"digitalwomen" fördert von Corona-Krise betroffene Frauen in der digitalen Welt

Individuelle Qualifizierung erhöht Berufschancen von Frauen und begegnet Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt
Projektleiterin Harpreet Cholia, Teilnehmerin Dorsey Bushnell (© Salome_Roessler)

Home-Office, Homeschooling, Online-Shopping – die Corona-Pandemie hat die Welt weiter ins Digitale verlegt. Viele Dinge, die noch vor einem Jahr selbstverständlich gemeinsam mit anderen Menschen gemacht wurden, finden nun per E-Mail, Videokonferenz, Webinar oder ials Webshop statt. Eine sichere Lösung für alle, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, und natürlich für die meisten Menschen auch wesentlich praktischer. Aber was ist mit denen, die sich nicht mit Video-Calls und Sozialen Medien auskennen, die keinen Zugriff auf die benötigten Geräte haben oder die sich schlicht und einfach in der virtuellen Welt nicht zu Hause fühlen?

Denn unabhängig vom Alter gibt es auch heute noch viele Menschen, die im Umgang mit dem Internet nicht völlig trittsicher sind. Viele von ihnen sind Frauen, die oft auch wegen ihrer familiären Situation im beruflichen Umfeld zurückstecken. Genau dagegen möchte Harpreet Cholia vorgehen.

Die 36-jährige Frankfurterin leitet das Projekt "digitalwomen" und den Bereich Diversität und Demokratie des Bildungsanbieters GFFB, der seit 1994 gegen die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt kämpft. Co-Working Spaces und Kinderbetreuungsräume werden dem Projekt vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) im stadtRAUMfrankfurt im Gallus zur Verfügung gestellt.

Ein Projekt für alle Frauen

Teilnehmen kann so gut wie jede Frau: "Unser Projekt richtet sich an Frauen, die von Arbeitslosigkeit bedroht oder bereits betroffen sind, an Migrantinnen, an Frauen, die nach einer Auszeit auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, an Kurzarbeiterinnen, aber auch an Frauen aus dem ländlichen Raum. Unser Qualifizierungsangebot orientiert sich am Europäischen Referenzrahmen zur Entwicklung digitaler Kompetenzen. Wir sind sehr froh, dass wir den Frauen ein solches Angebot unterbreiten können", erklärt die promovierte Soziologin Cholia.

Die größte Gruppe unter den Teilnehmerinnen sind aktuell Frauen mit Migrationserfahrung, die aber bereits eine Weile in Deutschland leben. Aber es finden sich auch Frauen, die in der Gastronomie, der Tourismus- und der Luftfahrtbranche gearbeitet haben sowie Frauen mit Fluchterfahrung unter den Teilnehmerinnen. Einige streben eine Weiterbildung oder Umschulung an, da sie aus Branchen kommen, die von der Pandemie besonders hart getroffen sind.

Individuell abgestimmte Qualifizierung

Insgesamt gibt es 100 Plätze: 50 davon in Frankfurt, 20 in Darmstadt, 15 in Dieburg und 15 in Rüsselsheim. "digitalwomen" ist ein interkommunales Gemeinschaftsprojekt von GFFB und dem Zentrum für Weiterbildung, das vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration gefördert wird.

75 Plätze sind aktuell vergeben. Wie lange eine Teilnehmerin im Projekt verbleibt, hängt von ihrem individuellen Qualifizierungsplan und ihren Zielen ab. Die Frauen können an Konferenzen und Infoveranstaltungen teilnehmen, die über Zoom oder die GFFB-eigene Lernplattform Ilias ausgespielt werden. Wenn es wieder möglich ist, sollen auch Präsenzveranstaltungen geplant werden.

Jede Frau erhält je nach Voraussetzung Unterstützung von einem Team, bestehend aus Digital Coachs, sowie bei Bedarf von Sprachförderkräften und Sozialpädagoginnen, die die Frauen im Umgang mit ihren familiären Belastungen unterstützen. Das Team arbeitet standortübergreifend eng zusammen und schaut gemeinsam, wo angesetzt werden muss, um jeder Teilnehmerin individuell helfen zu können.

Eins haben alle Frauen gemeinsam: Sie wollen mehr über das Thema Digitalisierung wissen. Auch hier zeigen sich viele Unterschiede bei den einzelnen Teilnehmerinnen, erzählt Cholia: "Wir haben Frauen im Programm, die ganz bei null anfangen, und quasi noch nie mit dem Internet gearbeitet haben. Gleichzeitig sind aber auch Teilnehmerinnen dabei, die sich schon sehr gut auskennen und die Chance nutzen möchten, um sich in einem bestimmten thematischen Schwerpunkt weiterzubilden."

