Binationale Paare in Frankfurt

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Ein Paar – zwei unterschiedliche Pässe. Für viele Frankfurter ist das Teil des Alltags. Sie leben in einer binationalen Partnerschaft Tag für Tag das, was oft als „interkulturelles Miteinander“ beschrieben wird. Wie viele binationale Ehen werden in Frankfurt geschlossen? Gibt es besondere Herausforderungen bei der Heirat? Führen binationale Paare eine besondere Art von Beziehung?

Als sich Leo und Shila Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal trafen, waren sie beide noch Kinder. Er hatte gerade in Frankfurt die Grundschule absolviert, sie war gerade mit ihrer Familie aus Teheran nach Deutschland geflüchtet. In der Oberstufe wurden sie ein Paar, vor drei Jahren haben sie geheiratet. Als Deutscher und Iranerin führen die beiden eine binationale Ehe und sind damit in bester Gesellschaft. Aktuell werden 27 Prozent aller Ehen in Frankfurt zwischen einem deutschen und einem ausländischen Partner geschlossen. Hinzu kommen etwa 7 Prozent an Eheschließungen, bei denen beide eine ausländische Staatsangehörigkeit haben. Als ein außergewöhnliches Paar fühlen sich Leo und Shila nicht, im Gegenteil, findet Leo: „Dass die Herkunft meiner Frau auch bei urdeutschen Kollegen als so selbstverständlich wahrgenommen wird, finde ich manchmal fast erstaunlich.

„In Frankfurt kann man seine Normalität leben“

Als sich der Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf) in den 70er Jahren gründete, war die Stimmung in Frankfurt eine andere. „Gerade binationale Paare, bei denen das äußerlich sichtbar war, waren damals Ressentiments ausgesetzt. Ganz viele Paare haben mit ihren Familien gebrochen, rassistische Anfeindungen waren an der Tagesordnung“, berichtet Claudia Khalifa, Geschäftsführerin der Frankfurter Regionalstelle des Verbandes. Auch rechtlich seien binationale Paare deutsch-deutschen Paaren gegenüber benachteiligt gewesen. Seitdem habe sich zwar nicht alles, jedoch vieles grundlegend gebessert: „In Frankfurt kann man heute leichter als anderswo seine Nische finden und seine eigene Normalität leben.

Binational – kulturübergreifend – transnational?

Interkulturell, kulturübergreifend, binational, transnational – wie beschreibt man Partnerschaften, in denen Menschen einen unterschiedlichen Hintergrund haben? Oft wird der Begriff der „binationalen Partnerschaften“ verwendet, um Paare mit unterschiedlichen Staatsbürgerschaften zu benennen. Obwohl dieser Begriff nur eine bedingte Aussagekraft über den kulturellen Hintergrund eines Paares haben kann, weist er jedoch vor allem auf die besonderen rechtlichen Rahmenbedingungen hin, die für solche Paare gelten. Geht es darum, speziell den kulturellen Hintergrund zu beschreiben, wird oft der Begriff „bikulturell“ oder „interkulturell“ verwendet.

Binational heiraten – eine bürokratische Odyssee?

Wie schwierig es sein kann, binational zu heiraten, hängt maßgeblich von den Staaten ab, aus denen die Partner kommen. Während zwei EU-Bürger in der Regel ohne große Hindernisse heiraten können, kann es bei Menschen aus sogenannten Drittstaaten schwieriger werden. Besonders kompliziert ist es dann, wenn der ausländische Partner aus einem der knapp 50 Staaten kommt, deren Urkunden in Deutschland derzeit als nicht vertrauenswürdig eingestuft werden. Dazu zählen unter anderem Länder wie Indien, Afghanistan und viele afrikanische Staaten. In solch einem Fall muss ein sogenannter Vertrauensanwalt im Herkunftsland alle Angaben über die Person, etwa Identität oder Familienstand, überprüfen und dazu das Umfeld der Person genau untersuchen. „Dieses Verfahren kann einige Monate in Anspruch nehmen, zudem erhebt die deutsche Botschaft Gebühren, die das Paar tragen muss. Manchmal sind es 40 bis 50 Euro, es können aber auch schon 500 bis 600 Euro werden“, so Natascha Keck, Leiterin der Abteilung Eheschließungen und Lebenspartnerschaften im Frankfurter Standesamt. Solch hohe Belastungen seien jedoch in der Praxis eher selten. „Wenn man sich bei uns im Standesamt beraten lässt, bekommt man eine komplette Übersicht über alle notwendigen Dokumente und Stempel, da kann kaum etwas schiefgehen.“ Selbst wenn ein Partner aus einem Krisengebiet, wie derzeit Syrien komme, versuche man Hilfestellungen zu geben.
Die Praxis zeigt jedoch, dass viele Paare im Ausland heiraten. Oft passiert das im Herkunftsland des ausländischen Partners, etwa wenn dieser kein Visum zur Einreise nach Deutschland bekommt. In anders gelagerten Fällen heiraten Paare auch in Dänemark, da dort das Eheschließungsrecht weicher als in Deutschland ist.

» Jeder Dritte fällt beim Sprachtest zum Ehegattennachzug durch «

Nach der Hochzeit

Muss der ausländische Partner nach der Hochzeit im Ausland erst nach Deutschland einreisen, beginnt für viele Paare ein bürokratischer Hürdenlauf. Zunächst muss der deutsche Partner nachweisen, für den eigenen und den Lebensunterhalt des ausländischen Partners aufkommen zu können. Darüber hinaus muss der ausländische Partner einen Deutschtest bestehen, der ihm grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache bescheinigt. Im Sommer 2007 eingeführt, sollte dieser Test vor allem dazu dienen, Zwangsehen zu verhindern und die Integration der neu eingereisten Partner zu verbessern. Für viele binationale Paare ist er jedoch eine große Hürde, zumal es nicht überall auf der Welt entsprechende Kurse gibt.

