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29.05.2020 at 21:30 o´clock

Hülya-Tag 2020

Rede der Integrationsdezernentin Sylvia Weber

Der 29. Mai ist ein wichtiges Datum im Frankfurter Kalender. Heute, am Hülya-Tag, wurde den Opfern des rassistischen Brandanschlages vor 27 Jahren gedacht. Die Dezernentin legte in Erinnerung an den Anschlag einen Kranz nieder und hielt folgende Rede: 

Liebe Mitstreiter*innnen, sehr geehrte Anwesende,

der 29. Mai ist wie jedes Jahr sehr bewegend. Ich danke den Organisator*innen, dass sie das Gedenken an Hülya und die gesamte Familie Genç am Leben halten und auch immer wieder auf Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft aufmerksam machen.

Es hilft gemeinsam zu trauern, zu gedenken. Und es hilft, sich bewusst zu machen, dass es viele Verbündete gibt im Kampf gegen Rassismus und rechtsextreme Gewalt.

Darum komme ich selbst auch jedes Jahr hierher und werde einen Kranz für die Stadt Frankfurt niederlegen.

Doch dieses Jahr, das ist mein ganz persönliches Gefühl, ist etwas anders. Hanau hat etwas verändert in unserem Land. Der rassistische Terror hat das Land voll ergriffen. Der strukturelle Rassismus in unserer Gesellschaft ist so offen zu Tage getreten wie nie zuvor.

Mich beschäftigt dieses Ereignis persönlich immer noch sehr. Es ist kaum zu ertragen, dass Menschen wieder Angst haben müssen, dass sie zum Teil sogar - das berichten mir Menschen aus den betroffenen Communities - auf gepackten Koffern sitzen, falls es doch wieder zu Pogromen kommt in diesem Land.

Es hat mich darum auch sehr wütend gemacht, als kurz dem Hanauer Anschlag die ersten wieder versuchten, die Tat zu relativieren. Zu verharmlosen als Einzelfall, als Tat eines psychisch Kranken oder wie einige gut Meinende sagten: ein Anschlag „auf uns alle“.

Nein, das war kein Anschlag auf uns alle. Es war ein rassistischer, ein rechtsterroristischer Mordanschlag, dem 9 Menschen zum Opfer gefallen sind, weil sie nicht in das rassistische Weltbild des Mörders passten.

Auch Hülya, auch die Familie Genç musste deshalb sterben. Fünf Menschen starben bei dem Brandanschlag vor 27 Jahren in Solingen. Weitere 17 wurden verletzt, zum Teil für ihr Leben lang. Über 200 weitere Mordopfer rassistischer Gewalt gab es seitdem.

Ich bin stolz auf unseren Hülya-Platz. Er ist eine Initiative aus der Mitte Frankfurts, eine Initiative von vielen der auch heute hier Anwesenden. Ein sichtbarer Bezugspunkt dafür, dass unsere Stadt eine Stadt ohne Rassismus sein soll. Es ist der erste Platz in der Bundesrepublik, der an muslimische Opfer rassistischer Gewalt erinnert.

Doch es ist nicht nur der Terrorismus, der unsere Gesellschaft zersetzt. Der alltägliche Hass, die Diskriminierungen, die viele Menschen, die People of Color tagtäglich ertragen müssen, zerstört die Grundlage unseres Zusammenlebens.

Wir wollen auch nicht vergessen, wie die damalige Bundesregierung 1993 mitteilte, sie wolle nicht in einen „Beileidstourismus“ verfallen und einen Besuch am Ort des Verbrechens unterließ. Auch das ist Ausdruck strukturellen Rassismus.

Zuletzt ist der Fall einer jungen Frau in Groß-Gerau bekannt geworden. Nur einen Monat nach Hanau wird sie an einer Bushaltestelle, in einer normalen Alltagssituation plötzlich brutal gedemütigt und angegriffen. Viele bekommen es mit - niemand tut etwas. Die Polizei verharmlost, nimmt den Fall nicht ernst.

Zivilcourage, liebe Freundinnen und Freunde. Wir brauchen mehr Zivilcourage! Wir alle können etwas tun, wenn wir Hass und rassistische Gewalt erleben. Egal, ob wir groß oder klein sind, ob stark oder schwach. Wir können schreien, wir können Hilfe holen. Das wäre das Mindeste.

Und wir müssen mit offenen Augen durch unsere Stadt gehen. Um die Ecke gibt es eine Shisha-Bar. Es gibt auch noch weitere auf der Leipziger Straße. Einige stören sie, mich stören sie nicht. Doch so oder so: Wir müssen aufhören, gegen sie vorzugehen, als wären es die Brutstätten des Bösen. Shisha-Bars sind auch ein Treffpunkt für viele Menschen die anderswo abgewiesen werden, weil sie nicht zum weißen Zielpublikum passen. Ich wehre mich dagegen, diese Orte systematisch zu stigmatisieren.

Als Stadt Frankfurt am Main haben wir uns aufgemacht, gegen strukturellen Rassismus vorzugehen. Wir werden mehr investieren in Antirassismusarbeit, in Präventionsprojekte und in die Arbeit der vielen Engagierten vor Ort. Ich werde als Integrationsdezernentin auch zukünftig die Verantwortung von Behörden, auch den Sicherheitsbehörden thematisieren.

Basisdemokratische Initiativen, wie das neu gegründete “Netzwerk gegen Rassismus in Bockenheim“ sind lebensnotwendig für unsere Stadt und das Zusammenleben. Als Politik können und müssen wir davon lernen.

Lernen können wir auch heute noch von der bewundernswerten Haltung der Familie Genç. Mir bleiben die Worte von Johannes Rau in Erinnerung, der als Bundespräsident 10 Jahre später sagte: „Da war kein Hass, kein Abschied, sondern stets der Ruf nach Versöhnung zwischen den Menschen und den Völker. Das ist das positive Signal nach der schrecklichen Tat.“

Es liegt an uns, solche positiven Signale selbst zu Taten werden zu lassen. Sie alle tun dies. Dafür danke ich Ihnen.

 

 

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