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17.06.2015 um 11:30 Uhr

"Wir müssen mehr Räume öffnen"

Vielfalt im Alter - Ehrenamt und Engagement älterer Migrantinnen und Migranten

Interview mit Dr. phil. Nargess Eskandari-Grünberg, Psychotherapeutin, Dezernentin für Integration der Stadt Frankfurt am Main, Leiterin der Beratungsstelle für ältere Migrantinnen und Migranten HIWA! des DRK Frankfurt

Frau Eskandari-Grünberg, die Frankfurter Bevölkerung altert. Auch mehr und mehr Migrantinnen und Migranten erreichen das Rentenalter. Werden sie ihren Ruhestand in Frankfurt entspannt genießen können?

Eskandari-Grünberg: Viele Arbeitsmigranten der ersten und zweiten Generation sind erst einmal nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten. Sie haben sozusagen nicht damit gerechnet, dass sie hier, in ihrer jetzt zweiten Heimat alt werden. Auch die Gesellschaft hatte das bis jetzt nicht auf der Rechnung. Oft können sie nicht absehen, was das bedeutet: In einem anderen Land alt zu werden als in dem, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Viele sind stark hin- und hergerissen. Das kann eine sehr hohe emotionale, psychische Belastung mit sich bringen. Die Angst vor Krankheit oder dem was passiert wenn ich nicht mehr selbstständig bin,  kann größer ausgeprägt sein als bei Menschen, die in ihrer Heimat altern.
Aufgrund ihrer Erwerbsbiografie haben viele Migrantinnen und Migranten nur eine geringe Rente zu erwarten. Altersarmut ist also zusätzlich ein Thema, das sie belastet.
Für die Frankfurter Stadtgesellschaft bergen die älteren Migrantinnen und Migranten eine große Chance: Sie bereichern die Stadt mit ihren Erfahrungen und ihrer Kultur und prägen eine bunte, internationale, vielfältige und damit reichere Stadtgesellschaft – bei all den Spannungen, die das auch mit sich bringt.

Welcher Anstrengung und Hilfestellung bedarf es, um die aktive Teilhabe und damit Integration älterer Migrantinnen und Migranten zu fördern?

Eskandari-Grünberg: Integration heißt: sich zuhause und zugehörig zu fühlen, ein gegenseitiges respektvolles Miteinander gestalten auf der Basis unserer Wertegemeinschaft. Wir müssen in Frankfurt mehr Räume öffnen und Begegnungen ermöglichen, ein aktives Miteinander fördern. Bei Vielen herrscht das romantische Bild vor, ältere Migrantinnen und Migranten können auf eine Großfamilie zurückgreifen und sind darin eingebunden. Das ist oft nicht der Fall. Vor allem viele Frauen sind im Alter alleine und leiden unter der Einsamkeit. Sich austauschen zu können, sich mitzuteilen ist ein großes Bedürfnis.
Wichtig ist es, muttersprachliche Angebote auf die Beine zu stellen. Wir wissen aus Studien, dass die Sprachfähigkeit in der oft nur gering erlernten Sprache Deutsch im Alter eher abnimmt. Das Alter ist verstärkt mit Emotionen verbunden und der Ausdruck und die Kommunikation in der Muttersprache ein großes Bedürfnis  und viel authentischer. Ein Thema ist dabei auch Demenz.

Welche Angebote kommen gut an?

Eskandari-Grünberg: Jeder Mensch hat das Urbedürfnis, sich angenommen zu fühlen und wünscht sich ein respektvolles Miteinander. Sensibel und neugierig zu sein und offen auf die unterschiedlichen Herkunftskulturen einzugehen, ist dabei wichtig für erfolgreiche Projekte und Initiativen. Wir sehen das an unserem wöchentlichen Begegnungstreff hier in der Beratungsstelle HIWA!. Dienstags kommen 40-50 Frauen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen und unternehmen viele Dinge gemeinsam; kochen und essen zum Beispiel gemeinsam. Wir gehen sehr achtsam um mit den unterschiedlichen Kulturen. Viele sagen, das ist wie ein zweites Zuhause für sie.

