Grundlagen des Zusammenlebens

Über das Zusammenleben in unserer Gesellschaft

Es lohnt, sich immer wieder die Errungenschaften und Grundlagen unseres Zusammenlebens zu vergegenwärtigen. Integrationspolitik hat nicht nur den Freiraum persönlicher Lebensgestaltung mit den Anforderungen sozialen Miteinanders abzuwägen, sondern jene individuellen Fähigkeiten zu fördern, die für das Zusammenleben in unserer modernen Gesellschaft nötig sind.

Integration hat daher eine persönliche und eine öffentliche Seite: Das eigene Selbstvertrauen und das Vertrauen auf Chancengleichheit und auf die freie Entfaltung des eigenen Lebensentwurfs, auf Respekt und wechselseitige Anerkennung – aber auch die objektiven Rahmenbedingungen, die dieses Miteinander und eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft und ihren Möglichkeiten formen, bzw. überhaupt ermöglichen.

Kommunale Selbstverwaltung

In jeder Gesellschaft gibt es Unterschiede und die drängende Frage nach Maß und Begründung von Ungleichheit. Jede Gesellschaft braucht eine Übereinkunft, wie groß Unterschiede sein dürfen, ohne dass das Gemeinwesen seine Legitimation und seinen Zusammenhalt verliert.

Die gewählten städtischen Gremien vertreten die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit. Der öffentliche Dienst hat den Auftrag, für das Gemeinwohl der gesamten Stadt Einzelinteressen gegeneinander abzuwägen.

 

Ziel 1: Kommunikation von Gemeinschaft fördern

In Frankfurt drängen sich Unterschiede auf engem Raum. Wir sind in gleicher Weise auf das Engagement neuer, dauerhafter und 'zwischenzeitlicher' Einwohnerinnen und Einwohner angewiesen. Immer wieder neu ist eine Balance von Integration und Diversität, von geteilter Gemeinsamkeit und individueller Vielfalt zu finden. Wir haben Vorstellungen von unserer Stadt als jenem gemeinsamen Ort zu fördern, für dessen Zukunft wir alle zusammen Verantwortung übernehmen können und müssen, unabhängig von unserer Aufenthaltsdauer.

Bei allen städtischen Äußerungen, Regeldiensten und Einzelmaßnahmen ist darauf zu achten, verschiedene Anliegen und Interessen gleichwertig zu betrachten. Es sind bei möglichst vielen Gelegenheiten Angebote zur Information und zur Mitgestaltung zielgruppenspezifisch zu kommunizieren. Wir wollen bei offiziellen Anlässen und Veranstaltungen dafür sorgen, dass unterschiedliche Gruppen angemessen eingeladen und repräsentiert sind, um unsere Stadtgemeinschaft insgesamt sichtbar werden zu lassen.

Ziel 2: Umgang mit Unterschieden erleichtern

Integrationspolitik kann an der Vielfalt und Uneinheitlichkeit aller modernen Gesellschaften, die offene Gesellschaften sein wollen, nicht vorbeisehen. In Städten wie Frankfurt wird der Umgang mit Fremdheit und mit wechselnden Trends und Lebenseinstellungen zu einer grundlegenden Fähigkeit, die alle Stadtbewohner erwerben müssen, unabhängig davon, wie lange sie in unserer Stadt leben. Der Integrationsprozess verläuft nicht allein zwischen der sog. 'Mehrheitsgesellschaft' und einzelnen Minderheiten, sondern auch in einer Vielzahl persönlicher Begegnungen von Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Lebenswege in einer Vielfalt von Beziehungen und Zugehörigkeitsgefühlen.

Bei Veranstaltungen jedweder Art, soll  vermittelt werden, welch  unterschiedliche Einwohnerinnen und Einwohner in Frankfurt leben. Es sollen zugleich die positive Rolle und die Beiträge unterschiedlicher Gruppen in unserer Stadt verstärkt wahrgenommen und vermittelt werden. In gleicher Weise ist Raum zu schaffen für die Artikulation möglicher Sorgen und Ängste. Wir wollen den Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen und Erwartungen fördern und diese auf gemeinsame Interessen und Bezugspunkte zusammenführen. Gruppen, die bislang eher abseits standen oder passiv blieben, sollen dafür gezielt angesprochen und zur Stellungnahme aufgefordert werden.

Ziel 3: Dialog und Vernetzung voranbringen

Integration in Frankfurt muss vor allem 'gelebt' werden. Sie lässt sich nicht verordnen, weder einzelnen Minderheiten noch einer Mehrheit. Unser Miteinander wird bestimmt von der Häufigkeit und Qualität persönlicher Beziehungen, etwa in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft. Durch gutes regelmäßiges Zusammentreffen werden Missverständnisse vermieden, wird Abschottungen entgegengewirkt und eine gemeinschaftliche städtische Identität direkt oder mittelbar kommuniziert.

Städtische Maßnahmen und Kooperationen sind grundsätzlich so anzulegen, dass eine Einzelförderung stets um eine Förderung von Vernetzung, Öffnung und Dialog ergänzt wird. Dabei sind Kontakte zwischen Mehrheit, Minderheiten wie auch innerhalb einzelner Gruppen gleichermaßen wichtig. In der Gestaltung des öffentlichen Raumes und von städtischen Einrichtungen, aber auch durch Einzelmaßnahmen sollen Anknüpfungspunkte gefördert werden, die einander Fremde ins Gespräch bringen. Multiplikatoren und 'Brückenbauer' sollen ebenso gezielt gefördert werden wie Respekt voreinander, einen angemessenen Umgang miteinander und eine gemeinsame Sprache. Deutschkenntnisse sind zur Teilhabe an unserem öffentlichen Leben unverzichtbar. Neue Begegnungen in unserer Stadt können dabei oft am ehesten in einem niedrigschwelligen und auch mehrsprachigen Umfeld gelingen, das unterschiedliche Menschen anspricht.

Ziel 4: Beteiligung an Entscheidungen ausbauen

Den gewählten Gremien als Repräsentanten einer heterogenen Bevölkerung und dem öffentlichen Dienst als Dienstleistern des Gemeinwohls kommt besondere Verantwortung zu. Jede Demokratie ist auf gut informierte und engagierte Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Aber nicht nur viele neu Hinzuziehende, weite Teile unserer Bevölkerung finden es generell schwierig, Entscheidungsabläufe und Themen kommunaler Politik zu verstehen oder sich regelmäßig mit ihnen zu befassen, sei es aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit – z.B. durch Arbeitszeiten oder auch wegen Zweit- und Drittjobs zur Ergänzung des eigenen Lebensunterhalts –, aufgrund ihres Einsatzes für Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft oder wegen einer anderen Lebenssituation.

Beteiligungsmöglichketen sowie Bürgersprechstunden von Mandatsträgern, Ämtern, Gremien sollen regelmäßig und gegenüber unterschiedlichen Gruppen aktiv kommuniziert werden. Nach Möglichkeit sollen Bürgerinnen und Bürger auch informell stärker einbezogen werden, z.B. in der Stadtteilarbeit, in Wohnquartieren oder in Bildungseinrichtungen, aber auch in der Ausarbeitung gesamtstädtischer Konzepte. Der Einsatz neuer Medien ist dabei ebenso zu verstärken wie eine auf- suchende Beteiligung.

Ziel 5: Möglichkeiten von Kommunalpolitik ausschöpfen

Niemand soll in Frankfurt durch soziale, politische oder rechtliche Rahmenbedingungen ausgegrenzt und an einer Beteiligung gehindert werden. Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Integrationspolitik werden dabei jedoch maßgeblich durch gesetzliche Rahmenbedingungen beeinflusst.

Integration findet immer 'vor Ort' statt. Den Kommunen kommt damit eine besondere Rolle zu - gerade auch bei der Beurteilung, welche Regeln sich im Alltag der Bürgerinnen und Bürger oder in der Verwaltungspraxis bewähren und welche nicht.

Die Stadt Frankfurt wird im städtischen Alltag sowie in abgestimmten Arbeitsprozessen mit anderen politischen Ebenen ihre kommunalen Befugnisse nutzen und verteidigen. Die Stadt Frankfurt wird Hindernisse für die Integration, ob einzelne Regelungen oder strukturelle Rahmenbedingungen aktiv identifizieren und politisch thematisieren, um die zuständigen Gesetzgeber auf in der Praxis auftretende Probleme hinzuweisen. Die Stadtpolitik wird Handlungsspielräume und Möglichkeiten neuer, eigener Wege selbstbewusst und systematisch ausloten.

