Bildung: Zukunftschancen für die Einwanderungsgesellschaft

Dieses Konzept verwendet einen umfassenden Bildungsbegriff, der die allgemeine Bildung und berufliche Ausbildung, kulturelle Bildung, die Kenntnis von Entwicklungen in der Stadt und das Wissen um demokratische Verfahren und Diskussionskultur sowie von Beteiligungsmöglichkeiten umfasst.

Auch der Erwerb schulischer und beruflicher Bildung hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von sozialen Kontakten und institutionellen Netzwerken im Umfeld, aber auch von den Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft bietet,

in der man sich Erfolg selbst zutraut. Daher gilt es, die Kooperationen verschiedener Fachverwaltungen in Bildungsfragen fortzusetzen, zusammenzuführen und zu verstetigen. Die Stadt Frankfurt wird im Rahmen des Projekts Lernen vor Ort eine Systematisierung des kommunalen Bildungswesens befördern und etablieren, die in dezernatsübergreifender Zusammenarbeit umgesetzt wird. Mit der Zusammenfassung in einer einheitlichen Steuerungsstruktur werden Bildungsprozesse systematisiert und verbessert.

Frankfurt ist in vielen Bereichen von Frühförderung, Schulbesuch und Schulerfolg erfolgreicher als der Landes- oder Bundesdurchschnitt. Neben engagierten Fachkräften helfen uns ausgebildete Multiplikatoren und Impulse privater Initiativen. Wir wollen zu einem für alle Bürgerinnen und Bürger verständlichen und transparenten Bildungssystem beitragen, Zugänge zu Aus- und Weiterbildung erleichtern, die Bildungsstätten in unserer Stadt auf unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse ausrichten und die einzelnen Stationen in der Bildungsbiographie unserer Einwohnerinnen und Einwohner beratend begleiten.

Bildung ist ein Schlüssel für erfolgreiche Teilhabe an unserer Gesellschaft. Wir wollen durch verstärkte Netzwerk- und Informationsarbeit aber ebenso sicherstellen, dass Absolventinnen und Absolventen ihre Qualifikationen in unserer Stadt auch verwenden können und nicht Opfer von Benachteiligung werden.

Handlungslinie 25: Kommunales Steuerungsmodell umsetzen.

Der Frankfurter Öffentlichkeit steht eine Vielzahl an Bildungs- und Kultureinrichtungen zur Verfügung. Viele von ihnen sind öffentlich finanziert oder subventioniert. Auch das Schul- und Ausbildungssystem ist stark differenziert und erscheint vielen unübersichtlich. Im Rahmen der Umsetzung von 'Lernen vor Ort' wird der Aufbau und die nachhaltige Verankerung eines kooperativen Steuerungsmodells in Frankfurt entwickelt. Ziel ist es, die vorhandenen Steuerungsmöglichkeiten zu einer bedarfsgerechten und abgestimmten Angebotsstruktur für eine wachsende Bildungsbeteiligung weiter zu entwickeln. Insbesondere die oftmals kritischen Übergänge zwischen Bildungseinrichtungen sowie die Übertragbarkeit erfolgreicher Modellvorhaben in die Fläche ist zu untersuchen. Dabei ist auch zu klären, inwiefern Bildungs- und Beratungsstätten und die Unterstützung von Netzwerken tatsächlich Inklusion fördern, alle erreichen und auf das gesellschaftliche und berufliche Leben vorbereiten. Ein wichtiges Ziel im Rahmen der ämterübergreifen- den Zusammenarbeit ist es, dass ein Aufstieg durch Bildung nicht nur in Einzelfällen geschieht, sondern dass jede Begabung angemessen strukturell gefördert wird.

Handlungslinie 26: Zugänge erleichtern.

