Jüdische Kulturwochen zeigen überraschende Facetten

Stadt und Gemeinde laden gemeinsam zu Besuchen ein
Marc Grünbaum von der Jüdischen Gemeinde mit Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (© Rafael Herlich/Stadt Frankfurt am Main)

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt liefert im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen vom 27. Oktober bis zum 17. November Einblicke in verschiedene Facetten jüdischer Kultur. Das Programm ermöglicht Besuchern, jüdisches Leben in Kulinarik und Kunst, Tanz und Film sowie Geschichte, Religion und Literatur aus nächster Nähe zu erleben. 

"Die Veranstaltungsreihe zeigt: Jüdische Kultur ist in Frankfurt tief verwurzelt, auch jenseits der erwarteten Orte. Die gesamte Stadt – nicht nur Mitglieder der Jüdischen Gemeinde selbst – ist eingeladen, Judentum zu erleben", sagt Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann.

"Wir sind sehr stolz darauf, Besuchern auch dieses Jahr wieder ein Programm für alle Sinne, jedes Alter und jeden Geschmack anzubieten und über mehrere Wochen in der ganzen Stadt Orte der Begegnung und das Dialogs zu schaffen", ergänzt Marc Grünbaum von der Kulturabteilung der Jüdischen Gemeinde.

Haltung und Solidarität zeigen

Vor dem Hintergrund wachsender antisemitischer Anfeindungen und Fremdenfeindlichkeit sei es wichtig, Haltung und Solidarität zu zeigen, bekräftigt Kulturdezernentin Ina Hartwig. "Mit den Jüdischen Kulturwochen schaffen wir offene Kulturräume, die für eine egalitäre Gesellschaft unverzichtbar sind. Wir möchten Sie einladen, die Begegnungen während der Jüdischen Kulturwochen zu nutzen und sich für eine solidarische Gesellschaft einzusetzen!", erläuterte Kulturdezernentin Ina Hartwig.

Startschuss mit Geschmack

Um gut gestärkt in die Jüdischen Kulturwochen zu starten, findet die diesjährige Eröffnung bei Badias im Schirn Café statt. Dort ist Laurel Kratochvila mit ihrer koscheren Pop-Up-Bäckerei zu Gast. Sie ist mit "Fine Bagels" inzwischen zum Anlaufpunkt für Bagel-Liebhaber in Berlin geworden. Seit 2011 lebt die gebürtige Amerikanerin in der Hauptstadt. Die geliebten Bagels aus der Heimat konnte sie dort jedoch nicht finden, also backt sie selbst: Nach einem traditionell jüdischen Rezept, liebevoll von Hand geformt, kreisrund, weich und luftig, belegt mit geräuchertem Lachs und anderen Leckereien.

Auch süße Babka-Hefezöpfe, mit Schokolade gefüllte Rugelach sowie Zimt- und Mandelbrot hat sie im Repertoire. Am 8. und 15. November wird zum gemeinsamen Kabbalath Schabbat – dem Abendessen am jüdischen Schabbat-Fest – eingeladen. Speziell für Kinder werden zudem Back-Workshops angeboten. Dort lernen sie gemeinsam mit der erfolgreichen Gastronomin Badia Ouahi Bagels und Challah herzustellen.

Programm-Highlights für Augen, Ohren und Seele

Neben dem leiblichen Wohl gibt es natürlich auch etwas für die Ohren, die Augen und die Seele. Unter anderem sorgt hierfür der kanadische Rapper Socalled (der oft mit Grammy-Preisträger Chilly Gonzalez auf der Bühne steht) und das Kaiser Quartett mit ihrem Musikprogramm "Di Frosh". Socalled ist ein musikalisches Multitalent und liefert ein mitreißendes, beeindruckendes Repertoire aus jiddischen Theater- und Kunstliedern sowie Klezmer-Stücken mit urkomischen Texten.

Fortsetzung findet die erfolgreiche Kooperation mit der Dresden Frankfurt Dance Company, mit der die Jüdische Gemeinde gemeinsam Nachwuchs-Choreografen aus Tel Aviv eingeladen hat. Sie zeigen jungen Tanz aus Israel at its best. Zu Gast sein werden Roni Chadash, Gil Kerer und Nitsan Margaliot.

Maayan Iungman erzählt mit ihrem Figurentheaterstück "Niyar" ganz ohne Worte berührend sinnliche Geschichten mit Hilfe von Papier. So wird die Kultur für alle ganz ohne Sprache erlebbar gemacht – ein Programm für Gäste von 5 bis 120 Jahre. Fokus auf Worte legt hingegen Katja Riemann, deren Abend eine Hommage an den 2018 verstorbenen jüdischen Schriftsteller Edgar Hilsenrath ist. Begleitet wird "Das Märchen vom letzten Gedanken" musikalisch und visuell.

In Zeiten, in denen die New Yorker Fashion Week Kollektionen von jüdisch-orthodoxen Designerinnen zeigt und Jean Paul Gaultier sich von chassidischer Kleidung inspirieren lässt, ist es an der Zeit, sich diesem Thema aus einer modern-religiösen Perspektive anzunehmen – Rebbetzin Sara Soussan steht in einem Vortrag Rede und Antwort.

Auch junge Kunst ist in diesem Jahr wieder vertreten: Der Offenbacher Künstler Jonas Englert verarbeitet historisches Filmmaterial und erzählt in "Circles" Zeitgeschichte als Historie zwischenmenschlicher Begegnungen.

Erinnerung trifft Zukunft zum Schoa-Gedenken

An die Pogrome des 9. November 1938 wird an einem musikalisch-literarischen Nachmittag mit der Schoa-Überlebenden und Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, die erst kürzlich mit dem Deutschen Nationalpreis geehrt wurde, gedacht. Dank ihr wurde erstmals in deutscher Sprache eine Zeitzeugin so interviewt, dass mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ihrem 3-D-Abbild Fragen gestellt werden können, die dann auch treffend beantwortet werden. Ein großer Schritt, um "Zeitzeugen-Gespräche" für die Zukunft zu erhalten und dem Vergessen entgegen zu wirken.

Zudem wird eine Intervention der Künstlerin Tatiana Lecomte im öffentlichen Raum realisiert: In Frankfurts Innenstadt erlöschen am 9. November zwischen 18 und 19 Uhr die Straßen- und Fassadenbeleuchtungen. Dieser scheinbar geringe Eingriff bringt die Wahrnehmung der gewohnten Umgebung ins Wanken und löst Unbehagen aus. Das Fehlen des Lichts steht dabei sinnbildlich für die Abwesenheit einer ganzen Gruppe von Menschen, für die Juden, die seit 1933 sukzessive vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, verfolgt und ermordet wurden.

Alle Infos zu diesen und weiteren Veranstaltungen der Jüdischen Kulturwochen finden Sie im Flyer unten auf dieser Seite oder im Veranstaltungskalender der Jüdischen Gemeinde.