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28.01.2014 um 13:00 Uhr

Von Frankfurt aus setzen sich NGOs für mehr Gerechtigkeit in der ganzen Welt ein

Gutes Klima für ziviles Engagement

Frankfurt: eine Stadt der Banken und Finanzleute, klar. Eine Stadt der Bücher? Selbstverständlich: einmal im Jahr während der Buchmesse. Aber Heimat für renommierte Nichtregierungsorganisationen (NGO)? Ja doch, denn einige von ihnen steuern ihre die oft über die Grenzen Deutschlands hinaus reichenden Aktivitäten aus Zentralen in der Mainmetropole.

Das spezielle Frankfurter Klima lässt NGOs in der Stadt gedeihen. „Eine liberale, offene Stadt ermöglicht auch, dass sich die Zivilgesellschaft gut und gerne organisiert“, meint die Professorin für Internationale Institutionen und Friedensprozesse an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Tanja Brühl. Zwischen Paulskirche und Frankfurter Schule entwickelte sich eine Atmosphäre, die besonders Vereinigungen schätzen, die sich für Menschenrechte und mehr Gerechtigkeit in der Welt engagieren. Attac, Pro Asyl, die Gesellschaft für Menschenrechte und Medico International haben nicht nur ihren Sitz in Frankfurt, sondern haben dort auch ihre Wurzeln. Ihre Anfänge spiegeln politische Themen der jeweiligen Zeit – und die sind nach wie vor aktuell: Bürgerkrieg in Afrika, die Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen und Zuwanderern, die Lage der Menschen in Osteuropa.

Attacs Herz schlägt im Bahnhofsviertel

Die Globalisierungskritiker von Attac Deutschland beackern ein relativ junges Feld. Das Netzwerk setzt sich für mehr demokratische Kontrolle der Wirtschaft sowie eine an Gerechtigkeit orientierte und ökologisch verantwortbare Politik ein. Die ersten großen Schritte machte Attac (abgeleitet aus dem Französischen: Association pour une Taxation des Transactions Financière pour l’Aide aux Citoyens, Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger) von Frankfurt aus. Erste Aktivisten kamen im Jahr 2000 in der Bankenstadt zusammen. Aus den damals 50 Verbänden sowie Einzelteilnehmern wuchs eine Organisation mit Millionenbudget und rund 27.700 Mitgliedern. Ihr gehören Gewerkschaften ebenso an wie christliche Initiativen und Umweltschützer.

Seit mehr als zehn Jahren bekommen die rund 170 über das Land verteilten Ortsgruppen Unterstützung aus dem mitten im quirligen Bahnhofsviertel ansässigen Bundesbüro. Unweit von Banken, EZB und Börse sehen sich die „Attacies“ genau am richtigen Platz, um ihre Anliegen nicht zuletzt auch mit mediengerechten Aktionen in Szene zu setzen. Mitglieder schlugen vor den Türmen der Deutschen Bank Krach gegen Spekulation mit Nahrungsmitteln, mischen mit bei den für diesen Herbst geplanten Protesten der Blockupy-Bewegung gegen den EZB-Neubau im Osthafen oder machen Front gegen das derzeit zwischen den USA und der EU verhandelte Freihandelsabkommen.

IGFM fordert Religionsfreiheit

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) richtet seit 1972 den Blick nach Osten und traditionell auf die Wahrung bürgerlicher Rechte. „Den Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs fehlten Meinungs-, Versammlungs-, Religions- und Reisefreiheit“, erinnert IGFM-Geschäftsführer Karl Hafen an die Jahre, in denen die Welt noch in einen vom Sowjetregime beherrschten Osten und einen freiheitlichen Westen geteilt war. Bis zur Wende 1989 engagierte sich die Gesellschaft hauptsächlich für Menschen, die die DDR, Polen, Rumänien oder die Sowjetunion verlassen wollten. Nach dem Fall der Mauer positionierte sich die nicht immer unumstrittene Organisation neu. „Schwerpunkt heute ist die Religionsfreiheit“, sagt Hafen. In islamisch geprägten Ländern Afrikas und Asiens, im Irak, in Syrien oder dem Iran beobachten und dokumentieren Mitglieder einheimischer Sektionen die Situation. Aktuell stehen die Ukraine und der Umgang der dortigen Regierung mit den Menschenrechten sowie eine Hilfsaktion in Nigeria im Fokus der IGFM, die mit mehr als 38 Sektionen in der Welt präsent ist.

