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28.01.2016 um 12:15 Uhr

„Patienten orientieren sich an Name und Herkunft“

Jeder Unternehmer hat ganz besondere Herausforderungen zu meistern. So auch Özlem Avci, Zahnärztin in Frankfurt. Sie sagt, dass sich Patienten bei der Arztsuche meist automatisch an Name und Herkunft des Arztes orientieren. Dieses Schema möchte sie in ihrer Praxis durchbrechen.

Außer einigen Flyern erinnert in Özlem Avcis Praxis in der Frankfurter Innenstadt wenig daran, bei einem Zahnarzt zu sein. Im Wartezimmer herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Einige Patienten sind in Zeitschriften vertieft oder schauen aus dem Fenster. Unter ihnen Frauen und Männer, jüngere und ältere Patienten, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Eine ganz alltägliche Situation in Frankfurt. Doch für Özlem Avci ist sie alles andere als selbstverständlich und Ergebnis jahrelanger Mühe.

Als sie vor acht Jahren ihre Praxis eröffnete, musste sie sich noch mit ganz anderen Fragen auseinandersetzen. Im Zentrum stand dabei, wie bei fast allen Jungunternehmern, die Finanzierung. Gerade für Zahnärzte eine besonders große Herausforderung, da sie besonders hohe Investitionskosten haben. „Am Anfang hat man schon schlaflose Nächte. Denn da ist ein ganz großer Batzen, den man zu schleppen hat“, erinnert Özlem Avci sich. Glücklicherweise habe sie aber gute Berater an ihrer Seite gehabt. „Wenn ich das alleine hätte machen müssen, dann wäre es glaube ich nicht so leicht gewesen“, sagt sie und lacht. „Noch sieben Jahre, dann ist meine Praxis abbezahlt“, freut sie sich.

Es war nicht selbstverständlich, dass Özlem Avci es so weit gebracht hat. Aufgewachsen ist sie im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. Ihre alleinerziehende Mutter stammt aus der Türkei und hatte mit drei Kindern alle Hände voll zu tun. Anders als heute, war Özlem Avci als Kind einer Einwandererfamilie in der Schule noch eine Ausnahme. Bis heute kann sie sich darüber ärgern, dass sie als einziges Kind für die Grundschule eine Aufnahmeprüfung ablegen musste. „Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich für den gleichen Erfolg immer ein bisschen mehr geben musste als die anderen.“ So sei es weitergegangen. Im Gymnasium in Frankfurt, während des Studiums in Marburg oder während ihrer Zeit als Assistenzärztin. Weshalb sie sich doch immer wieder aufs Neue habe motivieren können? „Ich hatte das Glück, dass meine Mutter aus einer sehr liberalen Familie aus der Türkei kommt. Das bedeutete für mich, dass Freiheit, Gleichstellung und vor allem Bildung immer besonders wichtig waren.“ Vielleicht ist es genau dieser Offenheit zu verdanken, dass Özlem Avci als Zwanzigjährige zu einer wichtigen Repräsentantin ihres Stadtteils wurde. „Tatsächlich – ein Jahr lang war ich Özlem I., Apfelweinkönigin von Bergen-Enkheim.“ Eine schöne Zeit sei das gewesen und es amüsiere sie noch heute.

Frau Avcis Weg in die Selbstständigkeit ist eine der Erfolgsgeschichten einer Frau aus einer Einwandererfamilie, die gerne erzählt werden. Doch ihre Erfahrungen offenbaren auch, dass nach wie vor vielen Unternehmern mit ausländischen Wurzeln ein anderes Image anhaftet als ihren Kollegen ohne Migrationshintergrund. Das macht sich für Frau Avci etwa immer wieder dann bemerkbar, wenn sie neues Personal für ihre Praxis sucht. Denn in so einer Situation lässt sie ihren Nachnamen in der Stellenanzeige bewusst weg: „Wenn ich meinen türkischen Nachnamen angebe, bewerben sich fast ausschließlich Frauen aus dem türkischen oder arabischen Raum bei mir.“ Eine ähnliche Tendenz gebe es auch bei den Patienten, wie sie aus eigener Erfahrung und der von Kollegen mit internationalem Hintergrund weiß: „Das ist schon so – Patienten orientieren sich schon sehr nach dem Namen und der Herkunft des Arztes.“ Mit einem türkischen Nachnamen passiere es also automatisch, dass man vor allem türkische Patienten habe. Damit könne sie sich jedoch wenig identifizieren. „Mir war es wichtig, dass meine Praxis nicht rein türkisch wird, sondern offen für alle ist und das auch ausstrahlt.“

Um diesem Ziel näher zu kommen, sei sie am Anfang sehr vorsichtig gewesen. „Mit Ausnahme einer türkischstämmigen Auszubildenden habe ich nur deutsche Mitarbeiter eingestellt, damit dieses Image gar nicht erst aufkommt.“ Mittlerweile sei sie da lockerer geworden. Nun arbeiten in ihrem sechsköpfigen Team einige türkischstämmige Mitarbeiterinnen, neuerdings auch eine koreanische Assistenzärztin. Auf die neue Kultur, die sie in die Praxis mitbringe, freue sie sich besonders. Einige Abmachungen unter den Kolleginnen seien aber nach wie vor wichtig: „In meiner Praxis wird in Anwesenheit von Patienten niemals türkisch gesprochen, denn für jeden, der es nicht spricht, fühlt es sich an wie eine Geheimsprache.“ Eine Ausnahme werde dann gemacht, wenn der Patient nur sehr wenig Deutsch spreche. Hier könne ihr Hintergrund und der ihrer Mitarbeiterinnen auch ein Vorteil sein: „Zu mir kommen auch Menschen, die seit 30 Jahren hier leben und immer noch fast kein Deutsch sprechen. Sie fühlen sich dann hier aufgehoben, weil sie das, was sie denken oder fühlen, hier artikulieren können.“

Gerade diese Vielfalt bei Mitarbeitern und Patienten sei es, die ihren Job spannend mache. Pauschale Unterscheidungen zwischen Patienten verschiedener Nationalitäten wolle sie eigentlich nicht machen. Auf Nachfrage fällt Özlem Avci dann aber doch noch etwas ein. „Türkische und iranische Frauen sind schon ganz besonders schmerzempfindlich“, merkt sie mit einem Schmunzeln an.

Adresse

Amt für multikulturelle Angelegenheiten

Lange Straße 25-27
60311 Frankfurt am Main

E-Mail: amka.info@stadt-frankfurt.de
Telefon: 069-212-41515
Fax: 069-212-37946
Web: http://www.amka.de

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