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11.10.2016 um 16:00 Uhr

"Wie wollen wir leben?"

Kostenlose Workshops für Schulklassen in Frankfurt

Ausgesuchte „TeamerInnen“ führen Workshops mit Schulklassen durch und sprechen über ihre Vorstellungen von Zugehörigkeit zur Gesellschaft, Demokratie, über Identität und auch über den Islam und Islamismus. Ausgebildet werden die „TeamerInnen“ vom Berliner Verein ufuq.de, der im Bereich politischer Bildung aktiv ist und dazu einige Unterrichtsmaterialien wie etwa Kurzfilme herausgibt, die während der Workshops in Schulklassen gezeigt werden. Die Workshops können kostenlos von den Frankfurter Schulen und Jugendeinrichtungen beim AmkA abgefragt werden. Für dieses Interview sprach das AmkA mit zwei „TeamerInnen“ über ihre Arbeit vor Ort, ihre Motivation und Erlebnisse aus ihrer Tätigkeit.

Die beiden Teamer

Farah ist 22 Jahre alt, sie studiert Erziehungswissenschaften im 4. Semester und Lehramt im 3. Semester auf Haupt- und Realschule. Salim ist 23 Jahre alt, er ist Medizinstudent an der Goethe-Uni im 7. Semester.

 

AmkA: Was hat euch dazu gebracht, euch als „TeamerInnen“ zu bewerben?

Salim: Ich habe zuvor in der Tun Moschee in Heddernheim einen Flyer entdeckt. Ich fand die Idee super interessant, und dass man darüber in Schulen mehr sprechen sollte. Ich kenne das von mir selbst, dass wir nur Ethik in der Schule hatten. Und da hatten wir zwar die 5 Säulen des Islams mal in 45 Min besprochen. Das war‘s dann aber auch schon. Dann ging es zu Philosophie über, was ja auch sehr interessant ist. Aber gerade heutzutage macht es für mich Sinn, dass man über so etwas spricht. Also über Demokratie und den Islam und Islamismus. Und auch: Was sind diese Wörter, die man tagtäglich in den Nachrichten hört? Gefallen hat mir auch, dass die Workshops nicht direkt zum Schulalltag gehören, sondern neben dem Curriculum angeboten werden. Es hat nichts mit Noten zu tun. Es wird eine Plattform geboten, wo Schüler auch mal klar sagen können, was sie denken, ohne daran denken zu müssen, welche Note es dafür geben könnte.

Farah: Erst konnte ich mir nicht so gut vorstellen, wie das Programm abläuft. Aber als wir dann das Bewerbungsgespräch geführt haben, wurde das kurz erklärt. So richtig verstanden habe ich es erst, als wir ausgebildet worden sind. Ich find‘s eigentlich auch ganz gut, dass mal jemand von außen in die Schule reingeht und darüber spricht. Die meisten Lehrer haben von der Thematik nur wenig Ahnung.

 

AmkA: Mein ihr mit „dem Thema“ den Islam?

Salim: In den Workshops ist es immer wieder rübergekommen, dass auch Fünftklässler gesagt haben: Warum immer über den Islam reden? Das hört man doch eh ständig – warum reden wir nicht auch mal über Behinderungen und Diskriminierung? Das ist schon interessant, so etwas von einem Fünftklässler auf den Weg mitzubekommen. Dann haben wir kurz darüber geredet. Und das finde ich spannend. Dass unser Programm eine Plattform bietet, aber immer mit dem Wink: Das ist gerade eine aktuelle Thematik – Islam und Flüchtlingskrise. Islam und Angst vor dem Islam oder Muslimen. Das war immer der Dreh- und Angelpunkt. Man konnte aber die Plattform auch immer wieder für andere Themen nutzen.

Farah: Ich hatte z.B. kürzlich einen Workshop in einer Förderschule. Da haben wir weniger über den Islam, sondern über deren familiäre Probleme gesprochen, wie Schüler gemobbt worden sind. Der Titel des Workshops ist ja: Wie wollen wir leben? Und nicht: „Was ist der Islam?“. Man bleibt eigentlich nie beim Islam.

 

AmkA: Wie läuft ein Einsatz konkret ab?

Farah: Bei letzten Mal war es z.B. so: Erst einmal hatte ich eine Vorbereitung mit der Klassenlehrerin, da habe ich ihr die Materialien gezeigt und sie konnte sich dann aussuchen, welcher Workshop am besten zu ihrer Klasse passt.

Salim: Ganz oft wird gebucht: „Sharia“, es gibt aber auch einen Workshop zu Islam und Judentum und so weiter. Leider hängen wir immer wieder bei dem Sharia- Thema, weil das von den Schulen gerne gebucht wird. Aber es gibt eine ganze Reihe an interessanten Themen, die angeboten werden. Mindestens 6, die wir in unserer Ausbildung oder Schulung durchgearbeitet haben.

