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02.05.2017 um 10:30 Uhr

Interkulturelle Öffnung von Kultureinrichtungen

Ergebnisse des InterKulturBarometers aus dem Jahr 2011

Die wichtigsten Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus der Studie "InterKulturBarometer" auf einen Blick.

"Kunst kennt keine nationalen Grenzen und ist durchaus auch interkulturell, aber dies schließt nicht automatisch ein, dass Kunst auch einen Beitrag zum interkulturellen Dialog leisten kann und will", heißt es in einem Positionspapier des Kulturausschuss des Deutschen Städtetags aus dem Jahr 2004. Schon vor 13 Jahren fordern die Herausgeber, den besonderen Beitrag der Kunst als "hilfreiche Metapher - und damit Grundlage - für den Umgang mit kultureller Vielfalt in unseer Gesellschaft und damit auch für die Entwicklung eines modernen Verständnisses von Integration" zu begreifen. Dafür müsse sich, so die Konsequenz aus den Überlegungen, die deutsche Kulturlandschaft interkulturell stärker öffnen. Die Herausgeber fordern ein Einstellen der Angebote auf neue Zielgruppen, die Kooperation und stärkere Einbindung vielfältiger Akteuere, die Schaffung niedrigschwelliger Zugänge und die interkulturelle Schulung des Personals.

Verlässliche Studien über die Besucherzahlen von Museen mit dem Fokus auf Migration und ausdifferenzierten Zielgruppen sind aber noch immer selten. Das InterKulturBarometer aus dem Jahr 2011, ein Projekt des Zentrums für Kulturforschung (ZfKf) in Kooperation mit den Universitäten Hildesheim und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnburg und mit Fördermitteln des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM), der Länder Niedersachsen und Nordrehin-Westfalen, ist eine solche Vorlage.

Rund 2.800 in Deutschland lebende Personen wurden für die Studie befragt, mehr als die Hälfte davon mit Migrationshintergrund. Alle beantworteten einen Fragebogen, ein Teil wurde zudem persönlich interviewt und um ausführliche Erklärungen gebeten. Aus den Antworten ergaben sich für die Forschenden Erkenntnisse, aus denen sie konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. So heißt es beispielsweise bei den zentralen Ergebnissen: „Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund akzentuieren den Kulturbegriff unterschiedlich“. Während Personen, die in Deutschland geboren wurden unter Kunst eher klassische Formate wie Malerei, bildende Künste, Konzerte oder Theater begreifen, vertreten Personen mit Migrationshintergrund häufig einen breiteren Kulturbegriff, der beispielsweise auch Familie oder Religion mit einschließt. Daher lautet die Empfehlung der Studie, Kooperationen zwischen Migrantenkulturvereinen und Kultureinrichtungen partizipativ, niedrigschwellig und auf Augenhöhe mit der Prämisse künstlerischer Bereicherung für beide Seiten auszubauen.

© Stadt Frankfurt am Main (Foto: Andreas Varnhorn)

Das kulturelle Kapital, das Deutschland durch Migration im Bereich der Künste gewinnt indem eingewanderte Menschen Musik, Instrumente, Literatur und traditionelle oder moderne Ausdrucksformen aus ihren Herkunftsländern mitbringen, werde noch verhältnismäßig selten von der deutschstämmigen Bevölkerung aufgegriffen. Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund hingegen zeigten punktuell ein eher größeres Interesse an Kulturgeschichte, Kunstwerken und Künstlerinnen und Künstlern, die aus ihren eigenen Herkunftsländern oder benachbarten Regionen stammen. 65 Prozent der türkischen Community und 54 Prozent der aus Nahost stammenden Bevölkerungsgruppen gaben 2011 an, sich stark für Kunstwerke oder Kunstschaffende aus dem arabischen Kulturraum zu interessieren. Von den befragten Personen deutscher Herkunft interessierten sich hingegen nur 3 Prozent dafür.

Insgesamt interessierte sich aber ein Großteil der Befragten für kulturelle Veranstaltungen, rund 97 Prozent gaben an, bereits mindestens einmal an einer solchen teilgenommen zu haben. Dabei wurden die klassischen Kultureinrichtungen seltener von migrantischen als von nichtmigrantischen Menschen besucht. Als Grund dafür nannten die Herausgeber der Studie vor allem den schwierigen Zugang zum klassischen Kunstsektor. Während bei in Deutschland geborenen Menschen vor allem der Bildungsgrad eine Rolle spiele, sei dieser kein Indikator für eingewanderte Personen oder deren Kinder. Im Fazit der Studie heißt es dazu: „Es kann vermutet werden, dass zugewanderte Familien weniger vertraut sind mit der kulturellen Infrastruktur des Aufnahmelandes und daher weniger vermittelnd tätig werden können, auch wenn sie einen hohen Bildungsgrad haben.“

Mit diesem Ergebniss hängt auch die unmittelbare Erfahrung von Kunst als Freizeitaktivität zusammen. Während Bevölkerungsruppen ohne Migrationshintergrund häufig die eigene Motivation als Grund für den Besuch kultureller Veranstaltungen nannten, gaben Personen mit Migrationshintergrund eher an, den Besuch von Freunden oder Familienmitgliedern abhängig zu machen. Auf dieses Ergebnis regieren könnten die Kulturschaffenden etwa mit der gezielten Ansprache über Werbemittel in Herkunftssprachen und der Herstellung direkter Verbindungen zu Communities mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder Familienprogrammen.

Explizit gegen eine Quotierung von Kunst aus Migrantenherkunftsländern sprechen sich die Verfasser der Studie in dem Kapitel mit den Handlungsempfehlungen aus. Stattdessen sollte verstärkt auf interkulturelle, transkulturelle und partizipative Ansätze gebaut werden. Themen, die auf gemeinse Wurzeln unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen hinweisen, seien weit besser geeignet, um Dialog herzustellen und Differenzen zu überbrücken.

Links zu den erwähnten Publikationen:

InterKulturBarometer (2011) KURZ: http://www.kulturforschung.de/pdf/InterKulturBarometer_Zusammenfassung_DE.pdf

InterKulturBarometer (2011) LANG: http://www.qualitaetsverbund-kultur-macht-stark.de/fileadmin/user_upload/Vortraege/RK_Remscheid_09122014/Keuchel_Susanne_Interkulturbarometer.pdf

Printversion InterKulturBarometer (2011) unter: http://www.arcultmedia.de/shop.php 

Positionspapier des Deutschen Städtetags (2004): http://www.staedtetag.de/fachinformationen/kultur/057922/index.html

Migranten als Publikum in öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen (2009):

http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/zad/media/zad_migranten_als_publika_angebotsseite.pdf

Zentrale Ergebnisse der Sinus-Studie über Migranten Milieus in Deutschland (2008):  http://relaunch.migration-online.de/data/sinusmilieuszentraleergebnisse09122008.pdf

 

 

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