Das Besondere an "digitalwomen": Alle diese Frauen bekommen ein auf sie maßgeschneidertes Programm erstellt, das ihren Bedürfnissen und Vorstellungen angepasst wird.

"Blockade gegenüber der digitalen Welt lösen"

Eine von ihnen ist Dorsey Bushnell. Die 65-jährige US-Amerikanerin lebt in Frankfurt und arbeitet als Expressive Arts Facilitator: In Workshops leitet sie ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu an, Kunstformen wie Bewegung und Tanz, Malen, Schreiben und Darstellendes Spiel als kreative Kommunikationswege zu nutzen und damit auch ihre eigene kreative Seite kennenzulernen. Bushnell arbeitet mit Schulklassen, Migrant_innen, aber auch in Unternehmen – ihre Klientel ist vielseitig. "Mein roter Faden ist dabei die Frage: Wie kommen Menschen miteinander in Kontakt, und wie kommen sie mit sich selbst in Kontakt?", erklärt sie.

Bushnell liebt den Kontakt mit anderen Menschen – aber in der wirklichen Welt, nicht in der digitalen. "Ich habe keine Website und nutze kein Social Media – ich mag es einfach nicht. In der Schule habe ich mich mit '1984' von George Orwell beschäftigt und das hat mich sehr geprägt", erzählt sie.

Aber sie weiß auch, dass sie in der heutigen Zeit nicht darum herumkommen kann: "Während des ersten Lockdowns habe ich alle Jobs verloren. Ich bin solo-selbstständig und habe keine Soforthilfe bekommen. Das Gesparte für die Rente ist fast aufgebraucht. Im August und September konnte ich dann Workshops vor Ort mit Gruppen machen, gemäß der geltenden Corona-Regeln. Das hat gut funktioniert, aber ich habe mir gesagt: Ich will das jetzt angehen, ich will diese Blockade lösen, die ich der digitalen Welt gegenüber habe."

Aufmerksam auf "digitalwomen" wurde sie durch Projektkoordinatorin Judit Alema, die sie schon lange aus dem beruflichen Umfeld kennt. "Judit und ich haben uns immer mal wieder über das Thema unterhalten, wie man sich auch digital besser aufstellen kann. Und dann bekam ich eines Tages eine E-Mail von ihr mit dem Betreff ‚digitalwomen‘. Ich musste im ersten Moment so lachen – denn das bin ich nun mal gar nicht", erzählt Bushnell sehr vergnügt.

Die E-Mail las sie trotzdem und der Inhalt machte sie neugierig: "Ich habe viel mit Judit darüber gesprochen, inwiefern mich das Projekt weiterbringen kann. Und sie hat mich überzeugt – der Zeitpunkt war perfekt. Das vergangene Jahr war so seltsam, es gab keine Struktur von außen. Sich mit anderen auszutauschen war wegen der limitierten Kontaktmöglichkeiten schwierig. Da kam das Projekt genau zur richtigen Zeit, denn jetzt habe ich es mir zum Ziel gesetzt, neue Methoden zu lernen, wie ich mich online besser austauschen kann und somit Teil der digitalen Community in diesem Pionierprojekt von Frauen zu sein."

Lernen in der Community

Um sicher zu stellen, dass sie innerhalb des Projekts passend betreut wird, durchlief Bushnell wie alle Teilnehmerinnen einen Profiling-Prozess. "Es gibt drei Komponenten, die dabei eine entscheidende Rolle spielen", erklärt Harpreet Cholia: "Zuerst machen wir eine Sprachstandanalyse bei denjenigen Frauen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist. Dann schauen wir, wie es um ihre digitalen Kompetenzen steht – manche müssen noch die Basics erlernen, andere sind schon fortgeschritten. Und dann ist es uns natürlich auch wichtig zu erfahren, in welchem Umfeld die Teilnehmerin lebt. Wie ist ihre Situation zu Hause – hat sie dort einen ruhigen Platz zum Arbeiten, technisches Equipment und so weiter?" Das Profiling ist wichtig, um die Teilnehmerinnen richtig einstufen zu können und ihnen ein passendes Bildungsprogramm zu erstellen.