Gemeinsame Werte

Unsere Demokratie rechnet mit Unterschieden. Sie lebt von Meinungsunterschieden und der Möglichkeit, diese auszudrücken. Sie schützt die Freiheit des Einzelnen und von Gruppen.

Doch sie setzt ein Bekenntnis zu grundlegenden Werten dieser Gesellschaft ebenso voraus wie Gesprächsbereitschaft, eine gemeinsame Sprache und ein grundlegendes Verständnis für die Gesellschaftsordnung und internationale Stellung unseres Landes.

Gegenseitiger Respekt und Anerkennung

Jeder Mensch strebt nach einem selbstbestimmten Leben und nach der Achtung anderer. Doch unser Zusammenleben beruht auf Grundlagen, die für alle gleichermaßen verbindlich sind und die allen bekannt sein müssen: auf unserer politischen Kultur, die sich historisch entwickelt hat und die sich in unserer demokratischen Grundordnung ausdrückt.

In der staatlichen Gemeinschaft finden sich selbständige Individuen zusammen. Kern von Integrationspolitik sind die Rechte und Pflichten der Einzelnen, ihre Teilhabechancen und Gleichberechtigung.

Ziel 6: Würde des Einzelnen achten

Sein eigenes Leben leben zu können, ist das Versprechen der Moderne. Grundlage aller modernen Politik ist es, niemanden zu benachteiligen, weder aufgrund von Herkunft, Sprache, Überzeugung noch aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter oder Gesundheit. Der staatlichen Gemeinschaft kommt die Aufgabe zu, über diese Prinzipien auch im persönlichen Leben der Bürgerinnen und Bürger zu wachen. Die Auslegung dieser Werte, wie auch der Gleichberechtigung der Geschlechter, ist nicht abhängig von Herkommen und Kultur, sondern erfolgt im Sinne der Rechtsordnung.

Von Staat und Verwaltung können alle Einwohnerinnen und Einwohner Frankfurts er- warten, nicht in erster Linie als Arbeitskräfte und Leistungsträger, sondern unabhängig von Ressourcen und Fähigkeiten als gleichberechtigt angesprochen und behandelt zu werden. Jede Gemeinschaft lebt von der freien und kreativen, unternehmerischen und künstlerischen Entfaltung ihrer Mitglieder. Diese Freiheiten dürfen weder durch öffentliches Handeln noch durch unangemessenen sozialen Druck eingeschränkt werden. Um- gekehrt hat jede und jeder neben den unterschiedlichen Lebenssituationen im Privatleben und Beruf – ob als Mutter, junger Mann oder Schwiegertochter, ob als Geschäftsinhaber, Angestellter oder Künstler – auch die gleichberechtigte öffentliche Rolle und Verantwortung einer Einwohnerin oder eines Einwohners dieser Stadt. Diese Rolle wollen wir anerkennen, unterstützen, aber auch einfordern.

Integrationspolitik fördert die Befähigung jedes Einzelnen, in einer pluralen demokratischen Gesellschaft in freier Entscheidung als selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Mitglied zu handeln. Dafür sind Informationen bereitzustellen, Gelegenheiten zur Meinungsäußerung und Teilhabe zu bieten und, wo erforderlich, Hilfen zu leisten. Unsere Rechtsordnung nötigt niemanden dazu, sich öffentlich zu beteiligen, hält jedoch uns alle dazu an, die Grundlagen unseres Miteinanders und demokratische Entscheidungen mitzutragen, sowie die gleichberechtigten Ansprüche anderer zu achten, auch wenn diese unsere eigene Meinung nicht teilen, einen anderen Lebensstil haben oder mit einem anderen Akzent sprechen.

Ziel 7: Zugehörigkeitsgefühle anerkennen

Unser sozialer Zusammenhalt verlangt Respekt für Identitäten und Zugehörigkeitsgefühle, die anderen wichtig sind. Menschen leben in Beziehungen, aus denen sie Kraft schöpfen und die vielleicht ihr Leben selbstgewählt bestimmen. Eltern wollen ihre Kinder nicht nur auf das Leben vorbereiten, sondern ihnen auch etwas weitergeben, z.B. ein Stück Familiengeschichte und Tradition. Respekt und Anerkennung erfordern daher mehr als einfache Gleichbehandlung, niemanden zu diskriminieren oder zu benachteiligen: Der respektvolle Umgang miteinander schließt ein, die gegenseitigen Stärken zu sehen, anzusprechen und zu fördern, anstatt Schwächen, abweichendes Verhalten oder körperliche Gebrechen zu betonen.

Jede und jeder von uns spürt sehr schnell Vorbehalte anderer. Das Gespür für die Skepsis, die einem trotz aller Anstrengungen möglicherweise entgegengebracht wird, kann zur festen Erwartungshaltung werden, stets als Außenseiter behandelt zu werden. Dies hat oft Auswirkungen auf Integration in Bildungs- und Berufswegen. Ein ungenügender Ausdruck der Wertschätzung von dem, was anderen wichtig ist, kann Menschen, die sich integrieren wollen, erneut zu 'Fremden' machen, den Rückzug in die 'eigene' Gruppenbildung fördern und die Entstehung von 'Parallelgesellschaften' mit verursachen. Um- gekehrt kann die Empfindung mangelnder Wertschätzung der lokalen Kultur und Geschichte Frankfurts zu einer Abgrenzung von 'den Migranten' führen.

Im Umgang miteinander ist jede und jeder nicht in erster Linie als Angehörige von 'Kulturen' oder Gruppen zu behandeln, sondern als handelndes und verantwortliches Individuum. Die Frankfurter Stadtpolitik wird nicht 'kulturalisieren', weder in Datensammlungen, noch in der Begründung von Entscheidungen, in Verlautbarungen oder im Zuschnitt von Maßnahmen. Bestehende Gemeinschaften und individuell kommunizierte Zugehörigkeitsgefühle sind dabei respektvoll als gleichwertige Teile der Stadtgemeinschaft zu betrachten.

Ziel 8: Freie Lebensgestaltung fördern

Es gehört zu jedem Zusammenleben, einen anderen Menschen, dem wir begegnen, nicht nur als Einzelperson, sondern als Teil und Mitglied von Gruppen und Milieus zu sehen. Gruppenbildungen und gegenseitige Wahrnehmungen gehören zum Alltag und sind objektiv ebenso feststellbar wie die Herausbildung von Stereotypen und falschen Vorstellungen von Kausalitäten.

Respekt voreinander bedeutet demgegenüber auch, jeden Menschen als Einzelfall zu sehen und zu behandeln, sowie die freie Entscheidung jedes Einzelnen anzuerkennen, zu fördern und nötigenfalls auch einzufordern. Alle Menschen in Frankfurt sollen als Subjekte eigener Verantwortung frei ihren Lebensentwurf, auch gegen Gruppenzwänge, wählen können. Sprache und Bildung sind ein Schlüssel zu Integration und zu gesellschaftlicher Teilhabe. Aber Leistungswille und Geschick reicht oft nicht. Menschen wägen genau ab: einen Beruf oder Lebensweg in einer Gesellschaft muss man sich zutrauen können. Zum Sinn eigener Anstrengung gehört es, reale Aussichten auf Erfolg und auf einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu sehen.

Das Gefühl, dazuzugehören, entsteht ebenso durch eine freie, allgemein akzeptierte Lebensgestaltung wie auch durch Aufstiegsmöglichkeiten. Auf allen Politikfeldern und im privaten Miteinander wird die Stadt Frankfurt sicherstellen, dass alle ihren Lebensentwurf frei wählen und verfolgen können, ob in Berufswahl, bei der Partnersuche oder Lebensgestaltung und im Ausdruck persönlicher Überzeugungen. Wer Chancen ergreifen will, muss auf angemessene, individuelle und fördernde Unterstützungsangebote zugreifen können, wenn nötig auch gegen Gruppenzwänge. Frankfurt ist eine prosperierende Stadt, nicht zuletzt wegen der ihr eigenen Vielfalt. In der Stadtentwicklungsplanung ist weiterhin darauf achten, einer wachsenden Zahl unterschiedlicher Menschen reale Möglichkeiten zu eröffnen.

