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11.08.2020 um 15:30 Uhr

Rassismus in der Kita – eine Integrationslotsin berichtet

"Erwachsene dürfen es nicht durchgehen lassen, wenn sich Kinder rassistisch verhalten"

Der Malteser Integrationsdienst unterstützt Geflüchtete auf ihrem Weg zum selbstbestimmten Leben in Frankfurt. Über 80 ehrenamtliche Integrationslots_innen helfen beim Deutschlernen, bei Behördengängen und vielen anderen Herausforderungen. Im Gespräch beschreibt Koordinatorin Frau Lerche die Besonderheiten des Projektes. Lotsin Frau Treffinger berichtet vom Umgang mit einem rassistischen Vorfall in einer Frankfurter Kita.

Potenziale wecken, Chancen nutzen

Als Mitbegründerin ist Frau Lerche für die ehrenamtlichen Integrationslots_innen in Frankfurt zuständig. Das Ziel des Projekts: Geflüchtete sollen ihre Potenziale erkennen und ihre Chancen in Schule und Beruf nutzen. Außerdem geht es darum, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. "Für viele Geflüchtete sind die Integrationslots_innen ihre erste Vertrauensperson in Deutschland", erklärt die Koordinatorin. 

Die Lots_innen können sich immer an Hauptamtliche wenden: "Wir vermitteln bei Problemen, organisieren Seminare, Gespräche oder Kurse und verbinden zwischen verschiedenen Kontakten." Schulungen und Sensibilisierungstrainings gehören mit dazu, ausgerichtet am Bedarf der Ehrenamtlichen. Inhaltlich geht es um Rassismus im Alltag, Präventionsschulungen zur sexualisierten Gewalt oder um Nähe und Distanz.

Das Engagement soll aber auch Spaß machen. Konzerte, internationale Kochabende oder Ausflüge gehören deshalb ebenso zum Programm der Malteser.

"So darf er nicht mit ihr reden"

Die Journalistin Frau Treffinger engagiert sich seit Beginn des Projektes als Integrationslotsin. Mit ihrer Tandempartnerin Frau Keita* lernt sie zu Beginn Deutsch. Später macht Frau Keita eine Ausbildung und muss zweimal in der Woche zur Berufsschule. Weil sie ihre Tochter Anisa* an ihren Berufsschultagen nicht in die Kita bringen kann, übernimmt Frau Treffinger diese Aufgabe für fast anderthalb Jahre.

Eines Tages möchte Anisa nicht mehr in die Kita gehen. Sie verhält sich anders, scheint von Ängsten getrieben. Ihrer Mutter erzählt sie, dass die anderen Kinder nicht mit ihr spielen wollen – angeblich weil sie schwarz ist. Als Frau Treffinger die Kleine beim nächsten Mal in die Kita bringt, bemerkt sie, wie ein Junge "Anisa – voll eklig" sagt. Aus Reflex habe sie mit dem Jungen geschimpft, ihm gesagt, dass er so nicht mit ihr reden dürfe. Gleichzeitig habe diese Situation ihr vor Augen geführt, wie gravierend das Problem ist, so Frau Treffinger.

Immer wieder Gespräche

Für Frau Keita und Frau Treffinger steht damit fest, handeln zu müssen. In einer WhatsApp-Gruppe berichtet die Mutter den Eltern der anderen Kinder, dass ihre Tochter rassistisch beleidigt wird. Manche Eltern sind entsetzt, andere wollen das Thema in den Elternbeirat bringen. An Anisas Ausgrenzung ändert sich aber zunächst nichts.

Im Gespräch mit den Erzieher_innen der Kita stellen diese zuerst auf die schwierige Personalsituation ab. Von einer Erzieherin bekommt Frau Keita sogar zu hören, dass sich Anisa einfach an solche Sprüche gewöhnen müsse, da sich Kinder eben gegenseitig ärgern würden. Völlig inakzeptabel, finden Frau Treffinger und Frau Keita und wenden sich an die Leiterin der Kita. Diese verspricht, die Situation zu beobachten.

Rund sechs Wochen später räumt die Leiterin ein, das rassistische Mobbing erschrocken wahrgenommen zu haben. Drei, vier Kinder seien daran beteiligt gewesen, weshalb sie Gespräche mit diesen Kindern und ihren Eltern geführt habe.

"Wir sind bunt"

Als Reaktion startet die Kita neue Aktionen wie "Wir sind bunt“, um das Bewusstsein der Kinder für gegenseitige Wertschätzung zu schärfen. "Unsere Gespräche mit der Kita haben neue Impulse dafür gesetzt, Kinder vor rassistischer Ausgrenzung zu schützen. Die Kita ist sehr viel aufmerksamer geworden", resümiert die Lotsin. Dennoch bleibt die Hautfarbe ein Dauerthema bei Anisa. Oft stellt sie Fragen wie: "Was wäre, wenn ich weiß wäre?"

Frau Treffinger hat aus den Geschehnissen viel mitgenommen: "Erwachsene dürfen es nicht durchgehen lassen, wenn sich Kinder rassistisch verhalten." Zwar würden Kinder oft nur nachsprechen, was sie woanders aufgeschnappt haben. "Wenn sie jedoch merken, dass sie damit durchkommen, tun sie es immer häufiger." Aber auch diejenigen Kinder, die nur zuschauen, müssten lernen, ihre Stimme für ein faires Miteinander zu erheben. "Für mich war das ein sehr wichtiger Lernprozess."

 

Das Interview führte Jonas Harbke, Praktikant im AmkA.

*Die Namen wurden geändert.

Adresse

Malteser Hilfsdienst e.V. - Ehrenamtsbüro

Schmidtstr. 67
60326 Frankfurt am Main

E-Mail: info@malteser-frankfurt.de
Telefon: 069-94 21 050
Web: http://www.malteser-frankfurt.de

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