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Anfänge einer Bewegung: Als Frankfurter Lesben sichtbar wurden

Collage aus Zeitungsheadlines und dem Programmcover einer lesbischen Frankfurter Aktionswoche in den 80er Jahren.
Collage aus Zeitungsheadlines und dem Programmcover einer lesbischen Frankfurter Aktionswoche in den 80er Jahren.

Lesbische Frauen stoßen immer wieder auf das Phänomen zwar mitgemeint, aber selten bewusst angesprochen zu werden. Ihre Themen sind in der Gesellschaft kaum präsent. 2008 beschloss die spanische Organisation FELGTIB*, etwas dagegen zu tun. Sie rief den 26. April als Tag der lesbischen Sichtbarkeit aus, der seit einigen Jahren auch in Deutschland begangen wird. Anlass genug, in das Frankfurt der 1970er Jahre einzutauchen – das Jahrzehnt, indem die Lesbenbewegung der Stadt ihren Lauf nahm.

Anders als männliche Homosexualität war weibliche in Deutschland nie strafbar. Dennoch konnte ein Outing dazu führen, dass etwa der Arbeitsplatz oder die Wohnung gekündigt wurden. Manchmal brachen die eigene Familie oder Freund:innen den Kontakt ab. Kam es zur Scheidung, wurden der Geschiedenen nicht selten die Kinder entzogen – wenn bekannt war, dass sie mit einer Frau liiert war.

Das wollten sich lesbische Frauen Ende der 1960er Jahre nicht mehr gefallen lassen. In dieser Zeit erlebte die feministische Bewegung einen Aufschwung. 1969 hatte sich der Frankfurter Weiberrat neu gegründet, eine Gruppe von Frauen aus der linken Bewegung, die für ihre Rechte kämpfte. “Was heute kaum bekannt ist: In der Frauenbewegung haben sich viele Lesben engagiert”, erinnert sich eine Zeitzeugin.

Mit dem La Gata eröffnete 1971 nach langer Zeit wieder ein Frauenlokal. Bis heute ist die Bar in Sachsenhausen ein Ort für queere Personen in der Stadt. Hatte man sich zuvor privat getroffen, kamen im Lauf der 1970er viele Kneipen in Frankfurt hinzu, in denen sich Lesben treffen und vernetzen konnten. "Damals gab es viele Clubs und Discos, in denen wir nachts getanzt haben und befreit flirten konnte", berichtet eine andere Zeitzeugin. "In der Katakombe waren die Studentinnen, im Madame an der Konstablerwache die Angestellten und im La Gata traf man häufig Arbeiterinnen."

Verdeckte Raumsuche

Bestärkt durch den Austausch mit Gleichgesinnten schlossen sich 1972 Frankfurter Lesben aus dem Weiberrat zusammen, um für ihre eigenen Belange und Rechte einzustehen. Beim Lesbenpfingsttreffen in Berlin 1975 entstand die Idee, in Frankfurt ein eigenes Zentrum zu eröffnen – es sollte das erst zweite in ganz Deutschland werden. Gut ein halbes Jahr später waren passende Räume gefunden, gemietet und renoviert.

"Es gab damals eine große Diskussion, ob wir Lesbenzentrum auf den Briefkasten schreiben. Am Ende hieß es dann nur 'L.Zentrum', weil wir uns nicht getraut haben", erinnert sich eine der Gründerinnen. Eine andere berichtet, dass schon die Suche nach den Räumen verdeckt gelaufen sei, unter dem Namen Gruppentherapeutische Selbsthilfe für Frauen. Man hätte sonst keine Chance auf einen Mietvertrag gehabt.

Mit den Räumlichkeiten wurde ein Safe Space geschaffen, ein sicherer Ort der Gemeinschaft. Hier fanden nun Workshops, Partys und Theater statt. Auch für politisches und aktivistisches Engagement war Raum. Frankfurter Lesben veranstalteten Demos und Aktionswochen, hielten Podiumsdiskussionen in der Uni ab, verteilten Flugblätter, waren auf Infomessen präsent. Manche Aktionen fanden gemeinsam mit dem Frankfurter Frauenzentrum und dem Frauentreff Café Niedenau statt, etwa zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.

Verbunden war die Lesbenbewegung auch mit einzelnen Politiker:innen. Unterstützt wurden sie unter anderem von Daniel Cohn-Bendit, der als erster Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten die Gründung des Amts für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) initiierte. Die Bewegung wurde, wenn auch zögerlich und zu Beginn kritisch, in der Presse besprochen.

Queere Themen erhielten Einzug in die Kommunalpolitik und gewannen an Sichtbarkeit. Dazu trug auch das jährliche, deutschlandweite Lesbenpfingsttreffen bei, das 1989 in Frankfurt veranstaltet wurde. Die Gastgeber:innen entschieden sich unüblicher Weise gegen ein festes Motto, setzten stattdessen den Schwerpunkt auf Internationalität – ganz im Sinne Frankfurts als internationale Stadt.

"Diese Orte zu haben war schön und bestärkend"

"Dieses Sich-Austauschen und für die eigenen Rechte Einstehen, daran sind wir gewachsen. Uns hat es Power gegeben, dass wir uns nicht mehr verstecken mussten und wurden", resümiert eine der Zeitzeuginnen. Und eine andere betont: "Diese Orte zu haben war schön und bestärkend. Zu wissen: Hier sind gerade viele andere Lesben, die mich und mein Leben verstehen, die Unterdrückung kennen und sich wie ich emanzipieren."

Als in den späten 1980ern viele Lokale schlossen, ging man dazu über, Bars für einzelne Abende zu mieten und dort Lesbendiscos zu veranstalten. Diese Tradition besteht heute immer noch, unter dem Namen Ladies Take Over Friday. Und statt des Lesbenzentrums gibt es Orte wie das Lesbisch-Schwule Kulturhaus oder das Lesbenarchiv.

Die queere Infrastruktur der Stadt hat sich verändert. Dass es sie aber überhaupt gibt, daran hat das Engagement der Frankfurter Lesbenbewegung der 1970er Jahre großen Anteil. Und genau wie vor 50 Jahren ist Sichtbarkeit noch immer ein wichtiges Thema. Nicht nur in der Gesellschaft, auch innerhalb der Community sind manche Personen mehr von Diskriminierung betroffen als andere. So sind zum Beispiel Lesben of Color oder trans Lesben nach wie vor weniger sichtbar. Ein Tag wie heute kann auch dazu beitragen, das zu reflektieren, um zu schauen, wie sich das gemeinsam ändern lässt. 

Ein Beitrag von Toni Barth im Rahmen ihres Praktikums im Amt für multikulturelle Angelegenheiten