Ziel 9: Niemanden überfordern

Die moderne Welt bietet allen Einzelnen mehr Chancen als je, fordert von uns allen aber zugleich lebenslanges Lernen und persönliche Flexibilität – in manchen Berufen auch zusätzliche Mobilität. Dabei profitiert Frankfurt als Stadt in vieler Hinsicht von solchen Entwicklungen wie auch von der 'Globalisierung'. Andererseits werden nicht nur Risiken und Krisen moderner Verflechtungen und Dienstleistungen in Frankfurt schneller offenkundig als andernorts. Es gibt in unserer Stadt auch Menschen, die sich angesichts der ökonomischen Entwicklungen oder der Konkurrenz mit Arbeitskräften aus anderen Teilen der Bundesrepublik oder aus anderen Ländern selbst als 'Verlierer' sehen. Wer in einem fremden Land lebt – oder auch innerhalb der gleichen Familie mit der 2. und 3. Generation unterschiedlichere Erfahrungen erlebt als andere – sieht sich aus verschiedenen Seiten divergierenden Erwartungen ausgesetzt.

Umgekehrt wird die Anwesenheit von Menschen unterschiedlicher Herkunft, das Leben in einer kosmopolitischen und schnelllebigen Stadt von anderen als Überforderung oder sogar als Bedrohung erlebt. Das Miteinander unterschiedlicher Lebensgestaltung wie auch soziale Ungleichheit bergen gleichermaßen die Gefahr, dass Menschen sich auf Vertrautes und auf sich selbst zurückziehen, an sich oder an anderen zweifeln und sich vom öffentlichen Leben abwenden. Unsere Stadtgemeinschaft muss deshalb nicht nur neu Hinzugezogenen helfen, sondern auch denen, die seit längerer Zeit hier sind und beobachten, wie sich 'ihr' Frankfurt zusehends verändert.

Wir benötigen ein besseres Verständnis der sehr unterschiedlichen und einander beeinflussenden Integrationsverläufe und der Veränderungsprozesse der Gesellschaft. Die Stadt Frankfurt wird zu berücksichtigen, dass es kaum „Normallagen“ von Integration gibt. Bei der Beurteilung der Situation, im Maßnahmenzuschnitt und in unserem Verhalten sind die realen Lebensbedingungen und die jeweilige soziale Lage ernst zu nehmen. Dies verlangt auch, Schwierigkeiten anzuerkennen und Menschen nicht zu überfordern. Zur gebotenen Solidarität miteinander gehört es auch, Menschen Zeit zu geben. Integration oder sozialer Aufstieg verläuft nicht selten über mehrere Generationen und in Übergangsformen, die sich als Milieus ausprägen können und die nicht vorschnell als sich verfestigende 'Parallelgesellschaften' zu beurteilen sind.

Offene und tolerante Gesellschaft

Der Aufforderung, einzelnen Gruppen mehr Raum zu gewähren, steht der Appell an jede dieser Gruppen gegenüber, auch selbst für Neues und für einander offen zu sein.

Unser Zusammenleben in Frankfurt ist auch dadurch geprägt, wie Menschen gemeinsam handeln und welche Wechselwirkung sich daraus innerhalb einer Gruppierung sowie zwischen mehreren entwickelt.

Unser Staat setzt nicht nur – z.B. mit der Anerkennung von Religionsgemeinschaften – die Existenz kollektiver Bindungen voraus, er gewährt Gruppen auch das Recht, sich selbst zu definieren und zu organisieren. Es besteht aber andererseits auch das berechtigte Interesse der Gesellschaft an einem guten Miteinander: Gruppen sollen sich dem öffentlichen Leben weder verschließen noch auf ihre Mitglieder unangemessenen Zwang ausüben.

Ziel 10: Vielfache Zugehörigkeiten anerkennen

Urbanität gibt es nicht ohne Vielfalt: Die Frankfurter Bevölkerung zeichnet sich durch eine Diversität und Ausdifferenzierung von Gruppen und Milieus aus, die für städtische Zentren typisch ist. Unsere Stadt wird durch das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern in unterschiedlichen Gruppen und sozialen Netzwerken getragen. Auf der Grundlage unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung gibt es dabei kein Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

In unserer Gesellschaft hat jede und jeder nicht nur individuelle Freiheitsrechte, sondern auch das Recht zu einem selbst gewählten gemeinsamen Leben. Dazu gehört das Recht, Gruppenidentitäten in informellen sozialen Beziehungen und in organisierter Form öffentlich Ausdruck zu geben. Im Falle anerkannter Minderheiten oder anerkannter Religionsgemeinschaften gilt ein besonderer Schutz und Freiraum. Dem gegenüber steht nicht nur der Primat des Rechtsstaates, sondern darüber hinaus auch die umgekehrte Anforderung an alle Gruppen, von sich aus die grundsätzliche Gleichberechtigung aller in einer pluralen Gesellschaft anzuerkennen und sich von der Öffentlichkeit nicht abzukehren. Migrantenvereine oder andere Selbsthilfegruppen und Interessenverbände können die Chance zur Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung bieten, soziale Lücken schließen, aber sollen zugleich Kontakte zu anderen Netzwerken öffnen und dauerhaft unterhalten. Bei Führungspersönlichkeiten – ob als gewählte Vertretung oder durch eine besondere soziale oder religiöse Rolle – richtet die Gesellschaft besondere Erwartungen an ihr Verantwortungsbewusstsein und an ihr 'Fingerspitzengefühl' im Umgang mit anderen und der allgemeinen Öffentlichkeit.

Integration ist keine 'Einbahnstraße'. Bei der Politikgestaltung, der öffentlichen Selbstdarstellung und bei konkreten Handlungsplänen wird die Stadt Frankfurt berücksichtigen, dass sich Menschen in mehreren sowie in gemeinsamen Beziehungen sehen und je nach Religion, Zugehörigkeitsgefühl, Interesse oder Stilempfinden auch als Gruppe ein unterschiedliches öffentliches Verhalten äußern. Unsere Stadt ist ein gemeinsamer Rahmen für eine Vielzahl von Gruppenidentitäten, denen die Stadtpolitik Räume zur kreativen Entfaltung schaffen will, von denen wir alle aber auch eigene Beiträge zu einem besseren Miteinander erwarten.

Ziel 11: Abgrenzungen überwinden

Frankfurt ist als alte deutsche Stadt, als Einwandererstadt, als kleine Metropole und als kreatives und ökonomisches Zentrum in vieler Hinsicht ei- ne Stadt des 'Sowohl als Auch'. Wir alle erleben immer wieder gegenläufige Tendenzen, einerseits die Herausbildung neuer ‚kosmopolitischer‘ Mittelschichten sowie andererseits soziale Differenzierung oder gar Segregation, der die Stadtpolitik entgegenwirken soll.

Moderne demokratische Gesellschaften sind nicht nur durch eine Veränderung, sondern auch durch eine Zunahme von geteilten und gemeinsam empfundenen Identitäten und Interessenvertretungen geprägt. Mit der Zahl erkennbar auftretender Gruppen können auch Vorbehalte voreinander sowie offen formulierte Interessengegensätze wachsen. Das Verhalten in Gruppen und von Gruppen zueinander ist dabei nicht nur intern, sondern auch durch äußere Einflüsse und nicht zuletzt soziale Lagen bestimmt.

Integrationspolitik hat zu beachten, dass Integration sich nicht nur am Verhältnis von Mehrheit und Minderheiten entscheidet, sondern von den Beziehungen aller Gruppierungen zueinander abhängt. In einer gewachsenen internationalen Stadtbevölkerung haben es alle Einwohnerinnen und Einwohner mit mehr kulturellen Vorurteilen, religiösen Differenzen oder einem stärker divergierenden Geschichtsverständnis zu tun als andernorts. Um dem Problem entgegenzuwirken, dass verschiedene Gruppen sich stereotyp gegeneinander definieren und möglicherweise in anderen Teilen der Welt bestehende Vorbehalte beibehalten, sind mehr Begegnung und Miteinander verschiedener Erfahrungsgemeinschaften, sozialer Schichten und Milieus untereinander zu fördern, mit dem Ziel, Vorbehalte abzubauen und Rahmenbedingungen für mehr Gemeinsamkeiten und dauerhafte Interaktion zu schaffen.

