Ausstellung macht migrantische Erfahrungen sichtbar

"Stadtlabor – Kein Leben von der Stange" im Historischen Museum
Installation "Bitter Things" bei der Ausstellung "Stadtlabor" (© Mathias Voelzke)

Über die Hälfte der Bevölkerung in Frankfurt am Main hat einen Migrationshintergrund. Trotzdem sind ihre Geschichten noch kein selbstverständlicher Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt, geschweige denn der Bundesrepublik. Im Mittelpunkt der Ausstellung "Stadtlabor – Kein Leben von der Stange", die von Donnerstag, 28. November, bis zum 5. April 2020 im Historischen Museum zu sehen sein wird, stehen migrantische Erfahrungen und Erinnerungen von Frankfurterinnen und Frankfurtern.

Insgesamt neun Beiträge zeigen, wie stark Weggehen und Ankommen das Leben eines Menschen, einer Familie und unsere Gesellschaft prägen. Sie thematisieren verschiedene Phasen der jüngeren Einwanderungsgeschichte der Stadt und veranschaulichen dabei, welche Auswirkungen Arbeit und Migration auf individuelle Biografien haben. Jede Geschichte ist einzigartig und grenzüberschreitende Lebenswege sind selten konventionell. Wer migriert, hat kein Leben von der Stange.

15 typische Migrationsgeschichten

Der Impuls für "Kein Leben von der Stange" kam von Frankfurtern, deren Eltern in den 1960er Jahren als Gastarbeiter angeworben wurden. Gemeinsam mit den Kuratorinnen erarbeiteten sie sieben Beiträge für die Ausstellung. Einer davon sind die "Frankfurter Geschichten", in denen 15 typische, gegenwärtige Frankfurter Migrationsgeschichten vorgestellt werden, von der prekär Beschäftigten bis zum hochqualifizierten Expat.

Zwei künstlerische Arbeiten werden den Beiträgen der Stadtlaboranten gegenübergestellt, die Aspekte von Arbeit, Migration und Familie herausgreifen und vertiefen. Die Videoinstallation "Generation Einskommafünf" von Olcay Acet handelt von den Trennungserfahrungen von in der Türkei zurückgelassener Kinder von Gastarbeitern. Schätzungen zufolge betraf das rund 700.000 Kinder.

Von der Gastarbeiter-Zeit zur Gegenwart

Die zweite künstlerische Installation ist die recherchebasierte Arbeit von bi‘bak "Bitter Things – Narrative und Erinnerungen transnationaler Familien". Sie thematisiert Familientrennungen durch Arbeitsmigration mit einem Fokus auf die – häufig bitteren – Dinge: Das Senden von Geschenken ist eine gängige Praxis innerhalb transnationaler Familien und kann doch nicht die Nähe von Eltern und Kindern kompensieren. Dieses künstlerische Projekt schlägt einen Bogen von der sogenannten Gastarbeiter-Zeit zur Gegenwart; heute sind viele Arbeitsmigranten in Deutschland als Pfleger, in der Alten- oder Kinderbetreuung tätig.

Das Historische Museum ist 2018 für seine partizipative Arbeit, insbesondere für die Entwicklung des Formats "Stadtlabor" mit dem "ZukunftsGut-Preis für institutionelle Kulturvermittlung der Commerzbank-Stiftung" ausgezeichnet worden. Es setzt das Preisgeld für die Finanzierung der Ausstellung "Kein Leben von der Stange" ein.

Weitere Förderer sind die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die IG Metall, das Programm 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes sowie das Frankfurter Programm "Aktive Nachbarschaft" des Jugend- und Sozialamts.

Die Stadtlaboranten sind Ibrahim Aydin, Tamara Labas, Peter Oehler, Sewastos Sampsounis und Sema Yilmazer. Kooperationspartner sind das Amt für multikulturelle Angelegenheiten, das Frauenreferat, die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen und der Verein Die Vielen.

Das begleitende Veranstaltungsprogramm vertieft die Ausstellungsthemen mit Frankfurter Initiativen und Experten und bietet Raum für Beteiligung. Es wird generationenübergreifende Gespräche, Näh- und Schreibworkshops sowie Diskussionen und Lesungen geben.