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21.02.2017 um 08:45 Uhr

Interview: Tag der Muttersprache in Bangladesch

Der Internationale Tag der Muttersprache, der jährlich am 21. Februar begangen wird, wurde von den Vereinten Nationen auf Vorschlag der UNESCO im Jahr 2000 eingerichtet. Warum er vor allem in Bangladesch wichtig ist, erklärt dieses Interview.

Als fünfjährige kam Pushpa Islam mit ihren Eltern nach Frankfurt. Geboren wurde sie in Bangladesch, mittlerweile arbeitet sie als Referentin im Grundlagenteam des AmkA. Der 21. Februar, der seit dem Jahr 2000 von der UNESCO als „Internationaler Tag der Muttersprache“ ausgerufen wird, geht auf Studentenproteste in dem Nachbarland Indiens zurück. 1952, damals gehörte Bangladesch noch zu Pakistan, beschloss die Regierung, Urdu zur alleinigen Amtssprache zu machen, und das obwohl die überwiegende Mehrheit der Bangladeschis Bengali spricht. Während Urdu eher mit dem Arabischen verwandt ist, hat Bengali seine Wurzeln im Sanskrit und erinnert daher an das indische Hindi. Den Verlust ihrer Muttersprache wollten die heutigen Einwohner Bangladeschs nicht hinnehmen und protestierten dagegen. Bis zur Abspaltung des Landesteils und der Gründung von Bangladesch im Jahr 1971 kam es immer wieder zu starken Ausschreitungen, bei denen viele Menschen, darunter vor allem Studenten, ums Leben kamen. Heute thematisiert der Internationale Tag der Muttersprache vor allem das Verschwinden von gut der Hälfte der weltweit noch gesprochenen 6.000 Sprachen.

AmkA: Was bedeutet der Internationale Tag der Muttersprache für Sie?

Pushpa Islam: Nach den religiösen, islamischen Feierlichkeiten wie Zuckerfest und Fastenbrechen, und dem Unabhängigkeitstag, ist der 21 Februar einer der wichtigsten Feiertage in Bangladesch. Wir erinnern uns daran, wie die Unabhängigkeit zustande kam. Die Geschichte Bangladeschs als Staat ist ja noch sehr jung. In vielen Familien gibt es einen direkten Bezug zu den Protesten, Familienmitglieder die damals aktiv dabei waren oder sich zumindest noch sehr gut daran erinnern. Das Bengali ist ganz eng mit unserer Identität verbunden. Bis zu dem Punkt, als Urdu zur alleinigen Amtssprache erhoben wurde, hielten sich die Proteste in Grenzen. Aber den Verlust der Muttersprache, und somit auch einer gesellschaftlichen Identität, wollten wir Bangladeschis nicht einfach so hinnehmen. Daraufhin entstand eine starke Widerstandsbewegung.

AmkA: Welche Feierlichkeiten gehören heute zum Internationalen Tag der Muttersprache?

Pushpa Islam: Man kann sich das ein bisschen so vorstellen wie den Tag der Deutschen Einheit. Es ist nicht in erster Linie ein fröhliches Fest, obwohl wir die Unabhängigkeit feiern. Wir gedenken vor allem der Opfer und es schwingt Traurigkeit mit. Viele Leute sind damals bei den Protesten und im Unabhängigkeitskrieg gestorben und das ist in vielen Familien immer noch sehr präsent. Es gibt noch sehr viele Zeitzeugen, sodass man selbst auch einen persönlichen Bezug dazu hat. In der Schule ist der Tag natürlich Thema. Es werden Gedenkfeiern abgehalten und Blumen niedergelegt, zum Beispiel am Shaheed Minar, dem Denkmal in der Hauptstadt Dhaka. Das Denkmal erinnert an die Studenten, die bei den Protesten 1952 gestorben sind. Die Community hier in Frankfurt veranstaltet eine Feier zum Gedenken an die Opfer und feiert natürlich auch. Man kleidet sich in den bengalischen Farben rot und grün, trifft sich um gemeinsam zu erinnern. Es werden auch Gedichte aufgesagt, es gibt Musik und Theatervorstellungen. Die Sprache ist ein zentraler Punkt dabei. Im Vordergrund steht das Feiern der bengalischen Identität, die sich sehr stark über unsere Sprache ausdrückt.

AmkA: Sprache als Ausdruck von Identität, was bedeutet das für Sie?

Pushpa Islam: Wir Bangladeschis sind stolz auf unsere Sprache. Der erste asiatische Literaturnobelpreisträger, Rabindranath Tagore, war bengalischer Herkunft und schrieb auf Bengali. Die Nationalhymnen Bangladeschs und Indiens wurden von ihm verfasst. In Sprache, Musik und Literatur drückt sich aus, wer wir sind. Die Loslösung war eine Frage der Sprache, der Literatur und der Identität. Heutzutage neigen wir dazu, Identitäten zu etablieren, die ausschließlich sind. Wir orientieren uns an Religion oder Staatenzugehörigkeit. Sprache ist aber umfassender, sie transportiert Geschichte, Herkunft und Zugehörigkeit.

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