Ziel 12: Gruppenzwängen entgegenwirken

Durch verschiedene Rollen, Funktionen und Aspekte des Lebens leben alle Menschen – teils unbewusst, teils selbst gewählt – in einer Vielzahl von Beziehungen sowie wechselseitiger Abhängigkeiten. Nicht nur Politik und Verwaltung, sondern auch Familie, Umfeld oder Vereinsmitglieder haben diese Bezüge wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Die Gesellschaft hat darauf hinzuarbeiten, dass der soziale Status einer Gruppe oder traditionelle Erwartungen der Familie nicht Entwicklungschancen der Einzelnen gegen ihren Willen beeinträchtigen: Aufstiegsmöglichkeiten können auch Möglichkeiten einer Befreiung aus dominanten Gruppenzwängen bedeuten.

Das Problem, dass immer wieder verschiedene Gruppierungen einander fremd gegen- überstehen oder dass einige mit 'der Richtung' der Gesamtgesellschaft oder 'dem Verhalten' anderer Generationen nicht einverstanden sind, darf also nicht zu unangemessenem Druck auf Mitglieder oder zur Abwendung einer Gemeinschaft vom öffentlichen Leben führen. Es ist dabei Aufgabe der staatlichen Gemeinschaft, auch die Interessen derjenigen, die sich nicht organisiert äußern, oder der minderjährigen Bevölkerung gleichberechtigt abzuwägen sowie über die Erziehung und freie Religionsmündigkeit der Heranwachsenden zu wachen. Es kann dabei außerdem Aufgabe von Staat und Verwaltung sein, Vertretungsansprüche von Personen und Institutionen zu hinterfragen. Die Beeinflussung, Förderung oder Finanzierung von Gruppen durch andere Staaten ist ein Eingriff in unsere Gesellschaft, der nicht wünschenswert ist.

Die Stadt Frankfurt möchte nicht nur die öffentliche Repräsentation von Gruppen, sondern zugleich ihre Öffnung und Teilhabe an unserer Gesellschaft fördern. Erfolglosigkeit oder andere Enttäuschungen haben bei vielen Menschen, ob eingewandert oder nicht, zur Folge, dass sie sich in eine idealisierte eigene oder kulturelle Vergangenheit zurückziehen. Dem ist entgegenzuwirken: Gruppen haben zu akzeptieren, dass sie selbst und ihr Platz in der Gesellschaft veränderlich sind und dass nicht zuletzt jede Generation neue Ansprüche stellt. Religionsgemeinschaften haben zu respektieren, dass es keinen Bekenntniszwang gibt und dass unser gemeinsames öffentliches Leben weltanschaulich neutral ist. Insbesondere sollen 'Kulturen' oder Bekenntnisse nicht als Argument missbraucht werden, weder zur Diskriminierung noch zur Selbstrechtfertigung. Repressionen gegen Einzelne oder gar Gewalt in der Familie werden nach geltender Rechtslage verfolgt.

Ziel 13: Besondere Hilfestellungen leisten

Ein kollektives Verhalten ist nicht nur durch kulturelle Zugehörigkeitsgefühle oder ein in Generationen, Szenen oder Milieus übliches Verhalten bestimmt, sondern auch durch den sozialen Status und die Möglichkeiten ihrer Mitglieder. Gerade in Frankfurt haben sich die einzelnen typischen Milieus und Schichten jeder modernen Gesellschaft zunehmend internationalisiert. Von sozialer Benachteiligung, wachsender Unterschiedlichkeit, von Preisschwankungen auf dem Wohnungsmarkt oder von Konkurrenzdruck und wachsenden Anforderungen im Berufsleben sind einige jedoch mehr betroffen als andere, und zwar oft unabhängig von ihrer Herkunft oder Aufenthaltsdauer.

In allen Einwanderungsgesellschaften kommen verschiedene Nationalitäten zu unter- schiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen an. Daher bedürfen manche dieser Gruppen unter Umständen besonderer Hilfen. Alle Menschen wünschen sich eine aussichtsreiche Zukunft – und Eltern wollen das Beste für ihr Kind – aber nicht alle haben die erforderlichen Ressourcen oder Erfahrungen, sich selbst oder andern adäquat zu helfen. Der Wandel und die Internationalisierung unserer ökonomischen Grundlagen hat inzwischen fast alle Bevölkerungsteile Frankfurts erreicht, aber nicht alle können davon in gleicher Weise profitieren. Armutsrisiken haben sich verstärkt, und nicht alle finden sich in der neuen Realität einer 'Global City' Frankfurt zurecht.

Als Ballungszentrum ist Frankfurt ein Ort, an dem viele Menschen 'ihr Glück versuchen' und bleiben, auch Flüchtlinge. Viele Menschen bleiben in unserer Stadt ohne einen offiziellen Aufenthaltsstatus. Auch diese Gruppen bedürfen angemessener Hilfe.

Die übergeordneten Ziele von Gleichheit und Chancengerechtigkeit erfordern es, die sozialen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Teilhabe und Integration ernst zu nehmen. Zum Erfolg wird keiner getragen, aber es gibt neben persönlichem auch strukturelles und institutionelles Versagen. Das Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes anerkennt, dass einzelne Mitglieder besonderer Hilfe bedürfen, auf die sie in nicht diskriminierender Weise Anspruch haben. Die Stadt Frankfurt stellt sich außerdem humanitären Verpflichtungen – z.B. gegenüber Flüchtlingen oder Menschen ohne Aufenthaltsstatus, denen z.B. in ihren Zugangsmöglichkeiten zu Gesundheitsleistungen oder zum Bildungssystem geholfen werden soll.

Demokratische Kultur

Nur wer die 'Spielregeln' einer Gesellschaft verstanden hat, kann in ihr den eigenen Werdegang gestalten. Unser Miteinander wird getragen durch das Werteverständnis des Grundgesetzes. Seine Prinzipien garantieren nicht nur Freiheit und Gleichberechtigung jeder und jedes Einzelnen, sondern richten Ansprüche an jeden von uns, auch für den Umgang mit Unterschieden und Konflikten.

Zu unserer politischen Kultur, die sich auch im Umgang in der Nachbarschaft, an Schulen oder im Arbeitsleben spiegelt, gehören außerdem die Regeln eines respektvollen Verhaltens und einer angemessenen Diskussionskultur.

Gemeinsame Entscheidungsfindung

In einer demokratischen Gesellschaft ist Freiheit immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.

Diese Spannung auszuhalten – im Sinne eines guten Zusammenlebens – ist ein Wesenszug einer freien Gesellschaft und eine Grundlage für eine gleichberechtige Gestaltung unseres guten Zusammenlebens in Frankfurt.

Ziel 14: Demokratische Abläufe vermitteln

Demokratische Gesellschaften sind offen für Entwicklungen auf der Grundlage wechselnder Meinungen und Mehrheiten bei gleichzeitiger Verantwortung gegenüber Minderheiten. Auch gemeinsame Normen und Werte entstehen und gelten als eine Folge von gemeinsamem Erleben und gemeinsamem Gedächtnis. Auch die Errungenschaften und Grundsätze unserer Rechtsordnung entspringen historischen Erfahrungen – teils einer langen europäischen Tradition, teils erst der jüngeren Geschichte – und haben in den Jahrzehnten seit der Gründung der Bundesrepublik ein neues Verständnis des Staatsbürgers und der politischen Gemeinschaft ermöglicht.

Dieses Fundament kann nicht einfach vorausgesetzt werden, sondern muss für alle – und insbesondere für neue und junge Mitglieder unserer Gesellschaft – als eigener Bezugspunkt erfahrbar werden.

Wir alle müssen uns bewusst sein, dass wir Gemeinsamkeiten und unsere Identität als Gesellschaft nicht einfach vermitteln können, sondern ständig neu herstellen müssen. Jedes Zusammenleben verlangt nicht nur Verständnis für Minderheiten und andere Sichtweisen, sondern den aktiven Umgang mit unterschiedlichen Erwartungen an gegenseitiges Verhalten und an gemeinsam getragene Institutionen, wie z.B. die Schule oder Kultureinrichtungen. Man kann selten in allen Punkten Konsens finden, und Konflikte müssen ausgetragen werden. Es liegt an jeder und jedem Einzelnen, wechselseitige Positionen und Erwartungen klar zu benennen. Im Konfliktfall ist es wichtig zu wissen, aus welchen Voraussetzungen und Erfahrungen die oder der jeweils andere argumentiert.

