News News date:
26.09.2014 um 12:15 Uhr

„Wir müssen attraktiver sein!“

Frankfurt diskutiert über neue extremistische Bewegungen

Der Einfluss von salafistischen Gruppen auf Frankfurter Jugendliche war Thema einer öffentlichen Podiumsdiskussion am 24.09.2014 im Saalbau Gallus, zu der das Dezernat für Integration eingeladen hatte. Zusammen mit Experten diskutierten über 100 Frankfurter Bürger darüber, wie Radikalisierung entsteht und welche Möglichkeiten Stadt und Stadtgesellschaft haben, um Jugendliche für demokratische Werte statt extremistische Ideologien zu gewinnen.

Koranverteilungen auf der Zeil, Vorfälle im Jugendhaus Gallus, die Entwendung eines Korans aus einer Kunstausstellung im Portikus – seit einiger Zeit gibt es in Frankfurt höchst widersprüchliche Diskussionen zum Thema Salafismus. Ziel der Veranstaltung mit dem Titel: „Salafismus – die neue radikale Jugendbewegung?“ war es, zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen: „Salafismus ist Ausdruck einer politischen Bewegung, die unsere Jugend rekrutiert. Hierbei beansprucht sie für sich die Deutungshoheit über eine Religion“, betonte Integrationsdezernentin Dr. Eskandari-Grünberg. „Wir müssen es sein, die attraktiver sind als eine salafistische Jugendbewegung“, so die Dezernentin weiter.

Diese Einschätzung teilten auch die geladenen Experten aus unterschiedlichsten Arbeitsbereichen. Oft seien es Jugendliche aus sozial schwierigen Kontexten, oft junge männliche Muslime, die empfänglich für salafistische Propaganda seien. Viele Jugendliche fühlten sich als nicht zugehörig zur Mehrheitsgesellschaft, seien deshalb frustriert und besonders anfällig für religiösen Extremismus, so Ingo Leven, Projektleiter bei TNS Infratest Sozialforschung. In einer salafistischen Gruppe hingegen, werde Jugendlichen das Gefühl gegeben, Vorreiter der Geschichte zu sein – in letzter Konsequenz auch als Kämpfer. Dr. Armin von Ungern-Sternberg, Leiter des Amts für multikulturelle Angelegenheiten, wies darauf hin, dass viele salafistische Gruppen durchaus Merkmale einer Jugendbewegung aufwiesen. Sie schafften sich ihre eigenen Räume, hätten ihren eigenen Gruppenpathos und Lust an der Provokation. Dabei verstünden sie sich aber nicht nur als Teil einer kleinen Jugendgruppe, sondern als Teil einer transnationalen Gesellschaft. Die Aufgabe von Gesellschaft und Präventionsarbeit sei es, Jugendlichen neue Wege aufzuzeigen ihren Unmut auf demokratischem Wege zu äußern, so Mehmet Şenel, Leiter der zentralen Beratungsstelle des Präventionsnetzwerks Hessen.

Für Kontroversen sorgte Marwan Abou Taam, Islam- und Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bei aller Diskussion um Diskriminierungserfahrung und der Verantwortung der Gesellschaft als Ganzes, sei jeder Jugendliche immer noch ein Individuum, jeder könne selbst entscheiden. Große Teile der salafistischen Szene seien, entgegen der herkömmlichen Meinung, gebildet. Denn gerade für die Rekrutierung ausländischer Kämpfer brauche es eine komplexe Infrastruktur und viel Know-how. Um Jugendliche unterschiedlichster Herkunft zu radikalisieren, reiche es oft aus einen Weg zu finden, ihre Wut über das Leid in der Welt zu kanalisieren. Nicht jeder, der in den Krieg gehe, tue dies aus religiöser Überzeugung. Viele auch aus jugendlicher Abenteuerlust oder als Mitläufer. Nicht zuletzt gäbe es triebgesteuerte Mörder, die sich in einem solchen Krieg auslebten.

Ein grundlegendes Problem sei, so war sich das Podium einig, dass salafistische Gruppen es sehr gut verstünden die Sprache der Jugend zu sprechen. So berichtet Rabia Bechari, Gründerin des muslimischen Seelsorgevereins „Salam“ aus eigener Erfahrung, dass viele muslimische Gemeinden die Sprache der Herkunftsländer sprächen, die Jugendliche oft nicht beherrschten. Salafistische Gruppen kommunizierten hingegen auf Deutsch, hätten eine lässige Art zu sprechen und seien Profis der Internetpropaganda. Mehr muslimische Angebote in deutscher Sprache und mehr Aktivität von Gemeinden im Internet könnten da helfen, so die Meinung der Experten.

Von Seiten der Stadt Frankfurt hat sich in kurzer Zeit schon einiges getan. So nannte Integrationsdezernentin Dr. Nargess Eskandari-Grünberg in ihrem Eingangsstatement beispielsweise das Frankfurter Ämternetzwerk gegen Extremismus, das Fortbildungen für Personal der Jugendhilfe und Lehrer veranstaltet, um Fälle von Extremismus schneller zu erkennen und professionell damit umzugehen.

Adresse

Dezernat XI - Integration und Bildung

Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main

E-Mail: integrationsdezernat@stadt-frankfurt.de
Telefon: 069-21233112
Fax: 069-21230722
Web: www.vielfalt-bewegt-frankfurt.de

Artikelinformationen

Stadtteile: 
Zurück