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20.11.2018 um 17:15 Uhr

„Insgesamt arbeiten wir darauf hin, überflüssig zu werden“

Ehrenamtskreis Hausaufgabenbetreuung, Gewinner des städtischen Preises für Flüchtlingshilfe 2018, im Interview mit dem AmkA

Der „Ehrenamtskreis Hausaufgabenbetreuung“ unterstützt seit 2016 geflüchtete Kinder in der Unterkunft am Alten Flugplatz in Bonames, um so deren schulische Entwicklung und Teilhabechancen zu fördern. Der Großteil der rund 25 Ehrenamtlichen ist seit Beginn dabei und hat ein vertrautes Verhältnis zu den Kindern aufgebaut.

Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Sie und Ihr Projekt Hausaufgabenhilfe?

Die Auszeichnung bedeutet für uns eine öffentliche Anerkennung und Wertschätzung. Diese Anerkennung tut gut und kann anderen Menschen Mut machen, sich ebenfalls auf diesem Gebiet zu engagieren. Die Auszeichnung zeigt aber auch, dass die Geflüchteten - und nicht nur die Kinder - weiterhin Unterstützung brauchen. Es wird eine längerfristige Aufgabe der Gesellschaft sein, Migranten bei der Integration zu helfen. Wir freuen uns daher über die großzügige Dotierung, die uns die Möglichkeit gibt Ideen, wie bspw. eine regelmäßige Vorlesestunde auszuprobieren.

Durch die für uns sichtbaren Erfolgsgeschichten Einzelner und durch den selbstverständlichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen der Geflüchteten wird eine positive Einstellung zur Migrationssituation befördert. Der Blick ist dadurch nicht „sozial-romantisch“ verklärt sondern durch die Begegnungen entsteht ein reales Bild der Situation.

Wo liegen die alltäglichen praktischen Herausforderungen Ihrer Arbeit?

Eine Herausforderung ist es sich immer wieder einzustellen auf unterschiedliche Fächer, auf neue Kinder und Jugendliche und eine Form des Lernens, die sich von der, mit der wir Älteren aufgewachsen sind, unterscheidet. Es ist auch eine Herausforderung für sich selbst eine Haltung zu finden, wie man mit den Kindern und Jugendlichen umgeht. Genauer gesagt, müssen wir eine richtige Balance finden zwischen dem Verständnis und der Sensibilität für die individuellen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen und einem konsequentem Handeln das auf eine Anregung zur Selbständigkeit zielt. Wir müssen möglichst schnell die Bedürfnisse und den individuelle Hilfebedarfs jedes einzelnen Schulkindes erkennen und unser Handeln danach ausrichten. Dies erfordert eine Einfühlsamkeit und Sensibilität, unter Einbezug uns zunächst unbekannter Kinder und Kulturen. Eine Herausforderung ist es auch ein ruhige und gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen in der beengten Raumsituation der Einrichtung. Auch müssen wir die Kinder zum Durchhalten animieren, wenn einmal etwas nicht so gut klappt.

Die Kinder sind wie alle Kinder, mal haben sie keine Lust darauf Hausaufgaben zu machen, mal haben sie einen großen Bewegungsdrang und die Begabungen sind sehr unterschiedlich, viele sind aber sehr motiviert.


Aktive des Ehrenamstskreises bei der Hausaufgabenbetreuung (Foto: Ehrenamtskreis Hausaufgabenbetreuung)

Gibt es besondere Erfolge Ihres Engagements, auf die Sie gerne zurückblicken?

Die Kinder lernen schnell und ihre Deutschkenntnisse haben sich in den zwei Jahren sehr verbessert. Und auch Kinder, die am Anfang große Schwierigkeiten mit dem Lernen hatten, finden mittlerweile den Anschluss. Dabei ist es toll zu sehen und zu spüren, dass wir im Laufe der Zeit jeweils zu einigen Kindern und Jugendlichen Nähe und Vertrauen aufbauen konnten. Eine positive Entwicklung ist auch, dass viele Kinder inzwischen viel selbstverständlicher unser Angebot wahrnehmen und dass viele ruhiger und konzentrierter geworden sind. Es ist schön, dass unsere Arbeit ein Puzzleteil ist, um eine immer besser werdende Teilhabe an unserem gemeinschaftlichen Leben zu ermöglichen. Die schönsten Momente sind die, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher eine Aufgabe verstanden hat und die Scheu vor der Herausforderung verliert.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht ehrenamtliches Engagement für Frankfurt und für unsere Stadtgesellschaft?