Ziel 15: Mitsprache und  Beteiligung sicherstellen

Jede Gemeinschaft benötigt die Beteiligung und den Zusammenhalt ihrer Mitglieder. Demokratie ist auf Demokraten und auf die Einhaltung demokratischer Verfahren angewiesen. Die Einbindung und Beteiligung einer möglichst großen Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern bei möglichst vielen Anlässen – z.B. bei Anhörungen, in Vereinen, Elternbeiräten und Nachbarschaften – ist das beste Mittel gegen die befürchtete Entstehung von Parallelgesellschaften. Dies er- fordert immer wieder neue und andere Formen der Einladung, Ansprache und Diskussion sowie in der Information. Auch die Medien sind hier gefordert, sowie die eigene Bereitschaft, aller Gruppen, sich auch selbst zu Wort zu melden und sich am öffentlichen Diskurs aktiv zu beteiligen.

Auch grundsätzlich empfundene Distanz kann oft überwunden werden, indem man über konkrete Dinge redet. Selbst Streitfälle deuten auf einen gemeinsamen Bezugs- punkt und sind nicht von vornherein ein Zeichen scheiternder Integration. Unsere Demokratie rechnet mit Unterschieden und setzt zugleich Standards, wie mit Dissens um- zugehen ist. Diese Standards sind allen Bürgerinnen und Bürgern zu vermitteln.

Die Stadt Frankfurt wird weiterhin eine offene Diskussionskultur pflegen. Konflikte sollen nicht übergangen werden, sondern sind respektvoll zu lösen. Da- für ist auch die politische Bildung zu verstärken und das allgemeine Verständnis für die Regeln und Anforderungen unserer Gesellschaft zu verbessern. Neue Bürgerinnen und Bürger, ob neu Zugezogene oder Heranwachsende, müssen erleben können, woran sie sich orientieren sollen. Vorbilder müssen glaubhaft und erreichbar sein.

Ziel 16: Offenheit für neue Einwohner und Mitglieder kommunizieren

Frankfurt kann als Stadt nicht selbst darüber entscheiden, welche Menschen zu uns kommen. Möglichst alle Einwohnerinnen und Einwohner sind jedoch am öffentlichen Leben und an der Entscheidungsfindung zu beteiligen. Bei Kommunalwahlen sind Einwohnerinnen und Einwohner mit Unionsbürgerschaft deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern bereits gleichgestellt, unabhängig von ihrer Aufenthaltsdauer und ihren Sprachkenntnissen. Unsere Demokratie ist darüber hinaus offen für alle neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, gleich welcher Herkunft, Sprache, Überzeugung, welchen Geschlechts und Alters.

Integration ist keine 'Einbahnstraße'. An die Menschen, die sich entschieden haben, hierherzukommen, darf unser Gemeinwesen Erwartungen richten. Aber auch umgekehrt hat unsere Gesellschaft die Erwartungen derer zu akzeptieren, die wir aufgenommen haben oder die hier geboren sind. Zu unserer Offenheit für neue Mitglieder gehört es, Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt auch dann im Alltag als gleichberechtigt oder als Deutsche anzuerkennen, wenn sie anders aussehen, heißen oder mit einem fremden Akzent sprechen. Wir können erwarten, dass sich neue Bürgerinnen und Bürger oder bislang geschlossen erscheinende Gruppen auf unsere Stadtgemeinschaft einlassen, wenn wir ihnen auch selbst offen begegnen.

Eine aktive Willkommenskultur zu pflegen, betrifft jede und jeden Einzelnen von uns. Dazu gehört, nicht zuerst nach der Herkunft, sondern nach der Persönlichkeit und den Fähigkeiten jeder und jedes Einzelnen fragen. Die Stadtpolitik betrachtet ausländische Einwohnerinnen und Einwohner als mögliche zukünftige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, ermuntert sie zur Einbürgerung und leistet Einbürgerungswilligen Hilfestellungen. Jede Bürgerin und jeder Bürger Frankfurts soll nicht nur andere Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, sondern alle Einwohnerinnen und Einwohner als Mitglieder unserer Stadtgesellschaft ansehen.

Neutralität von Politik und Verwaltung

Wer anderen selbst Respekt zeigt, kann auch Respekt einfordern, zum Beispiel Respekt vor diesem Land und vor seinen Werten, vor dieser Stadt und ihrer Geschichte.

Wer für sich und seine Familie die Entscheidung trifft, in dieser Stadt zu leben, der muss unsere Werteordnung für sich annehmen und sie aktiv vertreten. Sofern diese Voraussetzung erfüllt ist, garantiert unsere Rechtsordnung Neutralität bei gleichzeitigem Vorrang des Gemeinwohls gegenüber Partikularinteressen, welcher Seite auch immer.

Ziel 17: Freiräume von Religion  und  Kultur anerkennen

Die Weltsicht von Religionen denkt über den säkularen Staat hinaus. Auch unsere Gesellschaft und Rechtsordnung steht in einer kulturhistorischen Tradition, die Staatsideologien skeptisch gegenüber steht. Unser Staat vertritt rechtsethisch selbst bestimmte Werte, verhält sich jedoch nicht nur religiös-weltanschaulich neutral, sondern ist darüber hinaus 'kulturoffen'. Eine praktizierte Religion oder eine gelebte Kultur ist auch ein Ausdruck der Selbstvergewisserung darüber, was im Leben erstrebenswert, richtig oder angemessen ist. In der Fremde oder in einer sich schnell verändernden Welt gewinnen Glaube und Herkommen für viele Menschen neue Bedeutung als ein Halt oder Maßstab.

Die Pflege unterschiedlicher Kulturen oder Religiosität ist als ein Ausdruck selbstbestimmter  Lebensführung  anzusehen  und  anzuerkennen.  In  unserer  Gesellschaft gelten jedoch nicht mehrere Ordnungen nebeneinander. Allen garantiert ist die Neutralität des Rechtsstaats und der Vorrang der geltenden Gesetze gegenüber jeder Glaubensgemeinschaft und Minderheit – z.B. in Fragen von Bildung und Erziehung. Das Grundgesetz gewährt dem Staat keine Mitsprache in der Bestimmung von Glaubensinhalten oder der inneren Organisation anerkannter Religionsgemeinschaften. Bis zur Religionsmündigkeit mit Vollendung des 12. bzw. 14. Lebensjahrs entscheiden die Eltern über die religiöse Erziehung ihrer Kinder, danach diese selbst. Stadt und Staat können von sich aus keinen interreligiösen Dialog führen.

Die Freiheit religiöser Überzeugungen ist in unserer Rechtsordnung nicht nur im Privatleben diskriminierungsfrei zu gewährleisten: Das Grundrecht der freien Religionsausübung – wie auch der negativen Religionsfreiheit – gilt auch im öffentlichen Leben. Unter besonderen Voraussetzungen können Religionsgemeinschaften sogar als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt werden.

Grundlage von Integrationspolitik ist nach unserer Rechtsordnung die grundsätzlich gleiche Offenheit unseres Staates gegenüber allen Religionsgemeinschaften, auch neu entstehenden. Die Stadtpolitik wird eine positive Rolle der Religionsgemeinschaften fördern und einfordern, sowie im öffentlichen Raum die gleichberechtigte Anerkennung und Ausübung religiöser Überzeugungen sicher- stellen. Wir wollen das soziale Miteinander von Religionsgemeinschaften ermutigen und fördern. Menschen, die aus Ländern kommen, in denen eine strikte Trennung von Religion und öffentlichem Leben oder eine engere Verbindung einer bestimmten Religion mit Politik und staatlichem Handeln herrscht, ist die Rolle von Religionsgemeinschaften und öffentlich-rechtlichen Körperschaften in unserer Rechtsordnung zu vermitteln. Spirituelle Begleiter ihrer Gemeinden, die aus anderen Ländern kommen, sind in geeigneter Weise bei der Wahrnehmung ihrer öffentlichen Mittlerrolle zu unterstützen und die Öffentlichkeit über ihre Funktion genauer unterrichten. Wir wollen auch andere, nicht-religiöse Weltanschauungen gleichberechtigt achten und behandeln.

Ziel 18: Gleiche Rechte akzeptieren

An unserem Gemeinwesen wird sich nur konstruktiv beteiligen, wer im Rahmen des Grundgesetzes darauf vertrauen kann, dass der Staat seine Lebensweise und die Artikulation seiner Weltanschauung oder Religion schützt. Dieser Rechtsschutz beinhaltet jedoch nicht staatliche Maßnahmen zum Erhalt einzelner kultureller, geschichtlicher oder religiöser Milieus. Unser öffentliches Leben orientiert sich an einer gleichen neutralen Distanz zu allen Gruppen, Überzeugungen und Glaubensrichtungen, die auf dem Boden der Rechtsordnung stehen.