Für einen erfolgreichen Weg im Bildungssystem sind von allen Lernenden besondere Adaptionsleistungen erforderlich. Lernende, in deren sozialem Umfeld es wenig Bildungserfahrung gibt, haben besondere Anstrengungen zu erbringen und müssen sich oft besonders beweisen. Eine angemessene Förderung für einzelne besondere Zielgruppen und die Gruppe der sog. 'Seiteneinsteiger' kann schwierige Zugänge zum Bildungssystem erleichtern und dafür sorgen, dass Bildungswege bekannt sind. Ziel aller Maßnahmen ist die erfolgreiche Heranführung der Teilnehmenden an den Regelunterricht. In der Frühförderung ist insbesondere der gemeinsame Kindergartenbesuch oder die gemeinsame Erziehung in Nachbarschaftszentren und Eltern-Kind-Gruppen weiter zu unterstützen. Informations- und Vorbildkampagnen, die zugleich über Zugangsmöglichkeiten informieren, sollen weiter aus- gebaut werden. Die Stadt Frankfurt bekennt sich zu der humanitären Verpflichtung, auch Flüchtlingen und Kindern von Eltern ohne offiziellen Aufenthaltsstatus die Teilnahme am Regelschulunterricht zu ermöglichen, über die von der Landesregierung entschieden wird.

Handlungslinie 27: Familienarbeit ausbauen.

Eltern sind die wichtigsten Kooperationspartner des Bildungssystems. Ihnen sind notwendige Hilfestellungen zu geben und, wo erforderlich, ihre Motivation und Kooperationsbereitschaft zu fördern. Durch geeignete Netzwerkarbeit vieler Beteiligter ist dafür zu sorgen, dass eine möglicherweise geringere eigene Bildungserfahrung und der soziale Status einer Familie nicht die Bildungsentwicklung eines Kindes dominieren. Eltern sind dabei in ihren Fähigkeiten und Rechten ernst zu nehmen. Dazu gehört nicht nur, ihnen eine gute Kenntnis der Leistungsanforderungen von Schulen und der Notwendigkeiten, die sich daraus ergeben, zu vermitteln, sie über Karrierewege in Schule und Arbeitsmarkt zu informieren, sondern ihnen darüber hinaus auch die Möglichkeit zu geben, eigene Erwartungen und Ansprüche zu formulieren. Wir wollen daher dazu beitragen, die Abstimmung und Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen und Erziehungsberechtigten zu verstärken. Durch integrative Maßnahmen sind die aktive Partizipation in Elternbeiräten und bei Aktivitäten im Umfeld des Unterrichts zu erleichtern. Beratungsstellen für Lernphasen und Lebenssituationen werden besonders dann angenommen, wenn sie in den Stadtteilen leicht erreichbar sind, unabhängigen Rat geben können und im Umgang mit Diversität professionell geschult sind. Für einen gelingenden Start ins Leben können solche Koordinationsstellen zugleich die existierenden Präventionsketten von frühen Hilfen, Schulverbänden und Familienzentren unterstützen.

Handlungslinie 28: Institutionen vernetzen.

Bildung ist nicht abstrakt, sondern soll auf das Leben und unsere Gesellschaft vorbereiten. Bildung soll Spaß machen und als sinnhaft erfahren werden. Bildungserfolge sind daher auch vom Umfeld der Lernsituation abhängig. Es soll geprüft werden, wie einzelne Bildungsstätten zu Stadtteilzentren ausgebaut werden können, z.B. durch die Einrichtung und Förderung von Elterncafés und Elterntreffs, durch Kooperationen im Stadtteil und über die Vernetzung mit Projekten und der interkulturellen Arbeit der Stadtteilbibliotheken. Damit kann auch ein Beitrag zum Ausbau von Ganztagsangeboten geleistet werden. Zur bestmöglichen Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten, sozialen oder persönlichen Problemen sind die Fachkenntnisse und Arbeit von Unterrichten- den, Schulsozialarbeit, Therapeuten und Familienarbeit zu vernetzen.

Handlungslinie 29: Mit Vielfalt  umgehen.

