Verständigung: Sprache und Kommunikation

Eine gemeinsame Sprache, angemessene Ausdrucksfähigkeiten und die Akzeptanz anderer Akzente und Sprachverwendung sind die wichtigsten Voraussetzungen für gegenseitiges Verständnis und einen erfolgreichen Lebens- weg in unserer Stadt. Die Kenntnis anderer Sprachen vermittelt Zugänge in alle Welt und zusätzliche Chancen. Sprachen sind als Ausdruck von Identität anzuerkennen. Die von allen geteilte deutsche Sprache ist ein besonderes Zeichen von Gemeinsamkeit.

Erfolgreicher Spracherwerb hat viele Voraussetzungen, die in der Zusammenarbeit verschiedener Fachverwaltungen und städtischer Partner gelegt werden müssen. Es gilt aber auch, die Kommunikationsfähigkeiten aller Bürge- rinnen und Bürger, insbesondere ihre Deutschkenntnisse, zu fördern und Räume und Anlässe zu schaffen, Sprachkenntnisse gemeinsam anzuwenden. Sprachen müssen gesprochen werden. Die Kommunikation mit Menschen anderer Muttersprachen ist eine besondere Sprechsituation, für die städtische Einrichtungen, aber auch die Öffentlichkeit sensibilisiert werden sollten.

Handlungslinie 19: Frühe Deutschförderung ausbauen.

In der Frühförderung reichen Einzelmaßnahmen nicht aus; es bedarf vielmehr eines ganzheitlichen Ansatzes. Spracherwerb, zumal der von Deutsch als Zweitsprache, kann nicht allein durch Unterrichtsstunden gelingen, sondern muss das Lebensumfeld und die Umgebungssprachen der Kinder berücksichtigen. Früher Deutscherwerb anderssprachiger Kinder ist daher durch die Förderung deutschsprachiger Kontakte in ihrer Umgebung zu ergänzen. Spracherwerb wird durch eine stabile und harmonische Lebenssituation gefördert so- wie durch natürliche Lernsituationen. Wir wollen daher auch übergreifende Formen wie z.B. Eltern-und-Kind-Kurse, Nachmittagsgruppen und Spiel- oder Lesegruppen fördern, Erziehungsberechtigte und Familien stärken und auch selbst fortbilden.

Handlungslinie 20: Spracherwerb begleiten.

Der Erwerb einer fremden Sprache fordert von den Lernenden große Anstrengungen und verlangt geeignete Unterstützung. Spracherwerb ist daher fortlaufend zu begleiten. Dabei sind in der Konzeption von Maßnahmen und Angeboten Übergangssituationen in der Bildungs- und Berufsbiographie besonders zu berücksichtigen. Die Stärkung berufsbezogener Deutschkenntnisse für einen erfolgreichen Übergang von Schule und Ausbildung bzw. Schule und Beruf muss unsere besondere Aufmerksamkeit finden. Für Kinder und Jugendliche können Patenschafts- und Ferienprojekte den Zugang zu Sprachen verstetigen und intensivieren. Besondere Aufmerksamkeit erfordert der weitere Spracherwerb von Erwachsenen mit einer unterbrochenen Bildungsbiographie; in besonderen Fällen gehören dazu auch Alphabetisierungskurse. Frauen, die nach einer längeren Kindererziehung neue Kontakte oder den Weg zurück ins Berufsleben suchen, verdienen unsere besondere Unterstützung. Bei der berufsbezogenen Sprachförderung wollen wir berücksichtigen, dass in vielen Berufen – und zumal in Frankfurt – Fremdsprachenkenntnisse erforderlich oder hilfreich sind. Auch die ältere Generation, die in einem langen Arbeitsleben keine Gelegenheit hatte, ihre Deutschkenntnisse auszubauen, wollen wir durch neue Angebote unterstützen.

Handlungslinie 21: Mehrsprachigkeit berücksichtigen.

Angesichts der Frankfurter Realität wollen wir den unverzichtbaren Deutscherwerb und die faktische Mehrsprachigkeit einer wachsenden Zahl Frankfurter Familien nicht als Gegensatz betrachten oder gar argumentativ gegeneinander ausspielen. Muttersprachen sind kostenlose Bildung. Mit den Sprachen, die Eltern am besten können, vermitteln sie erzieherische Autorität, kulturelle Bildung und intellektuelle Werte. Angemessene Deutschkenntnisse sind ein wesentlicher Schlüssel zu Erfolg und Teilhabe an unserer Gesellschaft. Zum erfolgreichen Deutscherwerb gehört, zumal wenn das Erlernen der deutschen Sprache spät einsetzt, die Begleitung eines kontinuierlichen Lernprozesses. In Frankfurt gehört dazu aber auch oft die Aufgabe, einen Sprachwechsel behutsam und verständnisvoll so zu gestalten, dass der bisherigen Sprache und der mit ihr verbundenen Identität Anerkennung widerfährt. Mehrsprachigkeit gelingt nicht von allein, im Schulalter ist zumal der Schrifterwerb eine zusätzliche Belastung. Kinder, die mehrere Muttersprachen nicht richtig erwerben, bedauern dies oft später im Leben als verpasste Chancen, können das Versäumte aber nicht mehr ausgleichen. Bildungsstand und Sprachvermögen, Engagement, finanzielle Möglichkeiten und die verfügbare Zeit von Eltern beeinflussen den Erfolg ebenso wie eine geeignete oder fehlende Unterstützung durch die Umgebung und das Bildungssystem. Unerfahrene Eltern sehen in Mehrsprachigkeit nicht nur einen Schatz, sondern auch eine Belastung in der Sorge, etwas falsch zu machen. Er- ziehungsberechtigte sind daher in der Förderung mehrsprachiger Kinder früh zu unterstützen. Kindertageseinrichtungen und Schulen sind auf einen kompetenten Umgang mit Mehrsprachigkeit vorzubereiten.

