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19.10.2015 um 16:00 Uhr

"Verschiedene Stimmen hörbar machen"

Der Frankfurter Rat der Religionen

Mit einer multireligiösen Feier beging Frankfurt am 30. September 2015 den 25. Jahrestag der deutschen Einheit im Zeichen religiöser Vielfalt. An der Organisation war der Frankfurter Rat der Religionen maßgeblich beteiligt. Robert Malorny, der seit dem 10. September Geschäftsführer des Rates ist, spricht aus diesem Anlass über die Rolle von Religion in Frankfurt und die Zusammenarbeit mit der vielfältigen Stadtgesellschaft.

Welche Bilanz ziehen Sie nach ihren ersten Wochen im Amt?

Die Arbeit für den Rat der Religionen macht mir bislang großen Spaß. Die ersten Wochen im Amt waren geprägt von der Vorbereitung der Multireligiösen Feier. Diese Hand in Hand mit dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten zu organisieren, war eine große Herausforderung. Umso mehr freue ich mich, dass die Veranstaltung ein großer Erfolg war. Neun Religionsgemeinschaften haben sich mit Liedern und Rezitationen über 650 Gästen präsentiert. Wir haben bewiesen, dass die großen Religionen dieser Welt etwas Wunderbares schaffen können, wenn sie friedlich zusammenarbeiten. Die deutsche Einheit auf diese Weise in der Paulskirche feiern zu dürfen, war eine große Ehre für uns. Wir hoffen, dass die Feier eine langfristige Wirkung entfaltet und die Menschen zum friedlichen Dialog und einem respektvollen Umgang mit anderen Religionen ermuntert.

Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen Ihrer zukünftigen Arbeit?

Es passiert unglaublich viel in Frankfurt, da viele Organisationen und religiöse Gemeinschaften sehr aktiv sind und tolle Dinge in der Stadt verwirklichen. Das ist aber gleichzeitig auch eine Herausforderung, denn bei großer Vielfalt kann man auch schnell den Überblick verlieren. Manchmal gehen in der Vielfalt leider auch sehr interessante und gute Projekte unter. Deshalb müssen, damit Vielfalt gelingt, vor allem die Verbindungspunkte der verschiedenen Initiativen und Organisationen sichtbar gemacht werden. Das bedeutet auch, dass alle Akteure interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen an den Tag legen müssen. Vielfalt heißt ja nicht, dass alle einfach nebeneinander her leben. Wir müssen intensiv miteinander kommunizieren, um Berührungspunkte zu schaffen. Für diese intensive Interaktion ist der Rat der Religionen ein gutes Beispiel. Bei uns werden im Dialog zu bestimmten Themen neue Anknüpfungspunkte gefunden und betont. Die Themen, die sich aus unserem Dialog entwickeln, möchten wir stark machen und an die Stadtgesellschaft weitergeben. Unser Ziel ist es, den Menschen im Alltag zu begegnen.

Wie genau möchte der Rat der Religionen den Menschen in ihrem Alltag zu begegnen?

Ich meine damit, dass wir gerade als Rat der Religionen neue Akzente setzen wollen und über die Dinge sprechen, die die Menschen wirklich bewegen. Dem Rat der Religionen sollte es darum gehen, die Freude der Religionen zu vermitteln und ein Bewusstsein für Religion in der Gesellschaft zu schaffen. Unsere letzte Podiumsdiskussion, die wir zum Thema „Ein Recht zum Glauben" veranstaltet haben, hat mir das nochmals verdeutlicht. Es wurde sehr stark die politische und juristische Seite von Religion diskutiert. Das war interessant und erkenntnisreich, doch wir haben auch gemerkt, dass wir uns als Rat der Religionen noch mehr mit dem Glauben der Menschen selbst auseinandersetzen sollten. Öffentliche Debatten sind oft sehr eingeschränkt, wie zum Beispiel die sogenannte „Kopftuchdebatte". Über die rechtliche Seite dieses Themas kann man endlos diskutieren. Über den eigentlichen Glauben der betroffenen Personen und die Bedeutung der religiösen Symbole wird aber zu wenig gesprochen. Durch neue Akzente und Themen können wir als Rat der Religionen zeigen, dass sich die Diskussion - um neue Antworten zu finden - nicht immer nur auf die altbekannten Fragen reduzieren darf.