Farah: Dann habe ich mich bei den Schülern in der Klasse vorgestellt, das habe ich auch zum ersten Mal gemacht, das war aber so gewünscht. Die Woche drauf sind wir dann zu viert als Teamer dagewesen. Jeweils 2 Personen pro Klasse (2 Klassen). Dann haben wir einen Trailer gezeigt und über den Trailer diskutiert.

 

AmkA: Was zeigt der Trailer?

Farah: Der Trailer ist ein Kurzfilm und zeigt erst einmal, dass Muslime sind wie alle anderen Menschen, dass sie hier oft seit langem leben, dass sie gebildet oder ungebildet sind, wie andere Deutsche auch… das soll einfach nur ganz kurz der Einstieg sein. Wir wollen einfach hören, was die Schüler darüber denken, ob sie das auch so sehen, welche Vorkenntnisse sie haben.

 

AmkA: Gibt es denn Debatten, die immer wieder kommen? Debatten, die die Jugendlichen besonders beschäftigen?

Farah: Ja – z.B. warum Frauen Kopftücher tragen. Das wurde ich sehr oft gefragt. Ein Mädchen hat einmal gesagt sie fühle sich nicht als Moslem, sie sei aber eigentlich Moslem, weil sie nicht bete, weil sie die Sache nicht praktiziere. Viele neigen dazu schnell zu sagen: Ich bin kein Moslem, weil ich das oder das nicht mache. Ich habe dann manchmal den Eindruck, dass sie sich dann rechtfertigen wollen. Auch so vor der Klasse. Das ist ganz komisch.

 

AmkA: Geht es darum, dass die Jugendlichen auf der Suche danach sind, wie sie sich selbst definieren sollen?

Farah: Ja – besonders in dem Alter

Salim: Ich glaube aber auch, dass es ganz viel mit der Umgebung und der gesellschaftlichen Situation zu tun hat. Bei ihnen ist es halt stark das Thema, was einen zum Moslem macht und was nicht. Es ist so drin in den Köpfen, dass sie sich immer rechtfertigen wollen, wie Farah gesagt hat. Und das ist schon seltsam und beunruhigend, wenn sich jemand irgendwelchen Regeln, die nicht einmal theologisch begründet sind, anzupassen versucht.

 

Amka: Das habe ich noch nicht ganz verstanden

Farah: Ich habe den Eindruck, dass wenn wir kommen die Schüler das manchmal missverstehen und mir erst einmal erklären wollen, dass sie kein richtiger Moslem sind. Ich komme ja nicht her, um zu beurteilen, ob ein Schüler jetzt betet oder nicht. Das ist nicht meine Aufgabe und ist mir auch relativ egal – aber das kommt dann halt immer. Und dann frage ich mich immer: Warum?

Salim: Das ist kein direktes, explizites Thema unserer Workshops, nur scheint es immer wieder durch, wenn man sich mit irgendeinem Workshop-Thema auseinandersetzt. Dann kommen halt Aussagen, von jemandem, der sich gerade meldet. Und dann hört man so im Hintergrund so etwas wie: „Ja nee, diejenige zupft sich doch die Augenbrauen und das macht sie zu einer weniger guten Muslimin.“ Die eher reiferen Personen aus den Klassen sagen dann: „Totaler Quatsch was du da erzählst. Das hat doch nichts mit der Religion zu tun.“ Und die anderen fühlen sich in den Argumentationsstraßen eingeengt und versuchen dem zu folgen. Es ist auch ein guter Effekt unserer Arbeit, dass wir solchen Problemen zwischen den Schülern eine Plattform bieten. – Neben den Workshop-Inhalten.

 

AmkA: Wurdet ihr schon einmal mit sehr radikalen Meinungen konfrontiert?

Farah: Ja. Einmal wurde bei einem Workshop gesagt, dass man Ungläubige verbrennen solle und dass es gut sei, dass Bomben explodieren und dabei viele Menschen sterben – solche Dinge. Das war ein Mädchen, kein Junge.

 

AmkA: Und was machst du dann wenn du solche Aussagen hörst?

Farah: Erstmal zuhören. Dann schaue ich sie an und frage: Warum glaubst du das? Warum will der Islam, dass man das macht? Was ist deine Begründung? Da kann sie schon nicht mehr antworten, da hört es schon auf. Gleichzeitig möchte ich sie auch nicht bloßstellen vor der Klasse – auch das wäre kontraproduktiv. Es war eine Person – da hatte ich auch vorher schon mit der Lehrerin darüber gesprochen. Es war klar, dass sie sowas sagt. Das hatte sie auch schon im Vorfeld gebracht. Und – die anderen Schüler sind auch schon gar nicht mehr geschockt, weil sie es gewöhnt sind. Eigentlich war es vermutlich dazu gedacht mich zu schocken und nicht die Mitschüler.

 

AmkA: Heutzutage gibt es sehr viele Präventionsangebote für Jugendliche – zum Schutz der Gesundheit, zum richtigen Verhalten im Straßenverkehr, zur richtigen Umgang mit Geld, usw. Und jetzt kommt ihr und möchtet ebenfalls Präventionsarbeit machen. Wie schafft ihr es, als nicht bevormundend wahrgenommen zu werden?/ Ist das überhaupt ein Thema?