Handlungslinie 22: Differenziertes Deutschkursangebot sicherstellen.

Die Stadt Frankfurt setzt sich dafür ein, dass es in der Stadt ausreichend und qualitativ hochwertige Angebote an Deutschunterricht für Erwachsene gibt. Sie unterstützt die Durchführung der Integrationskurse des Bundes und ergänzt Information und Beratung für eine Teilnahme. Für einige Zielgruppen sind diese Angebote in Niveau und Teilnehmergruppen oder aufgrund besonderer Lernerfahrungen und Lebensbedingungen nicht direkt zugänglich. Für diese Gruppen sind die erfolgreichen Angebote städtischer und privater Träger weiterzuentwickeln. Interessierte wissen bisweilen wenig über existierende Angebote. Viele, die Unterstützung im Deutscherwerb benötigen würden, haben Schwierigkeiten, ihr Leben auf die Ansprüche eines anstrengenden Unterrichts einzustellen oder können sich entsprechende Fortbildungen nicht leisten. Information über Sprachkurse und mögliche Unterstützung sind daher so zu gestalten, dass sie die Zielgruppen erreicht und anspricht.

Handlungslinie 23: Deutschkenntnisse sicherstellen.

Ausreichende Kenntnisse in der Sprache des Bildungssystems sind eine entscheidende Voraussetzung für den Schulerfolg. Es ist sicherzustellen, dass alle Kinder bei der Einschulung über angemessene Deutschkenntnisse verfügen. Wir wollen dafür auch Methoden, Instrumente und einen guten Zeitpunkt für mögliche altersgerechte Sprachstandsmessungen für alle Kinder prüfen, die der Vielzahl individuellen Spracherwerbs, dem sozio-ökonomischen Hintergrund und der sprachlichen Herkunft Rechnung tragen. Es ist insbesondere zu prüfen, inwiefern punktuelle Tests durch eine ganzheitliche und längerfristige Beobachtung und Dokumentation der Kommunikationsfähigkeit ergänzt werden müssen. Für Kinder, die einen besonderen Sprachförderbedarf aufweisen, müssen geeignete und nicht diskriminierende Fördermaßnahmen vorhanden sein.

Handlungslinie 24: Räume für Kommunikation schaffen.

Sprachen müssen gesprochen werden, zumal zwischen Muttersprachlerinnen bzw. Muttersprachlern und Lernenden. Dies erfordert manchmal Geduld und Verständnis sowie die Akzeptanz anderer Akzente und Ausdrucksweisen. Wir wollen sicherstellen, dass Kommunikation tatsächlich stattfindet und dass sich zumal Deutschlernenden dafür ausreichend Bezugspunkte und Gelegenheiten bieten, bei denen sie sich wohl, gleichberechtigt und ernst genommen fühlen. Aktivitäten im Stadtteil, Bürgerversammlungen oder die Angebote öffentlich subventionierter Kulturinstitutionen bieten dafür viele Gelegenheiten, sind aber auch daraufhin auszurichten, ggf. mit gezielten, respektvollen Hilfestellungen. Räume und Anlässe für Mehrsprachigkeit sollen zugleich niedrigschwellige Zugänge zum Gebrauch der deutschen Sprache fördern. Durch praktische Handreichungen und Fortbildungen kann die Sensibilität der Bevölkerung für besondere Lernsituationen im Spracherwerb gefördert werden.

Abstimmung mit anderen Akteuren.

Spracherwerb gelingt letztlich nicht in Unterrichts- zimmern oder Lerngruppen, sondern im wirklichen Miteinander. Dafür wollen wir Initiativen und Institutionen im Umfeld der Lernenden vernetzen und Anlässe zum kontinuierlichen Spracherwerb von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen schaffen: Sprachen lernt man am besten gemeinsam. Wir benötigen daher die Hilfe von Vereinen, sprachlichen 'Communities', von Vermietern und Arbeitgebern, um dafür zu sorgen, dass auch im sozialen Umfeld von Lernenden, ihren Freunden und Verwandten die anspruchsvolle Lernsituation akzeptiert und unterstützt wird. Wir wollen für die Bedeutung des deutschen Spracherwerbs als fächerübergreifendes Prinzip werben, uns dafür einsetzen, dass Lehrpläne, Studiengänge, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen darauf auszurichtet werden und dass abgestimmte Lernmaterialien weiterentwickelt werden.