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13.10.2016 um 14:30 Uhr

„Ich bin eine moderne Muslima von heute – und fertig!“

Drei bekennende Musliminnen aus Frankfurt erzählen aus ihrer Lebenswelt

Selbstbewusst, gebildet und religiös – mit diesen Eigenschaften wird eine neue gesellschaftliche Gruppe beschrieben. Manche soziologischen Untersuchungen versuchen sich an dem umstrittenen Begriff: „Neo-Muslimas“. Ein Wort, das unterschiedliche Assoziationen hervorruft, auch bei der Gruppe, die es beschreiben möchte. Drei bekennende Musliminnen aus Frankfurt erzählen aus ihrer Lebenswelt, sprechen über ihr Kopftuch, Vorurteile und den Islamischen Feminismus.

Schon Ende der neunziger Jahre gehen empirische Studien aus verschiedenen Disziplinen wie der interkulturellen Pädagogik, der Soziologie und der Religionswissenschaft der Religiosität und dem Selbstverständnis von jungen Musliminnen in Deutschland nach. Sie beschreiben eine neue Generation muslimischer Frauen, die in Deutschland geboren sind, Deutsch als Muttersprache sprechen, gebildet, selbstbewusst und eigenständig sind. Sie möchten Modernität und Emanzipation auf der einen Seite und Tradition und Religiosität auf der anderen Seite in sich vereinen. Und sie sehen sich bei weitem nicht als Randgruppe. Sie sind Studentinnen, Journalistinnen, Bloggerinnen, Aktivistinnen usw. – oftmals sozial engagiert und sichtbar in der Gesellschaft.

Ihr Kopftuch verstehen sie – entgegen aller Zuschreibungen – als ein Zeichen ihrer Emanzipation, gerade weil es Vorurteilen selbstbewusst zuwiderläuft. Auch die Art es zu tragen, nach Ausdruckswillen und Lebenslage häufig unterschiedlich, ist eine Form persönlicher Aneignung und Umformung von Traditionen.

Hier erzählen drei Frauen aus ihren Lebenswelten. Betül ist 22 Jahre alt, Studentin und ihre Eltern stammen aus der Türkei. Atia ist 24 Jahre alt, ebenfalls Studentin und ihre Eltern haben pakistanische Wurzeln. Rabia, deren Eltern aus Marokko kommen, ist 41 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und arbeitete lange im Bankgewerbe. Die drei Frauen sind sozial engagiert, ehrenamtlich tätig und verfolgen zielstrebig ihre Karrieren.

Neo? Was ist eigentlich so neu an ihnen?

Betül
„Neo“ heißt auf Griechisch ursprünglich: „neu, jung“, aber gleichzeitig auch „ungewöhnlich, revolutionär“.  Die neuen Muslime sind nicht ungewöhnlich und revolutionär, nur weil sie Deutsch sprechen und aktiv etwas für ihre Gesellschaft machen. Ungewöhnlich ist vielleicht für manche nur, dass die Muslime jetzt auch deutsche Wurzeln haben.

Rabia
Braucht man unbedingt ein Label für eine moderne Frau, weil sie ein Tuch trägt oder ihren Glauben öffentlich lebt? Man muss das nicht so betonen. Moderne Muslimas von heute sind eben moderne Muslimas. Solche Umschreibungen werden ganz schnell politisch assoziiert und negativ behaftet.

Die drei Gesprächspartnerinnen leben als die zweite Generation von Einwanderern in Deutschland. Sie wurden hier geboren, wuchsen zweisprachig auf und durchliefen das deutsche Bildungssystem. Die familiäre Kultur ist gleichzeitig durch eine andere Herkunft geprägt. Und die religiösen Wurzeln bleiben ein wichtiger Bestandteil der Identitäten dieser jungen Frauen. Hat sich ihr Verständnis des Islam über die Jahre hinweg verändert?