Pro Asyl schätzt Frankfurts Lage

Pro Asyl wurde 1986 als Antwort auf die Debatte um die „Asylantenschwemme“ und eine zunehmend kritischere Stimmung gegen Flüchtlinge gegründet. Beteiligt waren Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsorganisationen. Sie etablierten den Verein als eigenständiges Sprachrohr für Flüchtlingsfragen. Weil es in Frankfurt „sowohl Personal an Bord als auch Räumlichkeiten“ gab, entstand die Bundesarbeitsgemeinschaft am Main. Die Stadt besitze außerdem eine für Tagungen gut geeignete Mittellage, benennt Geschäftsführer Bernd Mesovic einen Standortvorteil. In der Mainmetropole finden die Helfer zudem auf ihre Anliegen spezialisierte Juristen. Die Idee eines Umzugs nach Berlin hat Pro Asyl verworfen. Stattdessen pendeln die Lobbyisten in Sachen Flüchtlingsrechte zur Pflege des politischen Dialogs regelmäßig in die Hauptstadt.

Mit der Europa-Abteilung agiert Pro Asyl auf internationalem Terrain: Die Krisenherde in Afrika, im Nahen Osten und Afghanistan und die Zustände in den Flüchtlingslagern an Europas Grenzen sind ständiges Thema. Das Tagesgeschäft überlässt die Bundesarbeitsgemeinschaft weitgehend den Flüchtlingsräten in den Bundesländern und den Wohlfahrtsverbänden. Unter mangelnden Zuspruch leidet die Organisation, die zu den Urhebern der bundesweit ausgerichteten Interkulturellen Wochen zählt, nicht. Mitglieder und Spendenaufkommen wachsen kontinuierlich. „Je weniger man der Politik zutraut, desto mehr vertraut man den NGO“, mutmaßt Bernd Mesovic.

Entscheidungen fallen am Main, nicht an der Spree

Seine Organisation kooperiert eng mit Medico International. Beide verbindet die Frage nach Gerechtigkeit. Woher kommt die Not der Menschen, wo liegen Ursachen für Gewalt? Welche Folgen hat globalisierte (Banken)Macht? Wer Antworten sucht und helfen will, für den sei Frankfurt der ideale Platz, findet Medico-Sprecherin Katja Maurer: „Es ist ein globales Zentrum, wo vielleicht mehr entschieden wird als in Berlin.“ Bei der Auseinandersetzung mit den Problemen der Welt beeinflusst bis heute die Denkhaltung der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno die Arbeit der Hilfsorganisation. Sie geht zurück auf das Jahr 1968. Damals taten sich Ärzte und medizinisches Personal zusammen, um Menschen in der vom Bürgerkrieg zerstörten Region Biafra in Nigeria zu helfen.

Die „Ur-Frankfurter Idee von Frankfurter Bürgern“ hat ihre Tätigkeit weg von der Krisenintervention vor Ort in Richtung Prävention entwickelt. Denn „Pflaster auf Wunden kleben, die nicht heilen, hilft nicht“, sagt Maurer. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern liegt der Schwerpunkt auf dem Gesundheitsbereich. Dort leistet die Organisation Basisarbeit. Zu den größten Medico-Erfolgen gehört die Anti-Landminen-Kampagne. Für die in einer Frankfurter Kneipe geborene Idee bekam ein Bündnis von Hilfsorganisationen um Medico gemeinsam mit der Amerikanerin Jody Williams 1997 den Friedensnobelpreis. Das 40-jährige Bestehen feiert Medico im Kaisersaal des Frankfurter Römer.

Die einstige Bürgerinitiative Medico International hat sich ebenso wie Attac und Pro Asyl zu einer professionell organisierten NGO gewandelt. Sie beschäftigten zahlreiche hauptamtliche Mitarbeiter und bewegen Millionen von Euro – sie sind nicht nur Frankfurter Imageträger, sondern auch ein kleiner, feiner Wirtschaftsfaktor.

Margarete Lausberg

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