Toleranz bedeutet, wörtlich übersetzt, etwas ertragen, aushalten können – z.B. andere Blickwinkel und andere Meinungen. Unser Zusammenleben verlangt jedoch mehr als nur eine solche bloße Duldung anderer Lebensweisen. Unser Miteinander als Stadtgesellschaft entscheidet sich an regelmäßigen Beziehungen zueinander, die erst eine genauere gegenseitige Kenntnis und Wertschätzung ermöglichen. Vorurteile, Missverständnisse und Benachteiligungen am Arbeitsplatz oder sonst im Alltag, falsche Einschätzung bei Prüfungssituationen und Entscheidungen haben verschiedene Ursachen. Nicht selten sind es Misstrauen und fehlende Kenntnis, die aus fehlender Begegnung resultieren.

Die Stadt Frankfurt ist für alle gleichermaßen da. Auch Migrantinnen und Migranten sowie Drittstaatsangehörige, die keine Unionsbürgerschaft besitzen, werden durch Grundrechte geschützt. Auf dem Boden unserer freiheitlich- demokratischen Grundordnung gibt es keine Bevorzugung einzelner Gruppen. Dies muss allen klar sein. Die Stadtpolitik wird aber nicht nur dieses Fundament gleichberechtigter 'Anerkennung' vermitteln, sondern in allen Lebensbereichen Begegnung, wechselseitige Öffnung und ein genaueres Verständnis für andere fördern. Bei der Gestaltung offizieller Anlässe sollen die verschiedenen Gruppen unserer Stadtgesellschaft gleichermaßen angemessen berücksichtigt werden.

Ziel 19: Internationale Beziehungen berücksichtigen

Neben dem deutschen und dem europäischen Recht zur Förderung der Integration, zur Regelung der Zuwanderung und zum Schutz gegen Diskriminierungen binden unsere Stadt auch internationale Abkommen und Konventionen, wie z.B. solche des Europarates und der Vereinten Nationen zum Schutz von Kindern, Menschen mit Behinderung und Flüchtlingen oder zu Fragen der Antidiskriminierung und Integration. Auch die nationale Rechtsprechung sowie die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte setzen unserer kommunalen Politik klare Rahmenbedingungen.

Außenpolitische Beziehungen – auch solche fremder Staaten untereinander – sowie die Innenpolitik anderer Länder werden von vielen Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern aufmerksam und zum Teil mit persönlicher Betroffenheit verfolgt. Internationale Konflikte sind immer wieder geeignet, auch unsere Nachbarschaften zu belasten. Jeder und jedem steht es frei, das Demonstrationsrecht auszuüben. Wir alle dürfen aber voneinander erwarten, in der Wortwahl einander nicht zu verletzen und externe Konflikte nicht in unsere Stadt zu tragen.

Als Stadt von weltweiter Bekanntheit soll Frankfurt in der Integrationspolitik internationale Maßstäbe erreichen und selbst setzen. Die Beziehungen der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger in alle Welt sind auch dafür eine Grundlage. Die Stadt Frankfurt wird diese internationalen Beziehungen, gerade auch in ihre Partnerstädte, fördern und zu einem besseren Verständnis unseres Zusammenlebens nutzen. Die internationalen Erfahrungen unserer Einwohnerinnen und Einwohner sind ein Fundament an Wissen und Fähigkeiten für ein besseres Verständnis des Weltgeschehens, das viele Frankfurterinnen und Frankfurter sogar in ihrer eigenen Familie betrifft.

Frankfurter Stadtgesellschaft

Im Laufe der neueren Geschichte ist die Wahrscheinlichkeit, sein Leben am gleichen Platz zu verbringen, immer geringer geworden. Migration ist historisch jedoch kein außergewöhnlicher sozialer Prozess, auch wenn er biographisch oder gesellschaftlich immer wieder so erfahren wird. Deutschland war oft Einwanderungs- und Auswanderungsland, im Wechsel oder beides zu- gleich. Der Blick in die Geschichte, auch in die anderer Länder, zeigt nicht nur die Normalität, sondern auch die lange Dauer von Integrationsprozessen.

Städte waren immer schon Orte von Integration, andererseits von Antagonismen. Jede Stadt ist das Ergebnis von Wanderungsbewegungen. Einwanderung ist eine Lebensgrundlage von Städten, die ihren Einwohnerinnen und Einwohnern immer schon Schutz, Freiräume und neue Möglichkeiten boten.

Geschichte differenziert vermitteln

In Frankfurt zu Hause zu sein, heißt an einem Ort zu leben, der eine besondere Geschichte hat. Die Frankfurter Geschichte hat Raum für viele Traditionen. In unserer Stadt und in unserem Land gibt es eine besondere Erinnerungskultur, die an bleibende Werte erinnert, aber auch Lehren aus der Geschichte zieht, die für alle gleichermaßen bindend sind.

Ziel 20: Traditionsbildung wahrnehmen

Nicht nur durch eine lange Geschichte als Marktort und durch die großen Frühjahrs- und Herbstmessen war das Bevölkerungswachstum unserer Stadt stets maßgeblich durch Zuwanderung bestimmt. Zu allen Zeiten prägten Frankfurt komplizierte Beziehungen verschiedener Gruppen, die ihre Anwesenheit und Tätigkeit aus ganz unterschiedlichen Rechten ableiteten. Aufgrund seiner zentralen Lage und seiner Rolle als überregionales Zentrum war Frankfurt immer schon für viele Menschen eine erste Anlaufstelle, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Zumal nach 1945 fanden nicht nur viele Deutsche aus dem östlichen Europa, sondern auch die sog. 'Gastarbeiter' mit ihren Angehörigen in unserer Stadt eine neue Heimat. In den letzten Jahrzehnten kamen viele Menschen aus der ganzen Bundesrepublik und aus immer mehr Ländern in unsere Stadt.

Unsere Stadtgeschichte ist seit Jahrhunderten eine Geschichte stetig gewachsener Gemeinsamkeit, aber auch wiederholter religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Spannungen. Zu unserer Geschichte gehört die lange Tradition bürgerlicher Selbstverwaltung und die allmähliche Überwindung einer hierarchischen Stadtgesellschaft. Die Frankfurter Geschichte kennt weitsichtige Entscheidungen wie auch die Erfahrung, dass immer wieder Chancen verschenkt wurden.

Die Pluralität von Geschichtsinterpretationen ist ein Teil unseres Lebens. Die Wahrnehmung von Geschichte – eigener und fremder – ist immer auch ein Ausdruck von Interpretation und Symbolisierung, die aufmerksam aber auch respektvoll zu hinterfragen ist, im Sinne eines Bemühens um objektive Wahrheitsfindung. Die Stadt Frankfurt setzt es sich zur Aufgabe, in der geteilten Wahrnehmung ihrer Bürgerinnen und Bürger die verschiedenen Ansichten Frankfurts als Bürgerstadt, seine Kultur und Ökonomie als Zuwandererstadt und seine weltstädtischen Qualitäten als globales Zentrum zu berücksichtigen und zusammenzuführen. Da- bei wird erwartet, dass sich auch neu Hinzuziehende mit der deutschen Geschichte und historischen Zusammenhängen auseinandersetzen.

Ziel 21: Historische Verpflichtungen annehmen

Integration heißt, an einem bestimmten Ort zu- hause zu sein. Dies bedeutet, auch an seiner Geschichte und Erinnerungskultur teilzuhaben. Für die jetzt lebenden Generationen sind Erfahrungen von Diktatur, Krieg und Vertreibung, die fortdauernde Verantwortung für das Verbrechen des Holocaust und der Verfolgung von Minderheiten und Andersdenkenden wie auch die Aufnahme in die sog. westliche Wertegemeinschaft sowie Fragen nach einer neuen staatlichen Identität von großer Bedeutung.

Wer in unserer Stadt dauerhaft lebt, teilt diese Verantwortung und kann sich ihr nicht entziehen mit dem Hinweis, er selbst oder seine Familie komme nicht von hier. Durch Zuwanderung und den Wandel von Generationen werden aber auch andere historische Erfahrungen und die Erinnerungen neuer Einwohnerinnen und Einwohner integraler Teil unserer Stadtgesellschaft.