Atia
Dass ich mit dem Begriff „Neo-Muslima“ nicht viel anfangen kann, liegt daran, dass ich Religion genauso definiere, wie ich sie auch lebe. Meiner Überzeugung nach ist die Bildung der Frau, ihre Emanzipation und ihre Selbstbestimmung dem Islam innewohnend. Das Bild, das sonst herrscht, sind oft traditionelle Vorstellungen von Völkern, wie sie über Jahrhunderte gelebt haben. Für mich ist das, was ich lebe, bereits meine Religion und nicht anders herum, dass ich etwas Neues daraus erfunden hätte.

Betül
Ein anderes Verständnis vom Islam habe ich weniger, vielleicht ein anderes Vorgehen. Meinen Eltern war es wichtig, uns Kinder gut zu bilden und dadurch, dass sie in ein anderes Land gekommen sind, die Religion weiter zu leben und zu geben. Bei mir ist das anders. Meine Aufgabe ist es vielleicht, die Leute in Deutschland über den Islam aufzuklären. Das heißt aber nicht, dass es eine andere Form des Islam ist. Die Religion ist vielfältig, jeder sollte sich individuell das rausnehmen, was zu einem passt.

Rabia
Durch die veränderte Außenwahrnehmung des Islam fangen natürlich viele junge Muslime an, sich zu fragen: „Muslim sein, was ist das eigentlich?“ Die Generation meiner Eltern sind meistens Menschen, die aus der Tradition heraus ihren Glauben gelebt haben. Die Kultur war stärker im Vordergrund als der Glaube an sich. Das kann man natürlich nicht verallgemeinern und es hängt auch vom Bildungsstand ab. Die neue Generation hat ein ganz anderes Verständnis und hinterfragt sehr viel. „Naja bei uns ist das halt so, die Frau, wenn sie verheiratet ist, soll Kopftuch tragen“. Solche Aussagen waren für mich kein Argument. Ich konnte das nicht mit dem Glauben verbinden. Nachdem ich vieles reflektiert habe, kam ich selbst erst viel später in den Glauben hinein. Viele junge Leute leben heute den Glauben. Das kommt meiner Meinung nach nicht aus der Erziehung, sondern aus eigenem Interesse.

Den Hidschab, eine Form des Kopftuchs, tragen die drei Frauen aus eigener Überzeugung und aus ihrem Glauben heraus. Für manche nicht-religiösen oder nicht-muslimischen Personen ist es schwer nachvollziehbar, wieso eine Frau freiwillig ihre Haare unter einem Schleier verbirgt. Was steckt dahinter, welche Motivation haben die jungen Frauen?

Betül
Ich habe das Kopftuch angelegt, als ich angefangen habe, zu studieren und ausgezogen bin.  Das war ein neuer Lebensabschnitt und für mich der Punkt, an dem ich mir sagte „jetzt oder nie“. Ich musste nämlich erst einmal Kraft und Selbstbewusstsein sammeln. Ich wollte schon vorher das Kopftuch tragen, habe mich aber nicht getraut. Es ist nicht zu unterschätzen, in einem nicht-muslimischen Land, ein Kopftuch zu tragen. Ich hatte Angst vor den Reaktionen der Leute auf der Straße und meiner nicht-muslimischen Freunde. Dass man schief angeguckt wird, dass man sich immer rechtfertigen muss, dass die Persönlichkeit nicht mehr im Vordergrund ist, sondern nur das Kopftuch. Genau das Gegenteil von dem, was ein Kopftuch eigentlich bewirken soll. Hier in Deutschland gibt es genau diesen Gegeneffekt. Das ist sehr schade. Man sticht mit dem Tuch heraus. Man möchte das zwar nicht, aber passiert eben durch das andere Aussehen.