Swenja Gerhard führt beim Verband binationaler Partnerschaften und Familien rechtliche und psychosoziale Beratungen durch. Sie kann zum Thema Deutschkurse viele Geschichten erzählen: „In einigen Gegenden Nigerias führt der Mangel an kompetenten Deutschlehrern mittlerweile dazu, dass deutsche Pauschaltouristen junge Männer in Hotelanlagen auf ihren Sprachtest vorbereiten.“ Mit vergleichbaren Schwierigkeiten seien Paare weltweit konfrontiert. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes fällt jeder dritte beim Sprachtest zum Ehegattennachzug durch. In Ländern wie Pakistan, Bangladesch, dem Irak oder dem Kosovo ist es jeder zweite. Frau Gerhard erlebt immer wieder Fälle, bei denen es mehrere Jahre dauert, bis beide Ehepartner in Deutschland zusammenleben durften.

 

Echte Liebe?

Ob ein Paar aus Liebe oder aus anderen Beweggründen heiratet, lässt sich für eine Behörde nur schwer nachvollziehen. Für Natascha Keck vom Frankfurter Standesamt ist deshalb bei diesem Thema vor allem Fingerspitzengefühl gefragt: „Haben wir den Verdacht, dass ein Paar nur zum Schein heiraten möchte, versuchen wir das Paar während der Beratung erst einmal näher kennenzulernen und ein Gespür für ihre Situation bekommen. Sollten sich die Zweifel erhärten, befragen wir die Verlobten getrennt.“ Im äußersten Fall kann das Frankfurter Standesamt die Trauung verweigern. Weitere Konsequenzen hat dies nicht, da in Deutschland nicht die Scheinehe an sich, sondern die sogenannte „Erschleichung eines Aufenthaltstitels“ für beide Partner strafbar ist. Und auch dies ist in der Praxis nur sehr schwer herauszufinden und kommt nach Angaben der Frankfurter Ausländerbehörde nur sehr selten vor.

Liebe zwischen zwei Welten

Doch kann eine Beziehung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen überhaupt funktionieren? Für Frau Khalifa vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften steht das außer Frage. Es gebe jedoch durchaus Unterschiede zu deutsch-deutschen Paaren: „Auf binationale Paare wirken viele Faktoren gleichzeitig: Soziale und rechtliche Rahmenbedingungen, unterschiedliche Sozialisationen und Charaktereigenschaften.“ Auch Rassismus und Diskriminierung könnten Spuren in einer Beziehung hinterlassen. Insbesondere, wenn die Partner aufgrund äußerer Merkmale und Zuschreibungen wie Hautfarbe und Religion sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht hätten. Nicht nur deshalb seien Menschen in binationalen Partnerschaften immer wieder mit ganz speziellen Herausforderungen konfrontiert: „Wenn einer der Partner migriert ist, haben wir ganz oft ein Ungleichgewicht innerhalb der Beziehung. Der eine hat seine Familie in Deutschland, beherrscht die Sprache, hat Zugang zum Arbeitsmarkt und zu den Strukturen insgesamt. Der andere kann oft nicht auf all diese Ressourcen zugreifen.“ Immer wieder darauf zu achten auf Augenhöhe zu bleiben – das sei eine der besonderen Herausforderungen binationaler Paare. Doch trifft das auch auf Leo und Shila zu? Immerhin sind beide beruflich erfolgreich und beherrschen die deutsche Sprache perfekt. „Ich habe bei unserer Hochzeit schon ein Ungleichgewicht bemerkt, als nur ein Bruchteil meiner eigentlich großen Familie da sein konnte“, stellt Shila fest. Manchmal fehle da das Gefühl des Rückhalts.

Binationaler Alltag

Welche besonderen Herausforderungen einen stärkeren und welche einen schwächeren Einfluss auf eine binationale Partnerschaft haben, stellt jedes Paar für sich selbst fest. „Wenn es nur um uns beide geht, haben wir überhaupt keine kulturellen Unstimmigkeiten – dafür kennen wir uns schon viel zu lange.“ Etwas anders sei es, wenn die Familie hinzukomme, meint Leo: „Die Familie ist im Iran sehr wichtig  – viel wichtiger und einflussreicher als ich das von meiner deutschen Familie kenne.“ Hier könnten die Grenzen bald wieder neu ausgelotet werden. Denn in einigen Monaten werden Leo und Shila Eltern. „Es wird auf jeden Fall der deutsche Nachname, dafür aber ein persischer Vorname – mehr wird noch nicht verraten!“ Ihr Kind wollen sie zweisprachig erziehen, um ihm die Möglichkeit zu geben beide Kulturen kennenzulernen und von beiden zu profitieren. Sich die in den eigenen Augen besten Aspekte beider Kulturen anzueignen und zu kombinieren - genau das sei es, was eine binationale Partnerschaft so spannend mache: „Es ist wie bei der Wohnungseinrichtung“ – so erklärt es Shila: „Unser Wohnzimmer ist zum Beispiel etwas luftiger und dezenter eingerichtet, als es klassischerweise im Iran der Fall wäre.“ Und trotzdem – fügt Leo grinsend hinzu: „Ganz ohne Perserteppich geht’s auch nicht.“

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