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07.08.2015 um 14:00 Uhr

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"

Derzeit wird in Deutschland viel über Willkommenskultur diskutiert. Was verbirgt sich dahinter? Ein Gespräch mit dem Migrationsexperten Ulrich Kober von der Bertelsmann Stiftung über Zuwanderung und darüber, was wir von klassischen Einwanderungsländern lernen können.

Von Unternehmen, über Universitäten bis hin zu Kommunen – derzeit wird von vielen Seiten über Willkommenskultur diskutiert. Was ist damit konkret gemeint?

Das stimmt tatsächlich – viele reden von Willkommenskultur. Vielleicht auch deshalb, weil der Begriff so schön unscharf ist und man ganz vieles darunter packen kann. Ich würde Willkommenskultur als eine Haltung der Offenheit gegenüber Migranten definieren, die auf Teilhabe und Inklusion zielt. Willkommenskultur sollte also nicht nur eine freundliche Haltung beinhalten sondern darauf zielen Bedingungen herzustellen, dass Migranten wirklich an der Gesellschaft teilhaben und zur Gesellschaft dazugehören. Oder andererseits könnte man sagen: Willkommenskultur meint einen positiven, einen teilhabeorientierten Umgang mit Vielfalt.

Warum wird der Begriff „Willkommenskultur“ gerade jetzt so stark diskutiert?

Es lohnt sich ein kleiner Blick zurück, um die aktuelle Diskussion in einen größeren Kontext zu setzen. Bis Ende der 90er Jahre gab es noch die klare politische Ansage: Wir sind kein Einwanderungsland! Das hat sich dann durch die rot-grüne Regierung geändert. Eines ihrer wichtigsten Reformprojekte war die Modernisierung Deutschlands mit Blick auf die real existierende Einwanderungssituation. Auch die große Koalition hat dieses Thema aufgegriffen. Wichtige Formate wie der Integrationsgipfel oder die Islamkonferenz wurden ins Leben gerufen. Es war das Jahrzehnt der nachholenden Integration. Interessant ist, dass man in dieser Zeit trotzdem gehört oft hat: „Wir sind ein Integrationsland, aber wir sind eigentlich kein Einwanderungsland in dem Sinne, dass wir neue Einwanderer haben wollen.“ Seit etwa 2010 spricht man, auch vor dem Hintergrund der demographischen Situation, wieder stärker von Einwanderung. Auch rechtlich verstärkte die offizielle Aufhebung des Anwerbestopps im Jahr 2012 diese neue Perspektive. Jetzt wird offener gesagt: „Wir sind ein Einwanderungsland in dem Sinne, dass wir Einwanderer anwerben müssen!“ Der Begriff Willkommenskultur ist daher in meinen Augen ein Signal dafür, dass Deutschland in eine nächste Phase des Denkens und Redens über Migration eintritt.

Welche Zuwanderer stehen bei dieser neuen Debatte im Fokus?

Zunächst geht es bei der Debatte um Willkommenskultur oft um qualifizierte Einwanderer. Wir haben einen Wettbewerb um Fachkräfte, die überall begehrt sind und natürlich wird darüber diskutiert, wie man für sie attraktiv sein kann. Hoch qualifizierte Einwanderer sehen in der Regel erst einmal die wirtschaftlichen Chancen in einem Land, etwa nach Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs. Das ist die zentrale Frage, die notwendig, aber nicht hinreichend ist. Ob eine Person zuwandert oder nicht, hängt auch von weichen Faktoren ab. Also: Wie ist das gesellschaftliche Klima in einem Land? Wie ist es mit der Sicherheit? Wie hoch ist die Toleranz? Wenn man darauf zielt mehr qualifizierte Fachkräfte ins Land zu holen, dann weiß man auch, dass man im Bereich dieser Faktoren besser punkten muss. Aber – auch das greift das zu kurz. Willkommenskultur meint eben auch den Umgang mit Vielfalt im Land. Insofern ist es wichtig, wie mit den bereits im Land lebenden Migranten umgegangen wird. Und darauf schauen eben auch qualifizierte Migranten, die noch nicht im Land leben. Man kann nicht sagen: „Wir entwickeln jetzt eine Willkommenskultur für die begehrten Einwanderer, aber wie mit Einwanderern, die schon in dritter Generation im Land leben umgegangen wird, ist eine andere Frage.“ Nein – diese Fragen hängen zusammen.

Klassische Einwanderungsländer wie etwa Kanada gelten als internationale Vorreiter in Sachen Willkommenskultur. Wodurch zeichnen sie sich aus?