Rabia
Mit Ende 20 erst habe ich mich mit dem Glauben beschäftigt. Damals, in meiner ersten Ehe, wurde mir Vieles aufgezwungen, das ich nicht verstanden habe und das auf den Glauben geschoben wurde. Mich hat das wütend gemacht, weil ich mir dachte, dass es einfach nicht sein kann, dass die Frau alles machen muss und der Mann frei lebt. Das hat mich dazu gebracht, selbst zu gucken, ob es wirklich einen Schöpfer gibt, der der Frau alles auferlegt und dem Mann Freiheit gibt. Irgendwann habe ich entschieden, das Kopftuch gehört zu mir, ich trage es aus Überzeugung. Ich lebe alleine und bin alleinerziehend, bei mir gibt es niemanden, der sagt „du musst!“.

Atia
Mit 12 Jahren war insbesondere meine Mama die Motivation. Ich habe sie immer mit Kopftuch gesehen und somit gehörte das für mich zum Erwachsenwerden dazu, sich also mit der Religion auseinanderzusetzen, aber auch den eigenen Weg zu gehen. Es war für mich auch eine Form der Selbstbestimmung. Rückblickend war es auch eine Art von Rebellion, nicht den Vorstellungen der Gesamtgesellschaft entsprechen zu müssen, sondern zu wissen, dass man seinen eigenen Weg gehen kann. Es hat mich viel selbstbewusster gemacht über die Jahre, es hat mir vieles gelehrt. Ich würde ich es auch nochmal genauso tun.

 

Es klingt vielleicht überraschend, dass die Frauen davon sprechen, Selbstbewusstsein sammeln zu müssen, um die Kopfbedeckung anzulegen. Ist nicht eine Kopftuchträgerin das Gegenteil von einer selbstbewussten und selbstbestimmten Frau und das Kopftuch an sich schon Symbol für Zwang und Unterdrückung? Außerhalb der muslimischen Welt wird die weibliche Kopfbedeckung vielfach so gesehen.

In soziologischen Studien werden immer wieder Bedeutungsveränderungen des Kopftuches festgestellt. Abweichend von älteren Generationen tra

 

gen die „Neo-Muslimas“ das Tuch nicht aus einer traditionellen, unreflektierten Motivation heraus. Sie entscheiden sich bewusst dafür, nachdem sie sich mit dem Islam auseinandergesetzt und versucht haben, eine eigene Identität innerhalb des Spannungsbogens von elterlicher Tradition und westlicher Kultur zu finden.

So hat sich eine politische Bewegung von Frauen formiert, die den Islamischen Feminismus vertritt. Das Konzept stößt auch auf Kritik. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wie kann eine feministische Position ausgerechnet aus der islamischen Tradition abgeleitet werden?

Im Kern der Bewegung steht die Theologie. „Neo-Muslimas“ sind in ihrer Religion gebildet – sie kennen die Verse des Korans. Die islamischen Quellen, so die Annahme dieser Gruppe, sprechen von einer Gleichstellung der Geschlechter, was allerdings durch frauenfeindliche Auslegungen und Übersetzungen verschleiert, und manchmal sogar ins Gegenteil verkehrt worden sei.

Wie interpretieren die befragten Muslimas die Heilige Schrift des Islam?

Atia
Meine Eltern und Großeltern gehören bereits einer Reformgemeinde des Islam an, die auf die Wurzeln des Islams zurückgehen möchte. Ein Hadith, also eine Aussage des Propheten wird in den Wurzeln ganz groß geschrieben, nämlich dass die Bildung verpflichtend ist sowohl für den Mann als auch für die Frau. Das Bild, das sonst herrscht, sind oft traditionelle Vorstellungen von Völkern, wie sie über Jahrhunderte gelebt haben. Aber wenn wir zurückblicken in die Geschichte des Islams oder die Geschichte der letzten Jahrhunderte der Völker, die islamisch geprägt waren, dann sieht man, dass eine muslimische Frau damals eine der ersten Universitäten der Welt gegründet hat [Universität al-Qarawīyīn, gegründet von Fatima al-Fihri 859 n.Chr. in Fes, Marokko; Anm. d. Red.] und dass Bildung, Emanzipation und starke Frauen in der Gesellschaft nie Kritikpunkte waren, sondern immer da gewesen sind. Die Ehefrau des Propheten war selbst eine große Gelehrte und hat für Männer damals sogar als Expertin islamrelevante Fragen beantwortet.