Das Institut für Soziale Infrastruktur in Frankfurt am Main hat im Jahr 2013 in der Studie „Migration und Alter“ das bürgerschaftliche Engagement von Migrantinnen und Migranten als einen Schlüssel für die alternde Gesellschaft identifiziert. Wie können Migrantinnen und Migranten dafür begeistert werden, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Eskandari-Grünberg: Ich habe versucht herauszufinden, was „Ehrenamt“ in anderen Sprachen bedeutet. Was heißt Ehrenamt zum Beispiel auf Türkisch oder Persisch? Es war unheimlich schwierig überhaupt ein ähnliches Wort zu finden. Ich habe nachgefragt: Was bedeutet „Ehrenamt“ in eurer Sprache? Viele konnten mit dem Begriff nichts anfangen. In vielen Sprachen gibt es keinen entsprechenden Ausdruck. Wenn man dann erklärt: Das bedeutet, sich für andere einzusetzen, andere zu unterstützen, zu begleiten, dann ist die Antwort oft: „Ach so, aber das mache ich doch jeden Tag! Ich begleite zum Beispiel meine gehbehinderte Nachbarin; ich besuche jemanden, ich gehe für andere einkaufen etc.“ Das ist oft Teil der Kultur. Die gegenseitige Unterstützung ist unheimlich stark. Das ehrenamtliche Engagement geschieht, aber informell. Dieses Engagement gilt es zu würdigen und anzuerkennen, denn viele halten ihr Engagement für selbstverständlich. Wir müssen das mehr in das Bewusstsein bringen und dieses Engagement ein Stück weit mehr organisieren, um die  Kräfte und Ressourcen mehr zu bündeln und Multiplikatoren einzusetzen.

In Frankfurt gibt es rund 350 migrantische eingetragene Vereine (e.V.), deren Grundlage das ehrenamtliche Engagement ist. Sie sind exakt nach dem Vorbild der deutschen Vereinskultur aufgebaut, mit Vereinssatzung, erstem Vorsitzenden, Kassenwart und so weiter. Viele dieser Vereine engagieren sich gerade aktiv in der Flüchtlingshilfe. Als sehr gelungen habe ich zum Beispiel das Projekt des Schultheater-Studios (Träger Kreidekreis e.V.) im Rahmen des Weltsprache Theaters empfunden, die Asylbewerbern eine Bühne geben.

Wie greift die Arbeit von etablierten Ehrenamtsagenturen: Können sie Migrantinnen und Migranten in das Ehrenamt vermitteln?

Eskandari-Grünberg: Dafür müssen Zugangsbarrieren gesenkt werden. Hier sind Multiplikatoren unglaublich wichtig: Menschen, die den kulturellen Hintergrund kennen und darauf eingehen können, die auch die Sprache sprechen und somit Vertrauen herstellen können. Vertrauen ist der Schlüssel. Ältere Migrantinnen und Migranten würden zum Beispiel nicht zu den Seniorenrathäusern gehen.

Mein Ziel als Integrationsdezernentin ist die interkulturelle Öffnung. Aktuell existiert oft ein Nebeneinander. Ich möchte die Gruppen mischen. Statt dass die Institutionen abwarten und sagen: „Wir sitzen hier, die kommen nicht“, sollten sie daran arbeiten, die Zugangsbarrieren zu senken. Es gilt sowohl sprachliche Barrieren abzubauen, als auch sich der kulturellen Vielfalt zu öffnen, mehr an ein „Miteinander“ denken, mehr neugierig aufeinander sein. Ich spreche damit auch Migrantinnen und Migranten an: Auch sie sind aufgefordert, sich für Kultur, Biographie  und Hintergrund der deutschstämmigen Bevölkerung zu interessieren. Was zählt ist interkulturelle Kompetenz; die Empathie, sich in den anderen hineinversetzen zu können, auf ihn neugierig zu sein, die Gemeinsamkeiten zu entdecken und nicht nur die Unterschiede hochzuhalten.
„Interkulturelle Kompetenz“ darf dabei kein Schlagwort bleiben; es ist eine Fähigkeit, auf die wir in vielen Bereichen und Tätigkeitsfeldern mehr und mehr angewiesen sein werden. In der Wirtschaft wird interkulturelle Kompetenz längst verlangt, wenn es etwa  darum geht,  Verträge mit Geschäftspartnern aus Japan oder China zu schließen.   Auch in den Altenheimen muss die interkulturelle Öffnung noch stärker in den Fokus rücken. Ein Pflegeheim, in dem Rücksicht auf die individuelle  Esskultur, auch auf die Religion genommen wird, zum Beispiel, indem ein Gebetsraum eingerichtet wird, trägt dazu bei, dass sich die Bewohner angenommen fühlen. Letztlich sind wir alle Menschen, egal welchen Hintergrund wir haben und möchten in jedem Alter mit Achtung und Respekt behandelt werden.

Frau Eskandari-Grünberg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Carola Beck

 

Adresse

Dezernat XI - Integration und Bildung

Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main

E-Mail: integrationsdezernat@stadt-frankfurt.de
Telefon: 069-21233112
Fax: 069-21230722
Web: www.vielfalt-bewegt-frankfurt.de

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