News News date:
30.11.2014 um 20:00 Uhr

„Mauern im Kopf einreißen“

Frankfurt diskutiert über Flüchtlinge

Die aktuelle Flüchtlingssituation und ihre Herausforderungen und Chancen für Politik und Gesellschaft war Thema einer öffentlichen Podiumsdiskussion am 26.11.2014 im Leopoldsaal des Historischen Museums, zu der Integrationsdezernentin Dr. Nargess Eskandari-Grünberg eingeladen hatte. Ein vielseitig besetztes Podium und ein Saal interessierter Frankfurter erörterten die drängendsten Probleme und die aktuelle Situation in Deutschland.

Gebot der Menschlichkeit

In ihrem Eingangsstatement appellierte Integrationsdezernentin Dr. Eskandari-Grünberg vor allem an Vernunft und Menschlichkeit: „Hinter jeder Nachricht im Fernsehen, hinter jeder Todesmeldung, steht ein persönliches Schicksal.“ Gerade angesichts hoher Flüchtlingszahlen sei es das Gebot der Stunde „Mauern in der Gesellschaft und im Kopf einzureißen“, um Menschen, die alles hinter sich lassen mussten, offen entgegenzutreten.

Fliehen- ankommen - warten

In diesem Jahr seien 100 Asylbewerber der Stadt Frankfurt zugewiesen worden, hinzu kämen 800 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, so Dr. Eskandari-Grünberg weiter. Diesen Menschen müsse man so schnell wie möglich und unbürokratisch helfen. Doch sowohl gesetzliche Rahmenbedingungen als auch die derzeitige Praxis seien in der aktuellen Situation, so Prof. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. wörtlich, „menschenunverträglich.“ In erster Linie kritisierten die Podiumsteilnehmer lange Wartezeiten für Flüchtlinge, die in vielen Fällen zu Traumatisierungen führen könnten. So sei es nicht unüblich, so Dr. Eskandari-Grünberg, dass minderjährige Flüchtlinge bis zu zehn Monate auf eine Entscheidung in ihrem Fall warten müssten, ohne die Schule besuchen zu dürfen. Dabei handle es sich nicht um eine neue Situation. Einige Flüchtlinge in Frankfurt warteten schon seit über 15 Jahren auf eine Entscheidung innerhalb ihres Asylverfahrens und lebten in Duldung.

Bessere Zuwanderungspolitik

Zunächst müsse Flüchtlingspolitik in Deutschland schneller und unbürokratischer funktionieren. So müsse es möglich sein, dass etwa im Falle syrischer Flüchtlinge binnen weniger Tage entschieden werde, so Prof. Süssmuth. In der aktuellen Situation brauche es daher eine „Task-Force“ von Bund und Ländern, um mit der aktuellen Flüchtlingssituation umgehen zu können. Günter Burkard, Geschäftsführer von Pro Asyl argumentierte, dass Deutschland eine Politik brauche, die sich offensiv zum Schutz von Flüchtlingen bekenne und auch so agiere. Ähnlich wie andere Podiumsteilnehmer forderte er Möglichkeiten zur legalen Einwanderung zu schaffen, um menschliches Elend zu vermeiden.

Stimmung in Frankfurt

Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen habe sich in Deutschland verbessert, sagte Hugo Müller-Vogg, freier Pubizist und Buchautor und verwies dabei auf die Situation vor 20 Jahren. Dennoch gebe es auch heute in der Bevölkerung Menschen, die gegen Flüchtlinge agitierten oder auf die Straße gingen. Nach Meinung von Achim Knecht, dem neuen evangelischen Stadtdekan, sei dies in Frankfurt kein Problem. Im Gegenteil: In diesem Jahr hätten sich Frankfurter Bürger in besonders großem Ausmaß in unterschiedlichen Initiativen für die Verbesserung der Lebensumstände von Flüchtlingen engagiert. Das derzeit bekannteste Projekt ist die Unterbringung von 22 Flüchtlingen in der Gutleutkirche im Stadtteil Gallus, das durch ehrenamtliches Engagement getragen wird. Insgesamt, so Knecht weiter, sei er für Frankfurt sehr optimistisch, denn hier gebe es „es ein besonders hohes Maß an Hilfsbereitschaft und Aufnahmebereitschaft." Die Podiumsdiskussion am vergangenen Donnerstag machte vor allem eines deutlich: Während sich die Frankfurter Stadtgesellschaft längst Flüchtlingen geöffnet hat, bleiben die derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen und ihre Umsetzung für Flüchtlinge weit dahinter zurück. Integrationsderzentin Dr. Eskandari-Grünberg warb deshalb auch an diesem Abend für eine "integrative Flüchtlingspolitik".

Adresse

Historisches Museum Frankfurt

Saalhof 1
60311 Frankfurt am Main

E-Mail: info.historisches-museum@stadt-frankfurt.de
Telefon: 069 212 35154
Web: http://www.historisches-museum-frankfurt.de

Artikelinformationen

Stadtteile: Alle
Zurück