Afrikas tätig ist. Dort stellt er sich, weil das vom professionellen Image her besser ankommt, als Deutscher vor. Auf der anderen Seite gibt er sich hier in Deutschland als Nigerianer, der seine afrikanische Expertise betont. Es findet je nach Kontext ein ganz bewusster Einsatz von verschiedenen Rollen statt. Diese transnationalen Unternehmer wissen genau wo sie stehen und können Kultur als unternehmerische Ressource einsetzen. Das zeigt natürlich eine Relativierung der von außen gesetzten kulturellen und ethnischen Zuschreibungen. Dieses Phänomen haben wir eigentlich bei fast allen Interviews gesehen. Diversität wird als Marktchance genutzt.

Sehen sich transnationale Unternehmer besonderen Problemen ausgesetzt?

Gerade am Anfang ist wie bei jeder anderen Unternehmensgründung die Finanzierung ganz wichtig. Gründung ist immer ein Problem, für einheimische Unternehmer genauso wie für migrantische. Da es einheimischen Unternehmen leichter fällt gegenüber Kreditgebern finanzielle Sicherheiten zu garantierten, sind Unternehmer mit Migrationshintergrund vor allem darauf angewiesen finanzielle Ressourcen aus ihren Familiennetzwerken zu bekommen. Dabei spielt der Rückgriff auf das Herkunftsland eine ganz große Rolle.
Diese Verknüpfung kann für transnationale Unternehmer später allerdings ein großes Problem darstellen. Wenn zum Beispiel näherere Verwandte Startkapital leihen, dann kann es zu einer problematischen Anspruchshaltung gegenüber dem gegründeten Unternehmen kommen. Manchmal baut sich dann sozialer Druck auf, wenn man als Unternehmer anderen bedürftigen Familienmitgliedern helfen soll, oder aber ein Familienmitglied plötzlich sein geliehenes Geld zurück braucht, dafür aber die eigenen Mittel des Unternehmers noch nicht ausreichen. Diese informellen Vorgänge können den Unternehmenserfolg massiv gefährden.

Wie ließe sich die Lage transnationaler Unternehmer verbessern?

Man muss bessere, und das heisst vor allem bedürfnisgerecht angepasste finanzielle Förderungsmöglichkeiten für transnationale Gründer gewährleisten. Von der KfW bis hin zur Sparkasse – es müssten spezifische Finanzierungsmöglichkeiten für transnationale Unternehmer angeboten werden, die auf diese Zielgruppe ganz konkret eingehen. Auch eine international angelegte Programmstruktur im Bereich der Informationsvermittlung durch Behörden und Fördereinrichtungen, bei der die Diversität ethnischer und nationaler Zielgruppen angemessen berücksichtigt wird, wäre dringend nötig.

Ist Frankfurt ein besonders interessanter Ort für diese transnationalen Unternehmer?

Die Metropolregion heißt ja offiziell FrankfurtRheinMain. Mit Frankfurt am Main als Kernstadt ist es die wirtschafts- und sozialstrukturell am stärksten internationalisierte Metropolregion im deutschsprachigen Raum. Wir haben hier sehr aktive internationale Communities, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch zivilgesellschaftlich aktiv sind. Dazu gehört eine Bandbreite, die etwa von französischen, kroatischen und türkischen über koreanische und indische bis hin zu US-amerikanischen Akteuren und Organisationen reicht.
Das macht Frankfurt schon zu etwas Besonderem und zu einer der wirtschaftlich dynamischsten Städte Europas. Ebenso gilt das für die Region insgesamt. Letzten Endes müsste man hier innereuropäische Vergleiche mit London und Paris anstellen. Leider ist dieses besondere wirtschaftliche und soziale Profil von Stadt und Region der lokalen Politik scheinbar gar nicht so bewusst. Frankfurt ist jedenfalls in vielen Bereichen ein „global player“.

Was können gerade transnationale Unternehmer zum Thema Integration beitragen?

Vernetzen und verflechten. Als transnationale Unternehmer haben sie die Möglichkeit, Standorte grenzüberschreitend miteinander in Beziehung zu setzen. Für Frankfurt ist genau das von größter Bedeutung – es macht die Stadt zum Knoten in einem umfassenden Netzwerk wirtschaftlichen Austauschs.
In Ergänzung zu den bekannten Globalisierungmustern, die von den großen multinationalen Konzernen getragen werden, kann man die Aktivitäten transnationaler Unternehmen als Ausdruck einer „Globalisierung von unten“ bezeichnen. Dabei sind die transnationalen Unternehmer in ihrer Standortwahl stärker lokal eingebettet. Daher wäre es gut, gerade solche lokal vernetzten transnationalen Unternehmer als Partner in internationale Kooperationsprojekte einzubeziehen. Doch leider werden sie kaum berücksichtigt. Auch diese Frustration kam in den Gesprächen deutlich zur Sprache.

Gab es Dinge, die Sie an der Studie überrascht haben?

Das Thema des transnationalen Unternehmertums und der internationalen Vernetzung junger migrantischer Untermehmen ist in der internationalen Forschung bisher vor allem in Nordamerika behandelt worden. Für Frankfurt haben wir das das erste Mal gemacht. Wir wollten zunächst einmal prüfen, ob und wenn ja in welchem Maße das Thema für Frankfurt relevant ist. Es hat uns dann positiv überrascht, wie hoch das Potential für transnationales Unternehmertum in Frankfurt ist. Alleine wie einfach es war, passende Gesprächspartner zu finden. Wir hätten den Pool ja noch deutlich erweitern können, wenn es im Rahmen des Budgets gewesen wäre.
Außerdem war die Vielfalt nationaler und ethnischer Zusammenhänge beeindruckend. Alle Kontinente, alle Ethnien, beide Geschlechter waren als unternehmerische Gründer und Firmenleiter vertreten.
Tasächlich war es eine besondere Überraschung zu sehen, wie viele Frauen in diesem Bereich tatsächlich aktiv sind. Es gab sehr viele Unternehmerinnen, auch in Ethnien, in denen man das gar nicht ohne Weiteres vermutet hätte. Für viele scheint die unternehmerische Selbständigkeit einen Ausbruch aus traditionellen Milieus zu ermöglichen. Letztlich war es ein sehr positives Ergebnis für uns, wie sehr sich die Relevanz des transnationalen Unternehmertums für Frankfurt wirklich bestätigt hat.

Adresse

Goethe-Universität Frankfurt am Main (Campus Westend)

Theodor-W.-Adorno-Platz 6
60323 Frankfurt am Main

Telefon: 069-798-36355
Fax: 069-798-36222
Web: www.uni-frankfurt.de

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