Der Frankfurter Engel – ein Stück Stadtgeschichte

Von Laura Thalheimer

Unweit der Konstablerwache steht ein bronzener Engel. Wer vom geschäftigen Großstadttreiben pausieren möchte, findet hier einen Platz. Von dort fällt der Blick auf die Skulptur, und schnell erkennt man, dass mit dem Engel etwas nicht stimmt. Die Flügel beschädigt, im Kopf eine Bruchstelle. Der Engel leidet.      

Warum das so ist, verrät die Inschrift. „Homosexuelle Männer und Frauen wurden im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet“. Ihnen ist nicht nur die Skulptur gewidmet, sondern auch der Platz, auf dem sie steht, benannt nach Klaus Mann, der, selbst homosexuell, im Dritten Reich gegen die Nazi-Diktatur anschrieb.  

Der Paragraph 175 stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und erlaubte, sie zu verurteilen. Noch bis 1994 stand er im deutschen Strafgesetzbuch. „Ich kenne viele, die darunter gelitten haben“, erzählt Georg Linde von Frankfurt 40 plus, einer Gruppe von schwulen Männern über 40 Jahre. „Für uns ist der Engel ein Zeichen des Sichtbarmachens von Unrecht – gerade weil er an einem zentralen Ort steht.“

Bundesweit erster Gedenkort für verfolgte Homosexuelle

„Aus der Geschichte erwächst die Verantwortung, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen. Auch dafür steht der Frankfurter Engel“, so Stadträtin Sylvia Weber. Dass es den Platz überhaupt gibt, ist der Initiative Mahnmal Homosexuellenverfolgung zu verdanken. Sie war neben der damaligen Stadträtin Linda Reisch maßgeblich daran beteiligt, dass 1994 in Frankfurt der bundesweit erste Gedenkort dieser Art entstand. „Wir haben uns dafür stark gemacht. Wir wollten die Geschichte der Verfolgten bekanntmachen und die Leute dazu bringen, sich damit auseinanderzusetzen“, erinnert sich Ulrich Gooß, Gründungsmitglied der 1989 ins Leben gerufenen Initiative.

Der Zeitpunkt war günstig. Die rot-grüne Koalition im Römer hatte sich auf die Förderung schwul-lesbischer Initiativen geeinigt. Der Magistrat billigte die Erschaffung eines Mahnmals, ein künstlerischer Wettbewerb wurde ausgeschrieben. Die Künstlerin Rosemarie Trockel gewann ihn mit ihrer Figur, dem versehrten Abbild einer Engelsskulptur des Kölner Doms. „Dabei hatten wir nie an ein Kunstwerk auf dem Platz gedacht,“ sagt Gooß rückblickend.

Die Skulptur zeigt die Verletzlichkeit und das Leiden der Verfolgten unter der NS-Diktatur. „Auch die Inschrift ist schön gefasst,“ findet Linde, „nicht nur schwulen Männern wird gedacht, sondern auch lesbischen Frauen.“

Späte Rehabilitierung

„Der Engel blickt hin zum Landgericht und fragt nach Recht und Unrecht“, erläutert Linde nicht ohne Grund. Denn die Verfolgung homosexueller Menschen ging auch in der Bundesrepublik noch lange weiter. „Mit 16 Jahren wurde mir bewusst, dass ich strafrechtlich verfolgt werden kann, wenn ich in der Öffentlichkeit schwul auftrete“, erzählt er. Erst 2002 wurden die Urteile der NS-Diktatur aufgehoben – 57 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. 2017 wurde ein Gesetz erlassen, das die Menschen rehabilitierte und entschädigte, die nach 1945 verurteilt wurden. „Da sieht man, wie lange es dauern kann, bis ein solches Unrecht öffentlich anerkannt wird. Selbst wenn die Gesellschaft heute toleranter ist und der Paragraph abgeschafft wurde“, ergänzt Gooß.

Er hebt besonders den Zeitpunkt der Mahnmal-Aufstellung hervor, zum Höhepunkt der AIDS-Epidemie Anfang der 90er Jahre. „Es war bedeutend, dass man vor diesem Hintergrund in der Paulskirche zusammenkam. Frankfurt hatte uns damit einen symbolisch wichtigen Ort geöffnet. Die Stadt wurde damit auch mehr zu unserer Stadt.“

 

Dieser Artikel erschien am 25. September in der Senioren Zeitschrift Frankfurt ("Respekt!" 4/2020)