Farah: Bei manchen vielleicht schon. Es sind dann eher Einzelpersonen, die uninteressiert sind. Aber dann ist das halt so und dann kann ich diese Person auch nicht dafür begeistern. Und dann sitzt diese Person halt ihre Zeit ab, was natürlich schade ist. Ich versuche sie dann natürlich immer wieder mit einzubeziehen. „Was denkst du denn dazu? Sag doch mal was.“ Entweder kommt dann etwas oder nicht. Ich kann ja niemanden dazu zu zwingen etwas zu sagen.

Salim: Unter den Teamern haben wir uns ja auch ausgetauscht. Es gibt generell ruhige Klassen und kommunikativere Klassen. Ich hatte eher Glück was das angeht, in den Klassen die ich besucht habe. Dort hatte ich immer den Eindruck, dass es Bedarf gab, über diese Themen zu sprechen. Jetzt nicht 90 Prozent, aber etwa 60 Prozent. Aber das reicht dann halt auch. Gerade Schüler, die nicht so extrovertiert sind sondern zurückhaltend, nehmen dann aber auch viele Dinge auf, ohne selbst etwas zu sagen. Es wird wahrgenommen, dass darüber geredet wurde und das ist auch ein Benefit.

Tendeziell erfahren wir mehr Interesse als Desinteresse. Es liegt auch daran, dass wir Studenten sind, zum größten Teil in Frankfurt aufgewachsen und irgendwie auch was zu erzählen haben.

 

AmkA: Wenn man keine islamische Theologie studiert, hat man dann genug Wissen, um gegen bestimmte Fragen anzukommen?

Farah: Ich bin auch nicht allwissend. Ich würde schon sagen, dass ich einiges weiß. Man muss halt auch wissen, was man weiß und was nicht. Ehrlich ist dann zu sagen: Ich das kann ich nicht beantworten, informier dich selbst, du bist alt genug.

Salim: Zweierlei: Erstens geht es darum, wie sehr man sich selbst mit der Religion auseinandergesetzt hat und wieviel man an Bildung zu Hause oder in der Moschee genossen hat. Da geht es um religiöse und spirituelle Bildung, um die Auseinandersetzung mit Primärquellen wie z.B. ob man Übersetzungen des Korans selber gelesen hat. Oder auch Übersetzung von irgendwelchen Überlieferungen, die einen gewissen Wert in der Theologie haben. Zweitens auch Bekanntschaften, die man gemacht hat. Es geht um die Summe der Erfahrungen, die man macht. Ich denke, dass es vor allem einen Unterschied macht, wenn man Menschen kennengelernt hat, die sich fundiert dazu Gedanken gemacht haben und sich damit auseinandergesetzt haben.

 

AmkA: Man könnte jetzt auch sagen: Schön, dann geht ihr mal einen Tag hin, redet mit den Leuten und dann seid ihr verschwunden. Ist das nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Farah: Also ich erhoffe mir davon, dass die Schüler anfangen selbst nachzudenken. Wir sind auch keine Retter in der Not. Eigentlich geht es darum den Schülern, die noch nicht so betroffen sind zu zeigen, dass es auch andere Wege gibt, dass man auch mal ruhig zwei Meinungen akzeptieren kann. Und dass man sich von der einen Person in der Klasse nichts sagen lässt. Wenn eine Person sich wirklich schon sehr radikalisiert hat – da muss sich dann ein Spezialist darum kümmern. Da sind wir wahrscheinlich schon zu spät.

Salim: Es geht um das „Wachrütteln“. Es sind ja meistens Klassendynamiken entstanden. In dem einen Fall war der eine schon so charismatisch in seiner Ausdrucksweise, dass er schon anfing die Leute hinter sich zu versammeln. Der war groß gebaut, wusste über alles Bescheid. Das wichtige war an diesem Workshop aufzuzeigen, dass es erstens nicht DIE Wahrheit ist, sondern seine Wahrheit und dass es zweitens selbst diese Wahrheit argumentativ bröckelt, wenn man die richtigen Fragen stellt. Und allein mal das zu sehen, wenn man ein halbes Jahr mit ihm in der Klasse ist und die Lehrerin hilflos, weil sie eben nicht damit auseinandersetzen können oder wollen. Einfach kurz zu sehen, sobald er sich mit einem Äquivalent auseinandersetzen muss, sieht er gar nicht ehr so cool aus. Ich glaube das bringt schon einiges. Und auf der anderen Seite: dass die Schüler schon mal eine kurze Pause von dem Alltagsschulstress haben und mal ganz kurz darüber reden können, was sie untereinander stört. Da werden auch manchmal kleine interne Kriege ausgetragen. „Du bist doch eh immer so“, warum willst du jetzt einen auf oberreligiös machen, wenn du doch eh nicht nett bist zu anderen. Dass für eine kurze Zeit das Zwischenmenschliche bei den Schülern gesprochen wird.

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