Innerhalb des interreligiösen Dialogs des Rats der Religionen gab es auch Konflikte und öffentliche Diskurse. Wie ist die Situation heute?

Ich denke, dass der Frankfurter Rat der Religionen eine Vorbildfunktion hat.Wir haben in unserer Satzung klare Richtlinien aufgestellt, wie wir unseren Dialog gestalten möchten. Trotzdem ist es leider zum Konflikt mit der Jüdischen Gemeinde gekommen. Das bedauern wir natürlich. Wir versuchen aber, so gut wie möglich mit der Situation umzugehen. Darin liegt, wie ich finde, auch eine große Chance zu lernen. Aus unserem Dialog soll eine starke Stimme entstehen die sich gegenüber Stadtgesellschaft äußert. Meiner Meinung nach zeigt sich der Wert des Rates der Religionen innerhalb dieses Dialogs auch daran, dass er offen mit Konflikten umgeht. Wir sind eine vielfältige Gruppe mit verschiedenen Ansichten und Perspektiven. So können wir Einseitigkeiten auflösen und verschiedene Stimmen hörbar machen.

Welchen Beitrag leisten Religionen für die Frankfurter Stadtgesellschaft?

Das ist natürlich immer schwer zu beurteilen, da alle Gemeinden anders mit dem Thema soziales Engagement umgehen. Was ich sagen kann ist, dass der Rat der Religionen gerade an der Erstellung des hessischen Integrationsplans mitwirkt. In diesem Rahmen bin ich gerade auf die Gemeinden zugegangen, um mehr über deren zahlreiche Aktivitäten zu erfahren. Zudem kann ich sagen, dass ein wichtiger Schwerpunkt des Rates der Religionen in Zukunft die Jugendarbeit im religiösen Bereich sein wird. Ein anderes Beispiel für den positiven Beitrag von Religion zur Stadtgesellschaft ist Seelsorgearbeit. Das ist etwas, das nur von Seite der Religionen selbst kommen kann, da die Stadt sich neutral verhalten muss und keine Orientierungshilfe geben kann. Der Rat der Religionen hat schon vor einiger Zeit ein Seelsorgepapier veröffentlicht und mittlerweile gibt es in Frankfurt auch Initiativen und Vereine, die zum Beispiel muslimische Seelsorge anbieten. Als Rat der Religionen befassen wir uns momentan außerdem mit dem Thema Flüchtlingshilfe. Viele Gemeinden engagieren sich intensiv in der Flüchtlingsarbeit. Wir möchten dafür sorgen, dass dies auch gewürdigt wird.

Welches sind Ihre Aufgaben für die nächste Zeit?

Wir möchten das Thema des Interreligiösen Dialogs an Kinder- und Jugendliche herantragen, weil sie das oft gar nicht kennen. Deshalb haben wir in Kooperation mit dem Anne-Frank Zentrum das Projekt „Kaum zu glauben" initiiert. Damit versuchen wir Kinder und Jugendliche für interreligiösen Dialog zu gewinnen. Mir ist es für die Zukunft wichtig, die Kommunikation mit den Gemeinden zu verstärken und die Vernetzung voranzutreiben. Vor allem um Vielfalt zu leben und Berührungspunkte zu schaffen. Ein Schwerpunkt dabei wird die Jugend- und Integrationsarbeit verschiedener Gemeinden sein.

 

Adresse

Rat der Religionen

Domplatz 3
60311 Frankfurt am Main

Telefon: (069) 800 87 18 - 413
Web: kontakt@rat-der-religionen.de

Kontakt

Sarah Wohl

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