Bei aller Vielfalt von Erinnerung verpflichtet unsere städtische Geschichte und Kulturgeschichte zu Werten und zu historischer Verantwortung, die von allen anzuerkennen sind und die daher allen vermittelt werden müssen. Um diese zu einem Teil des Selbstverständnisses unterschiedlicher Menschen werden zu lassen, wird die Stadt dafür bei den verschiedenen Gruppen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen geeignete Anknüpfungspunkte schaffen. Dies verlangt eine Erinnerungs- und Verantwortungskultur, die ihrerseits auf Veränderungen und andere Sichtweisen immer wieder neu reagieren muss.

Ziel 22: Traditionen vermitteln und hinterfragen

In früheren Jahrhunderten hatte Frankfurt eine besondere Bedeutung als Krönungsstadt der deutschen Kaiser und als freie Reichsstadt in einem in viele unabhängige Territorien aufgesplitterten Land. Die Frankfurter Geschichte steht damit auch für eine gemeinsame Tradition regionaler und internationaler Unterschiede. Als bedeutendes historisches Zentrum und als durch Zuwanderung groß und reich gewordene Stadt kennt die Frankfurter Stadtgeschichte viele widersprüchliche Erfahrungen von Toleranz und Ausgrenzung, von Krieg und Frieden, verschiedene Wellen von Einwanderung und Auswanderung. Frankfurt hat die Aufklärung ebenso erlebt wie Nationalismus, Kolonialismus und Faschismus sowie die sozialen Bewegungen und Bürgerrechtsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Auch heute versammelt Frankfurt unterschiedliche historische Erinnerungen und Sicht- weisen verschiedener Generationen, Religionen und Länder, die von Menschen auf ihre je eigene Weise gepflegt und tradiert werden. Wir wollen diese Erfahrungsgemeinschaften als Teil unserer gemeinsamen städtischen Geschichte ansehen und behandeln.

Die besondere historische Rolle unserer Stadt bietet viele Anlässe, sich mit anderen Sichtweisen auf die regionale und internationale Geschichte zu beschäftigen. Die Stadt Frankfurt wird weiterhin Gedenk- und Feiertage unterschiedlicher Gruppen im öffentlichen Leben wie auch im Alltag unserer Bildungseinrichtungen berücksichtigen und vermitteln. Teils widersprüchliche geschichtliche Erfahrungen anderer Länder sind Teil des historischen Bewusstseins unserer Stadtgesellschaft geworden. Das Verständnis für Kultur und Geschichte unserer Stadt schafft zu- gleich Voraussetzungen dafür, dass neue Bürgerinnen und Bürger diese mitgestalten und weiterentwickeln können.

Ziel 23: Bürgerengagement und Zivilgesellschaft fördern

Bis heute prägt Frankfurt eine besondere Tradition als Bürgerstadt, die dem persönlichen Engagement und Mäzenatentum seiner Einwohnerinnen und Einwohner und ihrer Unternehmen viel verdankt. Als Stadt der Paulskirche steht Frankfurt zugleich für eine parlamentarische Tradition, die auch in unserem Land erst errungen werden musste und die in weiten Teilen der Welt immer noch nicht selbstverständlich ist.

In seiner Tradition als Stadt steht Frankfurt zugleich für urbane Freiräume individueller Lebensgestaltung und verbindet heute eine Vielfalt an Kulturen, Subkulturen und Milieus, alle Generationen und Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Vorlieben, Lebenserfahrungen und Lebensformen. Magistrat und Stadtverordnetenversammlung haben sich wiederholt zu einer Politik bekannt, die dieser in der Bevölkerung real bestehenden Vielfalt Rechnung trägt.

Frankfurt ist eine Stadt, die wie wenige andere vom Kommen und Gehen vieler Menschen, von der Arbeit und den Biographien neu zugezogener Bürgerinnen und Bürger geprägt wurde. Die Frankfurter Stadtpolitik sieht in einer weltoffenen Politik eine wichtige Tradition der Frankfurter Geschichte und ein zentrales identitäts- stiftendes Merkmal der Stadtgesellschaft als internationaler Bürgerstadt, das in der Darstellung unserer Stadtgemeinschaft vermehrt kommuniziert werden soll.

Kleinräumige Vielfalt bewahren

Die Frankfurter Stadteile sind der engste und erste Bezugsraum unserer Bürgerinnen und Bürger und zugleich ein geographisches Mosaik ausgeprägt empfundener Identitäten. Das heutige Frankfurt ist aus verschiedenen Siedlungen entstanden und auch im Bewusstsein der einzelnen Stadteile eine historisch gewachsene Stadt.

Die positive Bindung an ein eigenes, unverwechselbares Viertel ist eine besonders tragfähige Grundlage von Integration und Teilhabemöglichkeiten.

Ziel 24: Parallelgesellschaften entgegenwirken

Frankfurt ist heute eine Stadt, in der es keine von einzelnen ethnischen Minderheiten geprägten Stadtteile gibt. In jedem einzelnen Quartier besteht eine jeweils eigene Fülle an Beziehungen, nicht zuletzt aufgrund der Kleinteiligkeit und ausgeprägten Binnendifferenzierung der Frankfurter Einwanderungsgesellschaft, die in unserer Stadt vielfältiger ist als andernorts.

Menschen handeln auf der Basis gemachter Erfahrungen. Einmal erworbene Handlungsmuster oder Ansichten ändern sich nur noch selten. Eine Politik der Vielfalt zielt daher auf einen weiten Wahrnehmungshorizont unserer Bürgerinnen und Bürger. Stadtplanung, Wohnungspolitik und zahlreiche Einzelmaßnahmen tragen dazu bei, dass unterschiedliche Menschen schon seit frühester Kindheit in ihrem Alltag Verschiedenheit als Normalität begreifen und damit umzugehen lernen.

Die Stadt Frankfurt wird in Stadtplanung, Wohnungspolitik und begleiten- den Maßnahmen die Vielfalt vor Ort weiter fördern. Ziel ist es, weder Parallelgesellschaften noch einen Gegensatz von 'Zentrum' und 'Peripherie' aufkommen zu las- sen. Dazu bedarf es Stätten der Begegnung – ob in der Platzgestaltung, in Wohnungsanlagen, in Stadtteilzentren, in Form von Elterncafés oder in gemeinsamen Veranstaltungen von Bürgerhäusern, Kultureinrichtungen, Vereinen oder Kleinkunstbühnen. Als Instrument eines niedrigschwelligen Zugangs zur Verwendung der deutschen Sprache, und um 'Sprachlosigkeit' zu überbrücken, können auch mehrsprachige Angebote sinnvoll sein.

Ziel 25: Bestehende Strukturen nutzen und fördern

Die Stadtteile Frankfurts, vertreten durch die gewählten Ortsbeiräte, sind der erste politische Bezugspunkt unserer Bürgerinnen und Bürger. Das Engagement in politischen Parteien, Verbänden und Vereinen oder einfach in der Nachbarschaft steht allen offen, unabhängig von Nationalität, Herkunft oder Aufenthaltsdauer. Auch Migrantenorganisationen und Kulturvereine haben eine wichtige Brückenfunktion, wenn sie Anschluss finden an Netzwerke anderer Menschen im Stadtteil: Das Festhalten an Gewohntem stabilisiert und erleichtert den Umgang mit Fremdem. Umgekehrt wird sich das, was einem bislang vertraut war, im Laufe der Zeit und durch Begegnung verändern und um neue Aspekte erweitern.

Die Stadtteile sind das Umfeld von Bildungseinrichtungen und karitativen Institutionen, ein organisatorischer Bezugspunkt von privatem Engagement, von Vereinen, Bürgerinitiativen, Vereinigungen von Unternehmern, Hausbesitzern, von religiösen Gemeinden und ehrenamtlichem wie professionellem Engagement von Wohlfahrtsverbänden. Die privat übernommene Verantwortung und die persönlichen Netzwerke sind ein besonderer Reichtum Frankfurts und ein Erfahrungsschatz, den Politik und Verwaltung nutzen und fördern sollen.

Die Stadt Frankfurt betont und fördert die Bedeutung und Verantwortung von lokalen Initiativen. Vielfalt soll auch in der unmittelbaren Nachbarschaft grundsätzlich als ein Vorteil und als eine Bereicherung wahrgenommen werden. Dabei hilft es, wenn Vereine, Vereinsringe und Initiativen neue und andere Mitglieder aufnehmen oder verstärkt zusammenarbeiten. Dies erfordert von öffentlicher Seite eine Beratung in der Neuausrichtung von Strukturen, bei der Ansprache neuer Gruppen, der Umstellung von Abläufen und Angeboten sowie ggf. eine veränderte Förder- und Informationspolitik. Dies erfordert umgekehrt die zu fordern- de und zu fördernde Bereitschaft von Zielgruppen, von solchen Angeboten Gebrauch zu machen und an Initiativen teilzunehmen.