Es ist wichtig, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Unterkunft zu zeigen, dass sie hier angenommen werden und dass sie Hilfe finden. Ohne ehrenamtliches Engagement wäre es sehr viel kälter und rauer in Frankfurt. Natürlich geht es nicht ohne die professionellen Sozialdienste, aber das spontane, nachbarschaftliche, bunte und vielfältige persönliche Wirken der unterschiedlichsten und unterschiedlich motivierten Ehrenamtlichen können sie nicht leisten. Freiwilligkeit setzt auch eine andere Haltung und ein anderes Problembewusstsein voraus als es bezahlte Betreuung tut: Aktiv und selbstbestimmt steht sie für aktives und bewusstes Mitgestalten der Gesellschaft von heute – und morgen.

Welche Visionen haben Sie für die Zukunft Ihres Projekts?

Schön wäre es, wenn alle Kinder einen Schulabschluss schaffen und eine Ausbildung aufnehmen. Das beinhaltet auch, dass die Familien lange genug in Deutschland bleiben können. Unsere Aufgabe wird weiterhin darin bestehen, die Kinder zu begleiten. Das wird weiter in der Hausaufgabenbetreuung bestehen, aber auch in individueller Nachhilfe.

Zudem soll diese Unterkunft, als erste bzw. zweite Unterbringung für Geflüchtete, erhalten bleiben. Sie soll sich – auch räumlich – stabilisieren und erweitern. Wünschenswert wäre dabei eine dichtere Anbindung und Verbindung in die benachbarten Stadtteile, die Überwindung der Ghetto-Situation. Diese Unterkunft könnte in Zukunft auch als eine Art Trainings-Camp für das Leben "draußen" fungieren. Außerdem wollen wir mehr Möglichkeiten für die Bewohnerinnen und Bewohner schaffen, vor Ort zu arbeiten, z.B. in Nachbarstadtteilen.

Insgesamt arbeiten wir darauf hin, überflüssig zu werden.  Unsere  wunderbare Vision ist, dass alle unsere Schützlinge ohne uns zurechtkommen, um „Schritt für Schritt“ mehr Gemeinschaft in Frankfurt zu leben.

Was sagen Sie Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Ehrenamt zu übernehmen?

Das Ehrenamt ist nicht einseitig und besteht nicht nur im Geben, sondern auch im Nehmen. Egal, wo man sich engagiert, man bekommt immer etwas zurück. In unserem Fall bedeutet das, dass wir Einblick in fremde Kulturen bekommen, dass wir aber auch unsere eigene Kultur neu überdenken und unseren Horizont erweitern, indem wir mit den Kindern darüber sprechen. Wenn dann noch Einsichten und neue Erkenntnisse gewährt werden, ist es eine besondere Bereicherung.

Wir würden gerne andere ermutigen, sich zu engagieren, wobei die wirkliche Bereitschaft für ein Ehrenamt einen eigenen Impuls braucht.  Denn man sollte zumindest den Mut haben, eine Sache (Amt) und dabei sich selbst auszuprobieren, denn man lernt viel über sich selbst. Ein Ehrenamt ist nicht nur ein freiwilliger Dienst an der Gesellschaft von heute und morgen, sondern gibt einen tieferen und intensiveren Einblick in gesellschaftliche Prozesse. Seit wir ehrenamtlich mit Geflüchteten arbeiten, hat das Wort "Integration" eine viel tiefere, komplexere und vielschichtigere Bedeutung erlangt. Außerdem macht es einfach Spaß, auf andere Gleichgesinnte zu treffen und zu erleben, wie viel soziales und kreatives Potential in der Gesellschaft (doch) lebendig ist.

Die einzelnen Antworten der Ehrenamtlichen wurden von Felix Heinze zusammengeführt.

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