Willkommenskultur ist in meinen Augen eine Haltung der Offenheit gegenüber Migranten, die auf Teilhabe zielt. Das manifestiert sich aber dann in bestimmten Regelungen und Praktiken.
Zunächst haben bewusste Einwanderungsländer systematische Sprachförderungsmechanismen und -Instrumente. In Deutschland wurden im Zuge des Zuwanderungsgesetzes 2005 Integrationskurse eingerichtet, die seit einigen Jahren eigentlich Sprachkurse sind. Das ist klassisch – das braucht man. Kanada fördert etwa systematisch das Englische von der Kita bis in weiterführende Schulen. Deutschland hat gerade damit angefangen, aber gerade im Schulbereich ist da noch viel mehr zu machen.
Einwanderungsgesellschaften haben außerdem im besten Fall ein Schulsystem, das sehr sensibel auf Einwandererkinder eingestellt ist. In dem Sinne, dass kulturelle Vielfalt nicht nur anerkannt, sondern auch im Schulalltag repräsentiert wird. So etwa durch Lehrer, die selbst eine Migrationsgeschichte habe. Es muss außerdem genau darauf geachtet werden, ob es im Schulsystem Mechanismen gibt, die zu einer ungewollten, dennoch strukturellen Diskriminierung führen können. Faire Bildungschancen sind sicherlich ein zentraler Punkt einer gelebten Willkommenskultur.

Gibt es noch weitere Mechanismen, von denen wir lernen können?

Auf dem Arbeitsmarkt geht es bei Zuwanderern um die Anerkennung von Qualifikationen. In Kanada gibt es zum Beispiel in manchen Regionen den sogenannten Fairness Commissioner. Dieser achtet  ganz besonders darauf, ob bestimmte Reglungen des Zugangs zum Arbeitsmarkt Migranten benachteiligen könnten. Es geht nicht nur darum, dass Abschlüsse anerkannt werden, sondern auch, dass dieser Prozess fair und transparent erfolgt. In Deutschland wird dies durch das föderale System erschwert. Sicherlich könnte man da mehr harmonisieren.Darüber hinaus gibt es in Kanada viele Bemühungen gerade qualifizierte Zuwanderer auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt zu begleiten. Das ist eine echte Herausforderung und geht nicht ohne Mentoringprogramme, Patenschaftsprojekte und eine aktive Politik von Unternehmen. Genau das ist typisch für Einwanderungsländer.
Ein großer Bereich sind rechtliche Regelungen im Bereich der Einbürgerung. Wenn man sagt:  „Willkommenskultur zielt auf Teilhabe“, braucht man zügigere Wege in die Einbürgerung. Dieser Weg ist in Deutschland noch immer sehr lang. Darüber hinaus haben wir immer noch die Schwierigkeit, dass Doppelstaatsangehörigkeiten nicht bei allen Migrantengruppen akzeptiert werden.
Für gesellschaftliche Teilhabe ist es darüber hinaus es auch sehr wichtig, dass Mechanismen zum Schutz vor Diskriminierung etabliert werden. Die Antidiskriminierungsmaßnahmen sind für ein Einwanderungsland in der Größenordnung, das Deutschland mittlerweile ist, noch zu bescheiden. Frankfurt hat etwa die Antidiskriminierungsstelle. Aber das ist ja längst nicht Standard in deutschen Städten. Für eine gelebte Willkommenskultur muss also auf ganz unterschiedlichen Ebenen angesetzt werden.

Oft werden auch die kanadischen Welcomecenter, in denen Zuwanderer alle Informationen aus einer Hand bekommen, als  Beispiel für gelebte Willkommenskultur genannt.

Jedem Anfang wohnt natürlich ein Zauber inne. Welcomecenter können dabei helfen am Anfang wichtige Weichen zu stellen. Doch es geht um mehr: Etwa darum, dass es in den Kommunen eine etablierte Infrastruktur gibt, die von Anfang an darauf setzt, dass Einwanderer Zugang zu allen relevanten Leistungen wie etwa Sprachkursen haben. Gerade am Anfang ist es zentral, insbesondere für Einwandererkinder, entsprechende Fördermaßnahmen zu empfangen. Denn hier werden Weichen gestellt, dass Teilhabe später gelingt.

Wie steht in Ihren Augen Deutschland in Sachen Willkommenskultur gesellschaftlich da?

Dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gut miteinander auskommen, lässt sich natürlich nur bedingt staatlich regeln. Da brauchen wir ganz besonders die Gesellschaft, zivilgesellschaftliche Organisationen und bürgerschaftliches Engagement. Denn Menschen fühlen sich willkommen, wenn sie vor Ort akzeptiert werden und teilhaben können. Ich finde, dass Deutschland eine lebendige Zivilgesellschaft hat und in dieser Hinsicht sehr gut dasteht. Das Engagement für Zuwanderer durch Wohlfahrtsverbände aber auch durch Privatpersonen ist schon jahrzehntelang geübt. Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, die unsere Gesellschaft bereichert. Konflikte gibt es natürlich auch. Das wissen wir spätestens seit letztem Herbst, als es einwanderungskritische Demonstrationen gab. Eine Einwanderungsgesellschaft ist eben kein Garten Eden, sondern eine Gesellschaft, die auch neue Konflikte hat. Einige Soziologen sagen, dass Zusammenhalt nicht nur durch gemeinsame Werte, sondern durch die gemeinsame Regelung von Konflikten entsteht. Wie diese Konflikte geregelt werden, macht den Halt unserer Gesellschaft aus.

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Ulrich Kober

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