Rabia
Gerade der Islam, finde ich, stärkt eher die Rechte der Frauen, auch wenn das die Männer nicht gerne hören möchten. Es ist kein Widerspruch. Wenn es so wäre, dann wäre ich die letzte, die sich dem fügen würde. Dafür bin ich viel zu selbstbewusst. In vielen muslimischen Ländern herrscht eine starke Männerdomäne. Es kommt auch darauf an, wie gebildet die Menschen sind. Die Religion an sich, das gilt für alle großen Religionen, steht für die Freiheit des Menschen und besonders für die der Frau.

Gerade beim Thema Kopftuch wird nicht nur ein Symbol, sondern aus Sicht der Frauen auch das Recht am eigenen Körper diskutiert. Dabei geht es den muslimischen Feministinnen nicht darum, das Kopftuch per se zu verteidigen. Eine Frau solle aber nicht das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper verlieren. Denn wie das Recht bestehe, sich ausziehen zu dürfen, müsse auch das Recht bestehen, sich zu bedecken. Divergenzen in den verschiedenen Auffassungen zeigen sich unter anderem in den Diskussionen über das Kopftuch im öffentlichen Dienst oder den Burkini.

Die Frauenrechtsaktivistinnen von „Femen“ beispielsweise bezeichnen Kopftuchträgerinnen als „Sklavinnen“ und das Kopftuch als „Konzentrationslager“. Alice Schwarzer, prominente Vertreterin der deutschen Frauenbewegung, sieht es als Symbol des politischen Islamismus. Durch solche Aussagen fühlen sich Islamische Feministinnen in die Ecke gedrängt und wehren sich vor allem dagegen, dass andere Frauen über und für sie sprechen, sich die Deutungshoheit des Kopftuchs anmaßen, und sie damit unsichtbar und unmündig machen.

Auch Betül, Atia und Rabia erzählen, dass sie sich immer wieder rechtfertigen und erklären müssen und sehen sich oft in der Rolle, beweisen zu müssen, dass Vorurteile und Klischees auf sie nicht zutreffen. Was wünschen sich Betül, Atia und Rabia für die Zukunft und das Zusammenleben in Deutschland?

Betül
Ich wünsche mir, dass mehr die individuelle Person im Vordergrund steht und nicht ihr religiöser oder kultureller Hintergrund. Das gilt vor allem auch für die Berichterstattung in den Medien.

Atia
Angesichts der aufgeladenen Stimmung, die auch nachvollziehbar ist, würde ich mir wünschen, dass man offen miteinander umgeht, dass man den Dialog sucht. Das habe ich auch in persönlichen Erfahrungen oft mitbekommen. Menschen, die mich zunächst vielleicht komisch angeschaut oder angesprochen haben, waren anschließend total überrascht und positiv beeindruckt, sobald sie mit mir im Gespräch waren, gehört haben, dass ich doch ganz gut Deutsch sprechen kann. Oft haben sie sich gleich für ihr unangenehmes Verhalten mir gegenüber entschuldigt. Ich finde sobald die Menschen anfangen, miteinander zu sprechen, bauen sich die größten Vorurteile bereits ab.

Rabia
Ich wünsche mir, dass die Integration besser funktioniert. Und das kann nur miteinander funktionieren und nicht von oben herab. Man muss Parallelgesellschaften vermeiden, Sprache fördern, niemanden ausschließen. Verschiede Kulturen sehe ich als Bereicherung, es ist toll, dass Vielfalt möglich ist. Die sollte miteinander gestaltet werden.

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