Ziel 26: Veränderungen ernst nehmen

Frankfurt ist eine Stadt der kleinen Wege und hat auch auf dem eigenen Stadtgebiet oft den Charakter einer Wegekreuzung. Nicht nur unser kulturelles Erbe und das architektonische Stadtbild sind international, auch in der engsten Nachbarschaft pflegen unsere Bürgerinnen und Bürger Beziehungen in andere Regionen und Länder. Frankfurt vereint in sich den Charakter einer Weltstadt mit klein- städtischem Flair.

Die Frankfurter Stadtviertel haben ihre je eigene Geschichte. Diese Geschichte geht weiter: In einer vielschichtigen Wechselwirkung verändern wirtschaftlicher Wandel und die Arbeitsplatzsituation, neues Stilempfinden, Trends und Infrastrukturmaßnahmen, Zu- und Wegzüge sowie das Bevölkerungswachstum die Frankfurter Stadtviertel. Das enge Miteinander einer internationalen, hektischen Metropole mit einer typischen Skyline und ruhigerem Leben in unterschiedlichen Stadtteilen ist eine Besonderheit Frankfurts und bietet nicht zuletzt vielen unterschiedlichen Menschen unmittelbare Bezugspunkte, sich in unserer Stadt dauerhaft zuhause zu fühlen.

Veränderungsprozesse in den Frankfurter Stadtteilen werden erfasst, analysiert und begleitet. Die Kleinräumigkeit unserer Stadt kann dabei integrationspolitisch genutzt werden. Ein negatives 'Image' von Stadtvierteln kann eine eigene Dynamik auslösen. Dem soll durch Infrastrukturmaßnahmen, Projekte und verstärkte Öffentlichkeitsarbeit entgegenwirkt werden.

Das Ziel: eine lebendige Stadtgesellschaft

Grundlage kommunaler Integrationspolitik ist das Selbstverständnis, eine besondere Stadt zu sein, die sich von anderen Orten im In- und Ausland unterscheidet. Frankfurt soll eine solidarische vielfältige Stadtgemeinschaft sein, die schneller als andere in der Lage ist, über Unterschiede hinweg ein Ganzes herzustellen und besser auf Veränderungen zu reagieren, die auf uns alle zukommen.

Ziel von Integration ist nicht nur ein gutes Zusammenleben, sondern auch, die eigene Gesellschaft und die Welt besser verstehen zu lernen. Von uns allen wird die Einsicht abverlangt, dass in einer sich stets verändernden Welt auch unsere Stadt Veränderungen unterliegt.

Ziel 27: Menschen zum Bleiben bewegen

Frankfurt befindet sich in einem unaufhaltbaren demographischen Wandlungsprozess. In den kommenden Jahren wird sich die Zusammensetzung der Stadtbevölkerung weiter diversifizieren. Der Anteil der Frankfurter, die eine Migrationsgeschichte haben, wird weiter zunehmen. Als alternde und schrumpfende Gesellschaft wird Deutschland in Zukunft auf Zuwanderung angewiesen sein. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre in den Jahren nach 2020/30 aus dem Berufsleben ausscheiden werden, wird eine andere, zahlenmäßig kleinere Generation nachrücken mit vielen Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation. Die Kinder unserer 'bunt gemischten Schulklassen' werden die Führungskräfte von übermorgen sein müssen. Der 'Generationenvertrag' unserer Gesellschaft umfasst heute unterschiedlichere Gruppen als früher.

Abweichend von dem bundesweiten Trend ist Frankfurt auch in der mittelfristigen Prognose eine eher 'junge' und wachsende Stadt. Wie schon zu früheren Zeiten unserer Stadtgeschichte ist dies in erster Linie eine Folge von Zuwanderung und unserer Situation als einer im internationalen Städtewettbewerb erfolgreichen Metropole. Frankfurt ist jedoch keine Stadt mit einer Vielzahl junger Familien und ist zugleich von hoher Fluktuation geprägt: Rund die Hälfte unserer Bevölkerung lebt seit weniger als 15 Jahren in Frankfurt. Im gleichen Zeitraum erreicht die Zahl der Zu- und Wegzüge die Zahl der Stadtbevölkerung, die sich auf diese Weise statistisch einmal austauscht. Für die kommunale Integrationspolitik, aber auch für Arbeitgeber, für Vereine und viele persönliche Beziehungen bedeutet dieser ständige Wechsel eine Belastung.

Es ist Ziel Frankfurter Politik, Menschen zum Bleiben zu bewegen und Abwanderung zu verhindern, ob junge Familien, Studierende, Auszubildende oder Menschen, die nur für einen Lebensabschnitt nach Frankfurt kommen. Die Stadt Frankfurt soll auch denen eine Heimstätte sein, die andernorts verfolgt werden und Asyl erhalten. Es gilt anzuerkennen, dass sich mit wechselnden Rahmenbedingungen auch Gesellschaften verändern. Dies wird in Frankfurt wahrscheinlich zu einer weiter zunehmenden Vielfalt führen, die uns alle immer wieder vor neue Situationen stellen wird, die jedoch durch viele Anknüpfungspunkte auch selbst integrativ wirken kann. Sie ist daher als Ressource der Stadtentwicklung zu sehen und zu nutzen.

Ziel 28: Vielschichtigkeit anerkennen

Zu unserem Alltag als Stadt gehört die Erkenntnis, dass im Prozess einer fortschreitenden Integration neue Einwohner nicht nur Traditionen und Lebensweisen der bestehenden Stadtgesellschaft annehmen, sondern auch selbst durch ihre Erfahrungen und Eigenarten zur Weiterentwicklung der Stadtkultur beitragen. Unsere Stadt ist ein Lebensmittelpunkt, aber nicht der einzige Bezugspunkt der Menschen, die hier wohnen, für nicht wenige auch nicht die einzige Heimat. Viele Einwohnerinnen und Einwohner haben Familie in anderen Ländern und teilen ihre Zeit zwischen mehreren Orten auf. Zunehmend haben Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt mehrere Staatsangehörigkeiten. Durch binationale Eheschließungen und das Staatsbürgerschaftsrecht gibt es auch innerhalb ein und derselben Familie zunehmend verschiedene Nationalitäten.

Eine Vielfalt an Lebenswegen und Beziehungen wirken im Alltag unserer Stadt aufeinander ein. Menschen stellen sich je unterschiedlich auf sie ein, beeinflussen einander: wir alle verändern uns neben- und miteinander. Bei genauerem, vorurteilsfreiem Hinsehen oder in Folge von Begegnungen werden wir bemerken, dass es anderen, die uns zunächst fremd schienen, auf ihre eigene Weise vielleicht durchaus ähnlich geht wie uns selbst. Was die verbindlichen Grundlagen unseres Miteinander und die geltende Rechtslage anbelangt, wird die Stadt Frankfurt keine Grauzonen zulassen. Gleichwohl werden unser Miteinander sowie bereits die Vielzahl rechtlicher und sozialer Lagen immer wieder zu Situationen führen, die nicht sogleich eindeutig einzuschätzen sind und daher einer genauen Einzelfallprüfung bedürfen, an deren Ende vielleicht nur eine pragmatische Übergangslösung gefunden werden kann.

Alle Einwohnerinnen und Einwohner sollen Frankfurt als den Ort erleben, an dem sie zuhause sind. Aber wir alle haben zugleich anzuerkennen, dass es auch andere Bindungen und Zugehörigkeitsgefühle gibt, aufgrund familiärer Beziehungen, durch Freundschaften, als Folge eines beruflichen Lebenswegs, eines religiösen Bekenntnisses oder privater Interessen. Im vielfältigen Alltag einer lebendigen Metropole finden wir in vielen Bereichen ein 'Sowohl-Als auch' – und zunehmend empfinden auch einzelne Bürgerinnen und Bürger so. Die vielfachen und zum Teil engen Bezüge unserer Nachbarn in alle Welt sollen für unsere Stadt und für unser gemeinsames Selbstverständnis als Frankfurterinnen und Frankfurter produktiv werden können.