Denn "digitalwomen" ist zwar ein Projekt für Weiterbildung, aber diese geschieht nicht einfach von oben herab. "Der Aufbau einer Community ist für uns zentral. Viele fühlen sich momentan privat und/oder beruflich isoliert, das möchten wir ändern. Der Wissenstransfer auch zwischen den Frauen ist uns dabei besonders wichtig, denn unser Wissen wird von dem Wissen der Frauen ergänzt. Wir bauen unser Wissen zusammen auf", erklärt Cholia die Vorgehensweise ihres Teams.

Anregungen aus der Gruppe werden in den Stundenplan aufgenommen, auch wenn es bei sehr individuellen Wünschen manchmal etwa einen Monat bis zur Umsetzung dauert. "Unser Projekt ist ein Möglichkeitsraum für Frauen", führt die Projektleiterin aus. "Wir können genau schauen, was die Teilnehmerinnen brauchen, weshalb wir im Laufe des Profilings viele Gespräche führen. Für jede Frau gibt es dann einen Stundenplan, der genau zu ihr passt. Und wir fördern, dass sich die Frauen gegenseitig unterstützen und helfen. Es ist uns wichtig, dass wir eine wertschätzende Atmosphäre schaffen – Frauen stellen sich viel öfter und viel schneller in Frage als Männer."

Keine Angst vor Fragen

Auch Dorsey Bushnell lernt nach einem individuellen Programm. "Ich möchte gern mehr über Troubleshooting lernen, sodass ich Probleme besser selbst lösen kann. Aber ich denke jetzt auch über eine Website nach und überlege, wie ich einen Workshop online machen könnte. Denn es stellen sich so viele Fragen, wenn ich meine Arbeit ins Internet übertragen möchte: Wie melden sich die Teilnehmer für meinen Kurs an? Wie bezahlen sie? Ich habe dann oft einfach sofort nein gesagt. Und das will ich ändern – ich will mich in der digitalen Welt besser zurechtfinden. Außerdem möchte ich das Thema Datenschutz besser verstehen. Im Bereich Social Media wäre Linkedi" für mich interessant, darüber denke ich ebenfalls nach. Und natürlich stelle ich auch ganz allgemeine Fragen rund um das Thema Computer", erzählt sie. Und auch die Präsenz im Netz, zum Beispiel bei Videokonferenzen, möchte sie noch besser erlernen. "Es ist wirklich eine Herausforderung für mich", sagt die US-Amerikanerin. "Ich bin damit nicht aufgewachsen und es ist Zeit, mehr darüber zu lernen und Neues zu entdecken."

Fragen zu stellen, und seien sie auch noch so grundlegend, scheut sie sich aber nicht. Ein wichtiges Ziel des Projekts: "Wir möchten einen geschützten Raum bieten, in dem sich die Frauen ausprobieren und Optionen kennenlernen können. Wir geben ihnen einen Methodenkoffer an die Hand, voller Tools und Wissen, das sie dann im beruflichen und privaten Alltag anwenden können", erklärt GFFB-Pressesprecherin Katja Rodtmann.

"Ungleichheiten werden durch Corona noch größer"

Das betrifft nicht nur die digitale Weiterbildung – auch die berufliche Perspektivenplanung spielt bei „digitalwomen“ eine wichtige Rolle. Für das Projekt ist es wichtig, dass die Frauen eine Anschlussperspektive bekommen. Die Betreuerinnen schauen sich gemeinsam mit den Frauen den Arbeitsmarkt an und überlegen, wo diese wieder einsteigen können. Dafür kooperiert „digitalwomen“ beispielsweise auch mit der IHK und vielen Partnerunternehmen, um für die Teilnehmerinnen einen direkten Kontakt zu interessanten Unternehmen herzustellen.

Harpreet Cholia weiß genau, warum es so wichtig ist, gerade Frauen in den Bereichen Digitalisierung und Arbeitsperspektiven zu unterstützen: "Schon vor Corona war unsere Welt voller Ungleichheiten. Viele Menschen standen am Rande der Gesellschaft – und besonders oft traf es Frauen. Durch die Pandemie sehen wir, wie diese Ungleichheiten noch größer werden. Diese Abstände möchte ich wieder verkleinern. Denn wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir noch lange mit den Konsequenzen leben müssen. Wir wollen keine Frau zurücklassen."

Mehr Infos & Kontakt

Dr. des Harpreet Cholia
Tel.: (069) 951097-290
E-Mail: cholia@gffb.de
Internet: www.digital-woman.eu