Unsere Bildungsstätten sind in der Erfüllung ihres Auftrags den gesellschaftlichen Veränderungen besonders ausgesetzt und sehen sich bisweilen in einem täglichen Krisenmanagement, das neue Kompetenzen und Strukturen erfordert, um Vorurteilsfreiheit zu fördern und eine Lernsituation zu schaffen, die unterschiedliche Lernende gleichermaßen berücksichtigt, fordert und ihnen Anerkennung zollt. Es kann wichtig sein, hohe Feiertage oder Gedenktage verschiedener Gruppen in der Ausgestaltung des Schulalltags und bei Prüfungsterminen angemessen zu berücksichtigen. Es ist Ziel der Frankfurter Stadtpolitik, darauf hinzuwirken, dass Pädagoginnen und Pädagogen auf unterschiedlichere Gruppen, Erwartungshaltungen und Sprachkenntnisse und auf soziale Unterschiede besser vorbereitet werden und selbst geeignete Unterstützung erfahren. Dies kann in Kooperation mit wohnortnahen niedrigschwelligen Beratungsstellen dazu beitragen, Bildungsabbrüche zu vermeiden. In begleitenden Maßnahmen verschiedener Fachverwaltungen wollen wir die Schulen darin unterstützen, dass von allen Schülerinnen und Schülern nicht zuletzt die in unserer Gesellschaft geltenden Regeln des Sozialverhaltens erfahren werden. Anzeichen von Ressentiments bzw. Rassismus muss entschieden entgegengetreten werden. Die Stadt Frankfurt wird entsprechenden Hinweisen und ihrer Entstehung aktiv nachgehen. Unsere Frankfurter Bildungseinrichtungen sollen dabei nicht zuletzt vermitteln, wie durch individuelles Handeln und durch die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen Integration und ein gutes Zusammenleben gefördert werden können. Die Stadt Frankfurt wird die Lehrpläne begleitende Projekte fördern, in denen die Vielfalt, die Traditionen und die Gemeinsamkeit der Frankfurter Stadtbevölkerung vermittelt werden. Schulaustausch und Klassenfahrten, z.B. in unsere Partnerstädte und in die Herkunftsländer der Lernenden, können dazu beitragen, die tatsächlichen Lebensverhältnisse dort näher kennenzulernen. In Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und privaten Partnern ist auch die Kooperation verschiedener Schulen, z.B. allgemeinbildender und beruflicher Schulen, weiter anzuregen und zu fördern.

Handlungslinie 30: Miteinander fördern.

Unsere Bildungsstätten sollen auf das Zusammenleben in einer vielfältigen Stadtgesellschaft vorbereiten. Dem steht bisweilen nicht nur die faktische sozialräumliche Trennung einiger Bevölkerungsgruppen entgegen, sondern auch eine Aufteilung auf Schulen und Schultypen. In leicht erreichbaren Beratungsstellen und in aufsuchender Familienarbeit sollen Eltern angesprochen und über die Vorteile einer wohnortnahen Einschulung für das Zusammenleben im Stadtteil in- formiert werden. Eine ausgeglichene Verteilung von Schülerinnen und Schülern deutscher Muttersprache auf einzelne Schulklassen bleibt auch in Zukunft eine politisch wichtige Frage. Die Bedeutung einer gemeinsamen Teilnahme an Klassenfahrten und besonderen Unterrichtsfächern, wie z.B. Sport oder Sexualkunde ist den Erziehungsberechtigten gegenüber besonders herauszustellen. Durch Information, ab- gestimmte Maßnahmen und die Hilfe von Multiplikatoren wollen wir im Bereich der Frühförderung das Miteinander in gemischten Eltern-und-Kind-Gruppen fördern und Eltern, die ihre Kinder lieber bei sich erziehen, dazu ermutigen, den Übergang in die Schule durch einen Kindergartenbesuch zu erleichtern. Auch in der Erwachsenenbildung sollte bei Bedarf sichergestellt sein, dass sich unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen gleichermaßen beteiligen können. In den Schulferien und in Kooperation mit den öffentlichen Kultureinrichtungen sollten vermehrt gemeinsame Angebote entwickelt und durchführt werden. Die Stadt Frankfurt möchte In allen städtischen Bildungseinrichtungen vermehrt Lehrende und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kontakten zu verschiedenen Bevölkerungs- gruppen beschäftigen.

Handlungslinie 31: Übergänge erleichtern.

