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12.03.2018 um 10:30 Uhr

„Wir gehören mitten rein“

Pressemitteilung

Podiumsdiskussion hinterfragt gesellschaftliche Vorstellungen von Normen und zeigt Wege zu einer inklusiven Gesellschaft auf

„Wer bestimmt die Norm(alität)?“ war Thema einer Podiumsdiskussion am 7. März, die das Amt für multikulturelle Angelegenheiten Frankfurt in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Frankfurt ausgerichtet hatte. Unterschiedliche Akteurinnen und Akteure diskutierten im großen Saal der Evangelischen Akademie über gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Abweichungen von dieser. Integrations- und Bildungsdezernentin Sylvia Weber stellte in ihren einleitenden Worten fest: „Das Zusammenleben in Frankfurt gelingt deshalb so gut, weil Vielfalt diese Stadt seit jeher ausmacht - und wir unterschiedliche Lebensentwürfe und Perspektiven akzeptieren und fördern. Dennoch gehört auch heute noch Ausgrenzung zur Lebensrealität von Menschen, die als ‘fern von der Norm‘ ausgemacht werden. Wie aktuell das Thema ist, sehen wir zum Beispiel an Debatten über die ‘Nützlichkeit‘ geflüchteter Menschen für den Arbeitsmarkt oder Diskussionen zu Pränataldiagnostik und Sterbehilfe.“

Moderiert von der Journalistin Hadija Haruna-Oelker, diskutierten Gender- und Disability-Forscherin Dr. Heike Raab, Anti-Rassismus-Trainerin Judy Gummich, Tony-Sender-Preisträgerin Karola Gramann sowie der Aktivist in der Behinderten-Selbstvertretung Stefan Göthling und der NS-Medizin-Forscher Prof. Dr. Gerrit Hohendorf. Ein freier Stuhl öffnete das Podium für Fragen oder Statements der Zuhörenden. Die Veranstaltung wurde möglichst inklusiv geplant, es gab beispielsweise Simultanübersetzerinnen für Gebärden und erstmalig bei einer Veranstaltung in Frankfurt wurde auch in Leichte Sprache übersetzt.

Die Podiumsdiskussion war Teil des Rahmenprogramms zum derzeit in Frankfurt gastierenden Wanderdenkmal der „Grauen Busse“, das als Mahnmal für die NS-„Euthanasie“-Verbrechen an die Deportation und Ermordung von Menschen mit Behinderungen oder psychischen Problemen erinnert. Auch rund 3000 Frankfurterinnen und Frankfurter fielen den von den Nationalsozialisten mit dem Argument „abnorm und unnütze Esser“ legitimierten Morden zum Opfer.

Aus den Akten ließe sich detailliert belegen, dass es um ein Kosten- Nutzen-Denken ging, sagte NS-Medizin-Forscher Prof. Dr. Hohendorf: „Die Menschen, die nicht angepasst waren und einen hohen Unterstützungsbedarf hatten, wurden mit Hinweis auf die Kosten ermordet.“ Ein Teil dieses Denkens habe sich bis heute tradiert in unseren Vorstellungen und Einteilungen in „normal / nützlich“ und „unnütz / schädlich“. Deshalb  sei es laut Gender-Forscherin Dr. Heike Raab auch so notwendig, gesellschaftliche, Institutionelle und persönliche Normalitätsvorstellungen immer wieder in Frage zu stellen: „Dabei geht es um einen anhaltenden Prozess, der nicht endet.“ Judy Gummich ergänzte: „Erst wenn es uns gelingt, die Menschenrechte zu unserer Norm machen, in unserem Denken und Handeln, werden Diversity und Inklusion möglich.“ Einig waren sich die Podiumsgäste und Zuhörenden darin, dass zur Realisierung einer inklusiven Gesellschaft „für alle“ noch viel zu tun sei und es eine Veränderung von bestehenden Strukturen und finanziellen Rahmenbedingungen brauche.

„Die Normalität, die unsere Gesellschaft im Film und in den Medien wiederspiegelt, vor und hinter der Kamera, ist in der Regel weiß, männlich und nicht-behindert – und das entspricht nicht der Realität. Hier darf sich noch sehr viel ändern,“  forderte Tony-Sender-Preisträgerin Karola Gramann. Wie Veränderung aussehen kann, darüber sprach Stefan Göthling: „Wir brauchen Begegnungen. Wir müssen uns kennen. Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe dort ganz selbstverständlich mit Kolleginnen und Kollegen in einem Betrieb gearbeitet, zu dem ich jeden Tag mit dem Zug gefahren bin. Nach der Wiedervereinigung sollte ich dann in eine Behindertenwerkstatt und mit dem Fahrdienst abgeholt werden - das ist nicht gut. Wissen Sie, wir sind Teil von Gesellschaft, wir gehören mitten rein.“

Eine Zuhörerin fasste den Abend abschließend zusammen: „Vor ein paar Jahren hätte ich nicht geglaubt, was heute für mich gelebte Normalität ist – und eine, die ich mag: Ich habe ein Kind mit Down-Syndrom und ein Kind mit Normal-Syndrom. Wir haben heute viele Menschen gehört, Ärzte, Journalistinnen, Lehrer, Politikerinnen Aktivisten, Forscher, Menschen aus Verwaltungen oder Organisationsberatung – wenn wir alle in unseren Wirkungsbereichen und mit unseren Möglichkeiten für eine neue Sicht auf Normalität aufstehen und eintreten, verändern wir etwas. Davon bin ich überzeugt.“

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Sara von Jan

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