Übergangsbereiche zwischen Bildungseinrichtungen sowie zwischen Schule und Beruf sind in Frankfurt unterschiedlich ausgebaut, organisiert und koordiniert. Übergreifendes Ziel der Arbeit aller beteiligten Fachverwaltungen und Partner soll es sein, durch Beratungsleistungen und durch die Vernetzung der betreffenden Institutionen dazu beizutragen, Übergänge im Bildungssystem – z.B. zwischen Kindergarten und Grundschule, Schule und Berufsausbildung sowie zwischen verschiedenen Schulformen – zu erleichtern. Aus einer hohen Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten können viele innovative und praktische Ansätze entstehen. Während bei Kindern zunächst die Eltern wichtige Ansprechpartner und Entscheidungsträger sind, beeinflussen später auch ihr Umfeld und gleichaltrige Freunde die Wahl für eine bestimmte Schule oder Ausbildung. Die Stadt Frankfurt wird auch an dieser Stelle städtischen Hilfen und Betreuungsangebote durch verstärkte Zusammenarbeit effizienter gestalten, um durch die richtige Schul- und Berufswahl nicht nur eine gut verlaufende Bildungskarriere zu erleichtern, sondern auch eine Stärkung des Selbstwertgefühls und der Identitätsbildung zu unterstützen. In Kooperation mit Wirtschaftsverbänden und Arbeitgebern wollen wir auf eine bessere Verwertung von Schulabschlüssen hinarbeiten: 'Warteschleifen', die auch als 'Sackgassen' empfunden werden können, tragen zu Bildungs- und Ausbildungsabbrüchen bei.

Handlungslinie 32: Erwachsenenbildung gestalten.

Die Stadt Frankfurt wird die vielfachen städtischen Angebote zur Erwachsenenbildung – ob in der Volkshochschule, in Kulturinstitutionen, Vortragsreihen oder Veranstaltungen vieler städtischer Einrichtungen – weiter vernetzen, bei unterschiedlichen Gruppen noch weiter bekannt machen und sie auf die reale Vielfalt der Bevölkerung ausrichten. Bei den vielen Stellen, die solche Programme anbieten, ist beratend darauf hinzuwirken, verstärkt integrative Programme zu entwickeln und anzubieten, sowohl für die Vermittlung von Kenntnissen gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse, die unsere Stadt prägen, als auch zum Spracherwerb in Kompetenzstufen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens. Durch gemeinsame Anstrengung wollen wir mit Blick auf die reale Heterogenität der Frankfurter Bevölkerung die existierenden Angebote zur nachholenden Bildung, insbesondere von Schulabschlüssen, intensivieren.

Abstimmung mit anderen Akteuren.

Eine umfassende und erfolgreiche Bildung können wir als Stadt nicht allein sicherstellen. Wir sind in der Entwicklung geeigneter Lehrpläne, die auf die Situation in einer vielfältigen Gesellschaft Bezug nehmen, auf die Bildungspolitik des Landes angewiesen. Dies gilt auch für Veränderungen in der Lehrerausbildung und -fortbildung, die vermehrt auf Diversität und Inklusion vorbereiten sollte. Auch die Erhöhung des Anteils von Lehrerinnen und Lehrern aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist Landesangelegenheit, ebenso die Einrichtung von Ganztagsschulen, die Schulzulassung besonderer Gruppen (wie z.B. von Kindern ohne Aufenthaltsstatus), die stärkere Förderung der Eigenverantwortlichkeit von Schulen, die Erhebung und Publikation von Schulstatistiken sowie die Einführung neuer Fächer – wie z.B. eines konfessionsgebundenen Religionsunterrichts weiterer Glaubensrichtungen. Gleiches gilt für die Zulassung geeigneter Schulbücher und Lehrmittel. Die Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt sowie bestehende Netzwerke wollen wir in dezernatsübergreifender Abstimmung weiter intensivieren, Koordinationsprojekte zusammenführen und verstetigen und Kooperationen mit Stiftungen systematisieren und verstärken. In der politischen Bildung streben wir eine stärkere Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung, mit Stiftungen und Vereinen an. Die Frankfurter Hochschulen sind für uns wichtige Partner in der Ansprache und Integration ausländischer Studierender und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie als Orte praktizierten Diversitätsmanagements in Organisation, Forschung und Wissensvermittlung.